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Geheimnisse teilen: Das Smartphone wird zum Beichtstuhl

Die Apps Secret und Whisper laden dazu ein, intime Geständnisse zu machen. Die Nutzer bleiben anonym – oder glauben das zumindest. Bereits ist Facebook auf diesen Trend aufgesprungen.

Es geht um Geheimnisse wie dieses: «Mein Mann weiss nicht, dass unsere beiden Kinder nicht von ihm sind. Sie sind von seinem Bruder.» Oder auch dieses: «Ich arbeite auf dem Friedhof und pflanze manchmal Blumen an die Gräber um, die nie jemand besucht.»

Früher nahmen die Menschen in der Kirche auf einem Beichtstuhl Platz, um Geständnisse abzulegen, heute stellen sie diese ins Internet. In verschiedenen neueren Apps geht es genau darum: intime Geheimnisse mit seinen Mitmenschen zu teilen. Secret oder Whisper heissen diese Applikationen. Die Nutzer geniessen den Schutz der Anonymität – zumindest wird ihnen das versprochen.

Das ermöglicht eine ganz andere Kommunikation, als wir sie von Facebook und Twitter kennen. Dort kann man sich mit einem unbedachten Post seinen Ruf ruinieren – und je bekannter, je angesehener man ist, desto grösser auch die Fallhöhe. Hier jedoch sind alle gleich, namenlos eben. Ruinieren kann man nichts, nur andere aufwühlen, vor den Kopf stossen, oder vielleicht auch einmal zum Nachdenken anregen. Manche mögen auch das Mitgefühl anderer Menschen oder deren Rat suchen, denn die Posts können kommentiert werden.

Ein Chatraum für Depressive

Sowohl Secret als auch Whisper offenbaren Geheimnisse, doch geschieht das nach einer je eigenen Logik. Bei Secret sieht der Nutzer die Posts seiner Facebook-Freunde und der «Freunde der Freunde» – ohne dass deren Namen verraten werden. Es werden Geständnisse gemacht wie dieses: «Ich habe auf meiner Hochzeit mit zwei Männern getanzt, mit dem, den ich geheiratet habe und mit dem, den ich gerne geheiratet hätte.» Natürlich fragt man sich da, wer aus seinem Umfeld das sein könnte – und hat sogar eine gewisse Chance, es herauszufinden.

Bei Whisper werden die Posts nicht aufgrund der sozialen, sondern aufgrund der geografischen Nähe geordnet. Man nimmt so wahr, was die Menschen fühlen, die beispielsweise im Umkreis von zwei Kilometern wohnen. Da liest man dann Dinge wie: «Und der Krebs hat nun doch auch mich gefunden. Der Horror, (...) dass ich es meiner Familie und Freunden beibringen muss. Wie soll ich das nur angehen?» Unweigerlich fragt man sich, wo wohl diese Person wohnt, ob man ihr vielleicht heute Morgen im Bus begegnet ist.

Ehrlich, deftig und dennoch irgendwie unverbindlich. Damit passen die Apps ganz gut in den von Anonymität und Flüchtigkeit geprägten Zeitgeist. Facebook hat bereits auf diesen Trend reagiert. Letztes Jahr startete das soziale Netzwerk eine Applikation namens Rooms (vorerst nur für iPhone und iPad erhältlich). Hier kann man sich in verschiedenen Chaträumen mit anderen Nutzern austauschen, ohne seinen richtigen Namen mitzuteilen oder gar ein Profil anlegen zu müssen. Ein Pseudonym reicht aus. Nicht mehr ganz junge Nutzer fühlen sich zurückerinnert an die guten alten Chatrooms, wie es sie noch gab, ehe die sozialen Netzwerke aufkamen, deren Ziel es nicht nur ist, Leute zu vernetzen, sondern auch ihre Daten zu sammeln.

Die Räume sind thematisch gegliedert: Es gibt einen für «Kaninchen-Liebhaber», einen für «Cupcake-Bäckerinnen» und einen für «Angehörige von Krebspatienten». Sollte eine Nische noch nicht abgedeckt sein, steht es jedem Nutzer frei, einen eigenen Raum dafür zu gründen. Die Anonymität ermöglicht Diskussionen, die sich auf Facebook selbst nicht führen liessen. Denn wer würde schon mit seinem Profil einer Gruppe beitreten, die mit «Depression» überschrieben ist? Oder mit «Homosexuelle aus dem Iran»? Facebook beteuert, dass die Daten aus Rooms nicht mit den Profilen des sozialen Netzwerks abgeglichen werden. Das muss man glauben, denn wirklich nachprüfen kann man es nicht.

Die Geheimnis-Apps machen es möglich, alles zu sagen, ohne (soziale) Konsequenzen spüren zu müssen. «Wir haben einen Ort geschaffen, an dem man sich frei von Angst anderen mitteilen kann, um Feedback und Kommentare zu bekommen», sagte Secret-Gründer Chrys Bader gegenüber «Spiegel online». Deshalb liest man hier auch Posts, die mehr Substanz haben als Social-Network-Floskeln wie «Auf geht’s nach Paris!» oder «Great evening with XY!». Man könnte den Unterschied so auf den Punkt bringen: Auf Facebook inszenieren sich die Leute so, wie sie wahrgenommen werden wollen, auf Secret und Co. geben sie sich so, wie sie wirklich sind. Allerdings ignorierte man dann den Umstand, dass auch Geheimnisse inszeniert werden können.

Viele der Geständnisse klingen einfach zu gut, um wahr zu sein. Und so besteht einer der Hauptreize der Apps darin, sich zu fragen, ob ein Statement wirklich zutrifft oder bloss erfunden ist. Zum Beispiel dieses hier: «Meine Ex-Freundin hat mir ein Foto geschickt, auf dem sie mit ihrem neuen Freund schläft. Ich habe es ihrem Vater geschickt.» Oder dieses: «Ich habe acht Rasierklingen gekauft. Weil ich mich ritze, macht mich das glücklich. Aber ich schäme mich, dass ich sie brauche.»

Der Blick in die Psyche

Die auf Whisper, Secret und Co. gemachten Aussagen handeln oft von den Abgründen der Psyche. Damit sagen sie – sofern sie nicht inszeniert sind – mehr über ein Individuum aus als tausend flapsige Sprüche auf Facebook und wären wie geschaffen, um mehr Tiefe in die Datenprofile der Internetnutzer zu bringen. Die Frage ist jedoch, wie man solche anonym generierten Daten verwerten soll. Und irgendwie muss ja einmal mit den Apps Geld verdient werden, schliesslich wurden schon Dutzende von Millionen an Risikokapital hineingesteckt. Von «Spiegel online» gefragt, ob man über ein Bezahlmodell oder Werbung nachdenke, antwortete der Secret-Gründer: «Das ist ein Geheimnis.»

Nicht ganz so geheim, wie erhofft, sind indes die Daten der Nutzer. So machte der «Guardian» publik, dass Whisper die IP-Adressen speichert. Damit lässt sich der ungefähre Aufenthaltsort eines Nutzers ermitteln, auch wenn dieser die Angabe des Standorts in den Einstellungen ausdrücklich verweigert. Die Daten, so der Bericht, würden auch dem US-Verteidigungsministerium zur Verfügung gestellt. Jemandem ein Geheimnis anzuvertrauen, stellt eben immer ein Risiko dar. Im Digitalzeitalter ganz besonders.

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