Sein Wissen ist gefragt, denn er kann erklären, wie die junge Generation Smartphones und Social Media nutzt, Medien konsumiert, einkauft. Er könnte täglich auftreten, wegen seines Studiums muss er viele Anfragen ablehnen. Heute ist er per Zug und mit Rollköfferchen nach Aarau gefahren, um am «Interactive Media Talk» der Schule für Gestaltung aufzutreten. Vorher findet das Interview statt – der 40-jährige Chefredaktor befragt den halb so alten Digital Native.

Sie sind Shootingstar der digitalen Welt. Was machen Sie noch analog?

Philipp Riederle: In meiner Freizeit schalte ich das Handy bewusst ab und konzentriere mich auf meine Freunde. 

Wie stark verändert die digitale Revolution unser Leben?

Die digitalen Medien sind allgegenwärtig. Wir haben immer und überall Zugang zu jeder Information und können uns mit jeder Person auf dieser Welt austauschen. Plötzlich kann jeder seine Stimme erheben und braucht dazu keine Zeitungen oder Fernsehkameras mehr. Das ist praktisch. Gleichzeitig sind viele Menschen überfordert damit, ihr Smartphone richtig einzusetzen. Sie fühlen sich gestresst oder treiben sich vor ständigem Abgelenktsein durch Social Media gar ins Burnout.

Wie kann man vorbeugen?

Jeder sollte sich Regeln auferlegen: Wie oft nehme ich mein Smartphone zur Hand? Zu welchen Zeiten checke ich E-Mails? Wir sind die erste Generation, die damit zurechtkommen muss. Unsere Eltern konnten uns das nicht beibringen. Und wir stehen erst am Anfang der Digitalisierung. Heute ist der Computer zwar so unauffällig geworden, dass ich andauernd verbunden bin. Immerhin aber kann ich noch bewusst entscheiden, ob ich online sein will oder nicht. Was jetzt von den Technologiekonzernen vorangetrieben wird, zum Beispiel die Smartwatches oder -glasses, sehe ich ganz kritisch. Die Trennung zwischen virtuellem und echtem Leben findet dort nicht mehr statt. Wenn ich das Handy als Uhr oder Brille habe, bin ich andauernd verbunden.

Sie tönen geradezu altmodisch, wenn Sie davor warnen …

Ich frage mich auch, ob ich alt werde. Doch es macht mir in der Tat Angst, wenn auf einmal die beiden Welten so sehr miteinander verschwimmen. Die Abhängigkeit wird noch viel grösser, sodass wir als Individuen noch unbeholfener werden.

Vor 150 Jahren warnte man vor dampfenden Eisenbahnen, später vor dem Tempo der Autos – irgendeinmal werden wir alle vielleicht einen Chip implantiert haben und es ist das Normalste der Welt.

Das Schöne an Auto und Eisenbahn ist, dass sie uns nicht 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche dominieren. Wenn ich die Eisenbahn nutze, habe ich mich bewusst dafür entschieden. Genauso wie wenn ich jetzt mein Smartphone bewusst aus der Hosentasche ziehe. Wenn ich aber eine Brille dauernd trage, fällt diese bewusste Entscheidung weg. Klar: Ich kann die Brille ablegen. Was aber, wenn es zur Gewohnheit wird? Sind wir dann ferngesteuert und immer abgelenkt?

Was ist Veränderung, was ist Hype?

Jede technische Entwicklung beginnt mit einer grossen Hype-Phase, bis sich eine normale Nutzung einpendelt. Beispiel Facebook: Am Anfang war es ein halb öffentliches Online-Tagebuch. Inzwischen wird es eher als Telefonbuch verstanden, in dem der Nutzer seine Kontakte hat.

Chefs von Weltkonzernen laden Sie ein, über die digitale Revolution zu sprechen. Was erzählen Sie denen?

