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Ein Klick auf «Allen antworten» löst ungewollt eine Welle guter Laune aus

Wer aus Versehen beim Beantworten einer E-Mail auf «Allen antworten» klickt, macht sich normalerweise Feinde. Doch diesmal geschah etwas ganz anderes.

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Der gefährlichste Outlook-Knopf den es gibt.

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Es war ein sonniger Dienstagmorgen, als sich die Adressatin Suzanne S. für eine Mail-Einladung zu den anstehenden Bautagen im aargauischen Rothrist herzlich bedankt und anmeldet. Die Veranstalter der Bautage wird dies sicherlich freuen. Freude aber hatten auch die weiteren Adressaten der Verteilerliste, – vornehmlich Medienschaffende – denn die E-Mail-Senderin Suzanne S. hat beim Beantworten der E-Mail den Button «Allen antworten» gewählt und damit den ganzen Verteiler mit ihrer Antwort beehrt. Was aber dann passiert, überrascht: Es entsteht eine schweizweite Diskussion.

Diverse Adressaten, darunter mehrere Chefredaktoren von Schweizer Publikationen, melden sich bei der vermeintlichen Falsch-Senderin und informieren sie über ihren Fehl-Versand - natürlich, ohne die restlichen Adressaten aussen vor zu lassen. Personen aus der ganzen Schweiz wünschen sich einen wundervollen Arbeitstag. Auch die Mailbox des Nordwestschweiz Netz bleibt von den vielzähligen E-Mail-Antworten nicht verschont. Dennoch: Beim Löschen jedes einzelnen Mails bleibt ein Lächeln zurück auf den Lippen. Ein Missgeschick mit positiven Folgen.

Damit aber nicht genug: Was mit frühmorgendlichen Tagesgrüssen begonnen hat, weitet sich zu «Schöne-Mittagspause»-Grüssen aus. Die Verteiler-Community scheint ein Bedürfnis nach guten Taten und Worten zu verspüren. So viel Freundlichkeit ist man sich zwischen Medienschaffenden wahrlich nicht gewohnt. Wer Wut oder Entrüstung über ein überquellendes Mail-Postfach erwarten würde, liegt damit definitiv falsch. So erfreut sich eine Adressatin über das damit einhergehende Gruppengefühl und schreibt: «Schön, wie wir alle vernetzt sind.» Ein Zwinker-Smiley unterstreicht die gutgelaunte Mitteilung. Was zeigt: Es gibt nicht nur die Social-Media-Community, sondern immer noch die gute alte Mail-Community.

Die Nachrichten werden teils ausführlicher. Ein Adressat bedauert: «Ich vermute mal, das ich nicht alle persönlich kennen lernen werde – wäre sicher lustig.» Mail-Listen als neue Dating-Plattform? Zumindest nimmt ein weiterer Adressat diese Notiz als Vorlage für den Steilpass und fragt direkt: «Liebe Suzanne S., fänden Sie es nicht schön, wenn wir alle zusammen einen Apéro machen – so lernen wir uns auch persönlich kennen?» Die Apéro-Forderung wird in diversen Mails wiederholt, es kommt sogar der Vorschlag einer Retraite, einer Zusammenkunft zum Austausch untereinander. Der Höhepunkt nach Dutzenden Mails ist allerdings ein Goethe-Gedicht des Chefredaktors einer Regionalzeitung:

«Stehe! Stehe! / Denn wir haben / Deiner Gaben / Vollgemessen! – / Ach ich merk es, wehe! wehe! / Hab ich doch das Wort vergessen!»

Inzwischen gibt es tatsächlich eine Einladung für einen Apéro der via Doodle an alle Adressaten ging: «Liebe Kollegen und Kolleginnen, nachdem gestern [Anm. der Redaktion: am Dienstag] beim unfreiwilligen Stilhaus-Chat ein Apèro gewünscht wurde, dachte ich, man könne tatsächlich ein derartiges Networking-Event anstossen. Deshalb nun hier mögliche Termine für ein ungezwungenes Zusammensein.»

Die ursprüngliche Falsch-Absenderin Suzanne S. hat sich übrigens in der ganzen Mail-Diskussion nie gemeldet. (lgi/fam)

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