Online-Kommentare

Fluch oder Segen? So geht unsere Redaktion mit Leser-Feedback um

Digitalchef Rolf Cavalli: «Nicht jenen das Feld überlassen, die am lautesten schreien.»

Digitalchef Rolf Cavalli: «Nicht jenen das Feld überlassen, die am lautesten schreien.»

Beleidigungen, Wutausbrüche, offener Rassismus im Netz: Wie geht eigentlich unsere Redaktion mit Online-Kommentaren um? Rolf Cavalli, Chef Digitale Medien der «Nordwestschweiz», nimmt zu sieben Punkten Stellung.

Die Ausgaben der «Nordwestschweiz» haben in den letzten Tagen das Thema des zunehmenden Rassismus im Netz aufgegriffen. Der Grüne Nationalrat Balthasar Glättli nahm dabei in einem Interview auch die Redaktionen in die Pflicht und forderte sie auf, stärker einzugreifen.

Eine gute Gelegenheit aufzuzeigen, nach welchen Kriterien unserere Redaktion Leser-Kommentare freischaltet, mit welchen Problemen sie im Alltag zu kämpfen hat und wie sich die Leser-Interaktion in Zukunft verändert wird.


1. Die Richtlinien: Wir veröffentlichen Kommentare gerne, sofern sich die Leser an ein paar grundlegende Regeln halten: Beiträge, die Beleidigungen, Verleumdungen oder Diffamierungen enthalten, werden nicht veröffentlicht. Das wird im Kommentarfeld unter jedem Artikel auch so kommuniziert.

2. Die Kontrolle: Die Beiträge werden von der Online-Redaktion vorab gesichtet, bevor sie online gehen. Kommentare, welche sich nicht an die Richtlinien halten, werden gelöscht. Wichtig als Kontrollorgan sind auch die Leser selber. Mit der Funktion «Kommentar melden» können sie die Redaktion benachrichtigen, wenn sie einen Beitrag eines anderen Lesers auf unserem Portal sehen, der ihrer Ansicht nach zu weit geht. Teilt die Redaktion die Bedenken, löscht sie den bereits veröffentlichten Kommentar wieder.

3. Die Probleme im Alltag: Bei der täglich wachsenden Menge an Beiträgen wird die Sichtung der Kommentare laufend aufwändiger. Deshalb kann es vereinzelt passieren, dass der zuständige Redaktor mal einen Kommentar freischaltet, der vielleicht zu 90 Prozent in Ordnung ist, aber in einem Nebensatz eine Äusserung enthält, die nicht an die Öffentlichkeit gehört. Sobald ein Kollege den Fehler merkt oder wie oben beschrieben ein aufmerksamer Leser diesen meldet, wird der entsprechende Kommentar im Nachhinein gelöscht.

4. Kein Recht auf Veröffentlichung: Um das Risiko eines fälschlicherweise publizierten Leserkommentars zu minimieren, löscht die Online-Redaktion lieber mal einen Kommentar zuviel als zu wenig. Es kommt deshalb vor, dass sich Leser beschweren und fragen, warum ihr Kommentar nicht veröffentlicht worden ist. Wenn immer möglich schreiben wir diesen Usern zurück und erklären den Sachverhalt. Manchmal scheitert die Freischaltung auch daran, dass der Beitrag viel zu lang, in Mundart verfasst ist oder sich um die Rechtschreibung foutiert. Grundsätzlich gibt es kein Recht auf Veröffentlichung eines Kommentars.

5. Die Anonymität: Regelmässig kommt die Forderung auf, keine Kommentare freizuschalten, die einen anonymisierten Absender haben bzw. mit einem erfundenen Namen gezeichnet sind. Die sogenannten Nicknames haben sich allerdings in Internet-Communities längst durchgesetzt und etabliert. Leser mit absurden oder geschmacklosen Nicknames ignoriert die Redaktion aber von Fall zu Fall.
Einen direkten Zusammenhang zwischen anonymisierten Schreibern und extremistischen Inhalten gibt es aber nicht. Im Gegenteil: Oft schreiben Extremisten unter ihrem echten Namen (wie im Artikel über Netz-Rassisten beschrieben), dann allerdings eher direkt in den sozialen Medien, nicht via Zeitungsportale. Entscheidend für die Redaktion ist, dass der Kommentarschreiber identifizierbar ist bei Nachfrage. Die Redaktion sperrt einen Leser bzw. einen Account im Zweifelsfall. 

6. Eine neue Kommentar-Funktion: Wir versuchen, es sowohl den Lesern als auch den Redaktoren möglichst einfach zu machen. Deshalb werden wir unsere Kommentar-Funktion demnächst umrüsten und verbessern. Neu wird die Hürde für die Anmeldung erhöht. Nur noch Leser mit einem Login bei uns oder einer Social-Media-Plattform werden kommentieren können. Das wird möglicherweise die Menge an Kommentaren leicht reduzieren. Die engagierten und treuen Leser werden dadurch aufgewertet und die Kommentare schneller freigeschaltet, weil die Löscharbeit der Redaktion abnehmen sollte. Zudem können die Leser die Kommentare der anderen direkt bewerten und ebenfalls wieder kommentieren. Gut bewertete Kommentare werden automatisch prominenter platziert. Von diesen Massnahmen versprechen wir uns eine auch für die Gesamtleserschaft interessantere Kommentier-Kultur.

7. Die Zukunft der Leser-Interaktion: Die Kommentier-Funktion auf Online-Portalen ist sozusagen die Nachfolge der Leserbriefspalten - aber für viele User auch bereits wieder veraltet. Die Diskussionen finden zunehmend in den sozialen Medien statt, in der Schweiz ist das in erster Linie Facebook. Dort müssen sich Journalisten und Medien wieder ganz neu bewegen: nämlich auf Augenhöhe mit - nein, nicht in erster Linie mit Lesern - in erster Linie schlicht mit anderen Menschen, die auch etwas zu sagen haben. Die Interaktion mit ihnen wird massiv an Bedeutung gewinnen. Die Auseinandersetzung der Redaktionen mit Feedback darf sich nicht auf die notwendige Bekämpfung von extremistischen und rassistischen Meinungsäusserungen beschränken. Wer einen lesernahen, erfolgreichen Journalismus machen will, wird sich noch viel konsequenter die Möglichkeiten des Netzes zunutze machen und hören und lesen, was in den diversen Blogs, Foren, etc. thematisiert und diskutiert wird.

Wir müssen jenen Raum und eine Stimme geben, die etwas zu sagen haben und dürfen das Feld nicht jenen überlassen, die am lautesten und am dümmsten schreien.

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