Es geht immer um ähnliche Fragen: Was können wir tun, um euch junge Generation, mit euren veränderten Werten, Bedürfnissen und Informationsgewohnheiten, sowohl als Konsumenten als auch als Mitarbeiter zu gewinnen? Einerseits konnte sich keine Generation vor uns so gut informieren wie wir. Andererseits zeigt die Jugendforschung, dass wir mit ganz anderen Werten aufwachsen – uns wird ja nachgesagt, wir seien Spiesser. Werte wie Heimat und persönliche Bindungen sind viel wichtiger geworden.

Gerade weil alles im Fluss und stets verfügbar ist, wird das Nahe wichtig?

Genau so lautet mein Erklärungsansatz. Für uns war in dieser vernetzten und globalisierten Welt immer selbstverständlich, dass wir überall hingehen und alles tun können. Deshalb sehnen wir uns nach ein paar Konstanten, zu denen wir immer zurückkommen können. Solche Konstanten manifestieren sich in den verlässlichen, stabilen, persönlichen Beziehungen oder im Wert Heimat.

Man sagt, Ihrer Generation fehle der Biss – weil sie im Überfluss aufgewachsen ist und sie für nichts mehr kämpfen muss.

So pauschal stimmt das nicht, es gibt in jeder Generation unterschiedliche Charaktere. Schon Sokrates wusste 400 vor Christus, dass die nachfolgende Generation immer schlimmer werde. Aber ja: Es ist ein grosser Vorteil, dass wir im Wohlstand aufwachsen durften. Wir werden nicht einfach in irgendeinen Beruf hineingestossen, sondern können selber entscheiden. Das ist ein riesiges Privileg und führt dazu, dass wir engagierter ins Berufsleben starten.

Was sind weitere Werte, die Sie als typisch erachten für Ihre Generation?

In Bezug auf das Arbeitsleben haben sich unsere Werte ganz krass verändert. Die Generation vor uns wollte laut Statistik drei Sachen erreichen: viel Geld verdienen, einen hohen Status erreichen und viel Macht ausüben. Diese Werte sind bei uns auf die hinteren Plätze gerutscht. Bei uns stehen Selbstverwirklichung, Sinnhaftigkeit des Berufes und das ideale Arbeitsumfeld ganz oben.

Und wie können jetzt Unternehmen Ihre Generation als Kunden gewinnen?

Sie müssen bedenken: Wir sind wahnsinnig bequem! Warum sollte ich mir die Mühe machen, aus meinem Bett aufzustehen, in die Stadt zu fahren, im Stau zu stehen und mich dann mit einem inkompetenten Verkäufer abzugeben, wenn ich genauso gut und günstiger alles im Bett von meinem Tablet aus erledigen kann? Einzelhandelsunternehmer, die tatsächlich noch Leute an ihren Standort locken wollen, sind dazu aufgerufen, vor Ort einen Mehrwert zu bieten. Oder es sonst den Leuten zu ermöglichen, auf andere Weise mit ihnen in Kontakt zu treten.

Auch die Medien stehen im Umbruch. Wie konsumieren Sie News?

Ich unterscheide zwischen Neuigkeiten und hochwertiger journalistischer Arbeit im Sinne von Hintergrundartikeln und Reportagen. Lange Zeit habe ich News kostenlos auf Online-Portalen und journalistische Arbeit bei der kostenpflichtigen Digital-Ausgabe der «Zeit» konsumiert. Irgendwann bin ich schlichtweg nicht mehr dazu gekommen, alle Ausgaben zu lesen. Ich habe das Abo deshalb gekündigt und mich ein Jahr lang nur online informiert. Das war mir wieder zu wenig. Jetzt kaufe ich je nach Stimmung eine oder mehrere Wochenzeitungen – aber in gedruckter Form. Ich nehme mir jeden Morgen eine Stunde Zeit, darin zu lesen. So bleibe ich intellektuell auf der Höhe.

Und das gelingt Ihnen auf Papier besser?

Ich habe keine Bindung zum Gedruckten. Eigentlich ist es digital viel praktischer. Wenn ich aber die Zeitung auf dem iPad lese, kommt ständig irgendeine neue Nachricht rein und ich werde abgelenkt. Bei meiner morgendlichen Lektüre habe ich das iPhone noch nicht eingeschaltet. Ich hocke also wie ein alter Spiesser am Frühstückstisch, lese meine Zeitung und trinke Kaffee (lacht).

