Um die Jahrtausendwende herum trafen sich leitende Google-Mitarbeiter zu einer wichtigen Sitzung. Ihr Ziel: Ethische Richtlinien für das stark wachsende Unternehmen festlegen. Nach einer langwierigen Diskussion machte der Programmierer und Gmail-Schöpfer Paul Buchheit einen Vorschlag, der in seiner Kürze und Formelhaftigkeit alle überzeugte: «Don’t be evil» (Deutsch: «Sei nicht böse»). Seither ist das Motto ein fester Bestandteil von Googles Credo und leitet den Verhaltenskodex ein, zu dessen Einhaltung sich jeder Google-Mitarbeiter verpflichtet.

Buchheit sagte später, dass er einen Wahlspruch wollte, den man erst niedergeschrieben nur schwer wieder loswerden könne. Wohl aus diesem Grund entfernte Google das Motto ohne vorherige Ankündigung irgendwann zwischen Mitte April und Anfang Mai aus dem Verhaltenskodex. Das Unternehmen strich diese ersten drei Worte des Schriftstücks samt des ersten Abschnitts, der die Maxime konkretisierte: dass Angestellte dem Gesetz folgen, ehrenhaft handeln und Mitarbeitern mit Respekt begegnen müssten. Das Motto kommt immerhin noch im Schlusssatz des Kodex vor, wo es heisst: «Und denk daran... Sei nicht böse und sag, wenn du etwas siehst, von dem du denkst, dass es nicht richtig ist.»

Google hilft US-Militär

Diesen Verhaltensgrundsatz beherzigte jüngst ein ganzes Heer an Google-Mitarbeitern: Seit April unterzeichneten mehr als 4000 Angestellte einen Protestbrief an CEO Sundar Pichai. Gegenstand des firmeninternen Aufruhrs ist das «Project Maven», ein breit angelegtes Künstliche-Intelligenz-Pilotprojekt des US-Militärs, an dem sich Google massgeblich beteiligt. Der Konzern stellt dem Pentagon künstliche Intelligenz (KI) für die Analyse von Drohnen-Videomaterial zur Verfügung.

Das ursprüngliche Ziel des Militärprojekts ist, dass Drohnen Objekte wie Autos und Menschen mittels maschinellem Lernen blitzschnell erkennen und klassifizieren können. Die protestierenden Google-Angestellten wenden sich gegen diese unheilige Allianz, weil sie befürchten, dass Google zur Entwicklung autonomer Waffensysteme beitragen könnte. In ihrem Brief appellieren sie an die ethische Verantwortung des Konzerns und fordern eine sofortige Einstellung des Projekts sowie einen klaren Verzicht auf die Entwicklung von Kriegstechnologie. Dabei berufen sie sich ausdrücklich auf Googles langjähriges Motto.

Derzeit sieht es nicht aus, als wolle die Konzernleitung diesem Wunsch nachkommen. Im Gefolge des weltweiten KI-Wettrüstens dürfte sich die Zusammenarbeit mit dem US-Militär für Google bezahlt machen: Laut dem «Wallstreet Journal» hat das US-Verteidigungsministerium allein im letzten Jahr 7,4 Milliarden US-Dollar in KI-Projekte investiert. Andere Techkonzerne wie Amazon und Microsoft buhlen ebenfalls um milliardenschwere Aufträge. Da es keine Anzeichen für ein Einlenken seitens Google gibt, hat ein Dutzend Mitarbeiter aus Protest gekündigt.