Am 21. Dezember 1948 geschieht das Unvorstellbare: Während noch der Zweite Weltkrieg tobt, gelingt es den Nazis, eine Atombombe über Manhattan abzuwerfen. Die US-Regierung kapituliert. Der Krieg ist zu Ende, die Nazis haben gewonnen.

In dieses alternative Geschichtsszenario wirft die Millionenproduktion «Wolfenstein 2» den Gamer. In der Rolle des US-Bürgers B.  J. Blazkowicz kämpft man Anfang der 60er-Jahre gegen ein Amerika, das von Nazis besetzt und indoktriniert wurde. Als die Fortsetzung des Kultspiels diesen Sommer offiziell angekündigt wurde, riefen ultrarechte Gamer, Alt-Right-Sympathisanten und Internettrolle zu einem Boykott des Spiels auf und kommentieren es in Diskussionsforen und sozialen Medien hasserfüllt. Das Spiel würden eine Ideologie verbreiten, die sich gegen Weisse richte. Im Übrigen hätten Spiele gefälligst unpolitisch zu sein, hiess es. Einige der Spieler witterten gar eine jüdische Verschwörung, die zum Ziel habe, die Spieleindustrie zu zerstören.

Die Reaktion kam überraschend, denn «Wolfenstein» hat eine lange Tradition: Das Original erschien 1992 und gilt als Begründer des Ego-Shooter-Genres. Bis zum heutigen Tag sind acht Nachfolger erschienen, und in fast allen ging es in der Rolle des Videospielhelden B. J. Blazkowicz mit Waffengewalt gegen Nazis. Auch das letzte «Wolfenstein» von 2014 löste keine vergleichbare Kontroverse aus.

Jahre alt ist das Original: «Wolfenstein 3D» kam 1992 für MS-DOS auf den Markt und gilt als Meilenstein der Computerspielgeschichte.

25

Jahre alt ist das Original: «Wolfenstein 3D» kam 1992 für MS-DOS auf den Markt und gilt als Meilenstein der Computerspielgeschichte.

Politisches Klima ist anders

Was sich in den letzten drei Jahren verändert hat, ist nicht das Spiel, sondern das politische Klima: Mit Donald Trump ist ein Präsident im Amt, der rechtsextreme Ansichten stillschweigend hinnimmt. Besonders deutlich zeigte sich das nach den Vorfällen in Charlottesville, als Trump auf eine klare Verurteilung der rassistisch motivierten Gewalt verzichtete und gar die Schläger in Schutz nahm. Gegen Nazis zu sein, das scheint in Trumps Amerika nicht mehr so selbstverständlich wie vor wenigen Jahren.

Die Entwickler von «Wolfenstein 2» sind sich der politischen Brisanz ihres Spiels bewusst und legten Anfang Oktober nach, als sie auf Twitter mit den Worten «Make America Nazi Free Again» für «Wolfenstein 2» warben. Im beigefügten Video ist eine Parade marschierender Nazis aus dem Spiel zu sehen, während die Worte «Nicht mein Amerika» eingeblendet werden.

Das Spiel selbst ist voller Andeutungen auf die politische Situation in den USA. In der Spielwelt verstreut, findet man Zeitungssausschnitte, in denen davor gewarnt wird, dass ein «völliger Idiot» ins Weisse Haus einziehen könnte. Eine neuere Ausgabe der gleichen Zeitung feiert, dass US-Blätter keine «Fake News» mehr verbreiten würden. Der Beitrag datiert auf einen Zeitpunkt nach der Machtübernahme der Nazis.

Eine Szene versetzt den Spieler in ein US-Kleinstadtidyll. Alles wirkt perfekt, bis man genauer hinsieht: An den Häuserfassaden flattern Hakenkreuzfahnen, und Erwachsene in Ku-Klux-Klan-Montur laufen durch die Strassen. Zwei Männer unterhalten sich über den Deutschunterricht, eine junge Dame schmeichelt sich bei einem Nazi-Offizier ein. Ihr habe die Urwaldmusik sowieso nie gefallen, hört man sie sagen. Farbigen begegnet man auf diesen Strassen nirgends, denn sie arbeiten wieder auf den Feldern. Die Amerikaner, so scheint es, haben sich mit dem Nationalsozialismus arrangiert.

Der Preis der Gewalt

«Wolfenstein 2» wurde als Antikriegsspiel bezeichnet. Doch wie glaubwürdig ist seine politische Botschaft? Wie in jedem Ego-Shooter hinterlässt der Spieler Berge digitaler Leichen. Gegner treten anonymisiert und in Uniformen auf, ihre Geschichte und Identität bleibt dem Spieler verborgen. Sie werden entmenschlicht und zum Abschuss freigegeben. Wie die Feinde des Dritten Reichs.

Nazis waren nicht zufällig Zielscheibe des allerersten Ego-Shooters. Die Entwickler wollten ein Ballerspiel kreieren, in dem Menschen als Gegner auftauchten, und sie entschieden sich für Nazis, weil es weniger kontrovers war, auf das personifizierte Böse als auf unschuldige Menschen zu schiessen. Das Studio hinter «Wolfenstein 2» wiederholt das Argument 25 Jahre später: «Es geht darum, Rache an diesem menschlichen Abschaum zu nehmen. Es fühlt sich richtig gut an, zurückzuschlagen», sagte einer der Entwickler in einem Interview.

«Wolfenstein 2» kann den Widerspruch zwischen seiner politischen Botschaft (gegen Krieg) und dem Spielinhalt (Rache) nicht auflösen. Aber es ist sich dessen bewusst und thematisiert ihn: In einer Szene infiltriert man unter falscher Identität das Führerhauptquartier und spricht bei Adolf Hitler höchstpersönlich für eine Filmrolle vor. Im Propagandafilm soll der Tod des berühmten Nazi-Jägers Blazkowicz dargestellt werden.

Um sein schauspielerisches Können unter Beweis zu stellen, muss der Widerstandskämpfer vorführen, wie man einen Nazi ausser Gefecht setzt. Anstatt nur so zu tun, macht Blazkowicz das, was er immer tut, und richtet den Soldaten hin – worauf Hitler in jubelt und Blazkowicz die Rolle gibt.

Die Szene zeigt, dass die Grenze zwischen Spiel und Wirklichkeit mitunter verschwimmt, und stellt die wohl wichtigste Frage: Ob Blazkowicz in seinem erbarmungslosen Kampf gegen das Böse nicht vom Bösen vereinnahmt wurde.