Ist Ihre Generation besser informiert, weil ständig alles verfügbar ist? Oder schlechter, weil vieles oberflächlich ist?

Sowohl als auch. Es ist eine Frage des Charakters und der Medienkompetenz. Wir können viel besser informiert sein. Wenn mich interessiert, was die Russen und Syrer innerhalb ihres Landes über die anderen denken, gehe ich auf deren Internetseiten, lasse den Übersetzer laufen und weiss, was die lokalen Medien berichten. Diese Möglichkeit gab es bis vor kurzem nicht. Die Frage ist aber: Wer nutzt sie? Viele meinen ja, sie seien besonders gut informiert, weil sie dauernd irgendwelche Eilmeldungen aufs Handy geschickt bekommen und ein paar bruchstückhafte Titelzeilen bei Facebook überfliegen. Und weil man ja eh ständig up to date ist, brauchts ja auch keine Zeitungen mehr. Das ist ein Irrglaube.

Ist Ihre Generation bereit, für Inhalte Geld zu zahlen? Oder ist sie es gewohnt, alles kostenlos zu beziehen?

Das wird sich zeigen. Bei mir ist auf jeden Fall die Bereitschaft da, für meinen wöchentlichen intellektuellen Konsum Geld zu zahlen. Dort weiss ich, dass ich dafür was kriege.

Okay, aber Sie verdienen deutlich mehr als andere 20-Jährige.

Ja, aber dieses Argument zählt nicht. Zeitungen liegen in Unis kostenlos auf. Oder dann kann man auch mal einen Cocktail weniger trinken am Wochenende und dafür drei Zeitungen die Woche kaufen. Es ist letztlich eine Frage der Geschäftsmodelle. Wenn die Medien weiterhin online alle ihre Inhalte verschenken und sich keine Bezahlmodelle ausdenken, sind sie selber schuld. Sie müssen das Bewusstsein bei den Lesern wecken: Für diese Arbeit gilt es Geld zu zahlen.

Wie wichtig ist Privatsphäre für Ihre Generation?

Meine Generation kümmert sich überhaupt nicht um das Thema Privatsphäre. Das halte ich für ein massives Problem. Wir können nicht abschätzen, wie viele Daten von uns vorhanden sind. Eine englische Supermarktkette hat anhand leichter Veränderungen im Einkaufsverhalten einer 17-Jährigen festgestellt, dass sie schwanger ist, und ihr als Folge Werbung für Windeln und Babynahrung geschickt. Der Vater hat das Unternehmen verklagt. Das Brisante: Die junge Frau erfuhr erst nach Prozessende, dass sie tatsächlich schwanger ist. Die Datenanalysetools sind so ausgefeilt, dass sie anhand kleiner, unbewusster Veränderungen im Einkaufsverhalten eine Schwangerschaft feststellen können – selbst wenn die Frau selber noch nichts davon weiss!

Das erschreckt auch Sie?

Aber natürlich! Wenn ein Supermarkt so etwas weiss, was weiss dann mein Mobilfunkunternehmen über mich? In Deutschland darf übrigens seit neustem ein Telekom-Unternehmen 30 Tage lang meine ganzen Positions- und Telefondaten speichern. Was sagt denn das zusammen mit meiner Kreditkarte und dem Google-Konto über mich aus?

Vermutlich sehr viel. Aber auch daran wird man sich gewöhnen.

Lassen Sie mal Ihre Fantasie spielen: Was können Algorithmen mit meinen Google-Suchanfragen über mich und meine Persönlichkeit herausfinden? Wahrscheinlich lässt sich damit ein genaueres Persönlichkeitsprofil erstellen, als es jeder Psychiater könnte. Es gibt keine Geheimnisse mehr. Google kennt von uns allen die Leichen im Keller. Wenn plötzlich Geheimdienste mein Einkaufsverhalten dank Kundenkarte, Ortungsdiensten, Telefonieverhalten, Kontobewegungen und Suchanfragen auswerten, kennen die mich besser, als ich mich selber kenne.