Plutowiki weiss alles über den Schienenverkehr in Bosnien und Herzegowina. Auf Wikipedia hat der 56-jährige Schweizer genau über dieses Thema geschrieben. Natürlich ist Plutowiki kein bürgerlicher Name sondern ein Pseudonym, aber das kümmerte an der Wikicon, dem jährlichen Treffen der deutschsprachigen Wikipedia-Autoren, niemanden. An der Convention wird jeder mit seinem Pseudonym angesprochen und natürlich ist man per Du.

Auch der Ort des Treffens war denkbar unspektakulär: die Räumlichkeiten der Kantonsschule am Burggraben in St. Gallen. Es ist die neunte Wikicon – und die erste, die in der Schweiz stattfindet. Noch nie kamen so viele: 289 deutschsprachige Wikipedianer diskutierten letztes Wochenende in St. Gallen. Zum Beispiel über den Umgangston in den Diskussionsforen, wer wie über Katastrophen schreiben soll, wie man neue Autoren gewinnen kann und vor allem: neue weibliche Autoren.

88 Prozent aller deutschsprachigen Artikel-Verfasser sind noch immer Männer. Immerhin war das Geschlechterverhältnis an der Wikicon ausgeglichener: Mindestens ein Viertel der Anwesenden waren Frauen. Zum Beispiel «Freelecture». Die 39-jährige Schweizer Architektin hat einen Schnellstart hingelegt bei Wikipedia. Erst vor eineinhalb Jahren nahm sie aus Neugier an einer Wikipedia-Schreibwerkstatt an der ETH teil und wurde an einem Stammtisch der Wikipedianer gleich fürs Organisationskomitee der diesjährigen Wikicon angefragt. «Es ist schön zu sehen, dass auch einige junge Frauen gekommen sind», sagt Freelecture.

Frauen sind auch ein Thema am ersten Abend. Noch zu viele Namen von wichtigen Frauen erscheinen rot, wenn ihr Name in einem anderen Artikel erwähnt wird. Das heisst: Über sie fehlt ein eigener Eintrag. Wikipedia hat deshalb das Projekt «Frauen in Rot» lanciert, oder «les sans pages» – jene ohne Seiten, wie die fehlenden Frauen in der frankophonen Wikipedia genannt werden.

Mit Schreibwerkstätten, an denen nur über Frauen geschrieben wird, soll den fehlenden Frauen und Frauenorganisationen in die Wikipedia verholfen werden. Andere Schreibwerkstätten finden nur für weibliche Autoren statt: Der Frauenanteil soll sich bei den Artikeln wie auch bei
den Autoren erhöhen. «Gleichstand an Beiträgen über Männer und Frauen werden wir wohl nie erreichen», sagt Rudolf H. Böttcher, der zum Stand des Projekts «Frauen in Rot» referierte, «denn die Strukturen in der Gesellschaft sind noch immer patriarchalisch.»

50 Millionen Artikel weltweit

Fast 200'000 deutschsprachige Wikipediaautoren, die regelmässig publizieren, sind heute registriert. Und sie sind äusserst aktiv: Es existieren 2,2 Millionen deutsche Einträge. Weltweit sind es 60 Millionen registrierte Nutzer, die zusammen 48 Millionen Artikel in 295 Sprachen verfasst oder auch nur ergänzt haben.

Die Welt der Enzyklopädie hat sich innerhalb weniger Jahre total umgekrempelt: 2014 entschied Klaus Holoch den Vertrieb des Brockhaus-Lexikons einzustellen. «Die Zeit», sagte der Brockhaus-Verlagsleiter damals, «in der man sich eine Enzyklopädie von anderthalb Metern Umfang ins Regal stellt, scheint vorbei zu sein.» Das englische Pendant zum deutschen Lexikon, die Encyclopaedia Britannica, stoppte ihre Printausgabe schon zwei Jahre zuvor.

Beide Verlage hatten während mehr als 200 Jahren auf die Expertise von Wissenschaftlern gesetzt, um das Weltwissen zu bündeln. In den Nullerjahren aber erhielten die altehrwürdigen Hochburgen des gespeicherten Wissens Konkurrenz aus dem Internet. Die beiden Amerikaner Jimmy Wales und Larry Sanger starteten am 15. Januar 2001 das gemeinnützige Projekt «Wikipedia», das auf dem Wissen der Masse basiert. Von Beginn weg konnte jeder, der wollte, mitschreiben, korrigieren, ausbessern und ergänzen. Die Kontrolle über das Wissen wurde dem Elfenbeinturm entrissen.

Kein Elfenbeinturm mehr

Bei Wikipedia ist kein Autor unantastbar. «Die Selbstkontrolle in der Community funktioniert recht gut», findet Lars Haefner alias «Albinfo», der Kommunikationsverantwortliche der Wikicon 2018. «Fehler oder zweifelhafte Artikel werden in der Regel sehr schnell entdeckt und verbessert oder entfernt.» Aber das gelingt nicht immer: Zu viele Artikel werden jeden Tag geschrieben, unzählige Bearbeitungen vorgenommen. Beim Tod Bin Ladens gab es beispielsweise 1500 Bearbeitungen innert 24 Stunden.

Hinter jedem Wikipedia-Eintrag steht eine Diskussionsseite, wo sich die Autoren gegenseitig kritisieren oder gar LöschAnträge stellen. Die Kritik erfolgt unverblümt. Der Wikipedia-Neuling «Ligatur» ist Schweizer und musste sich erst an diese Umgangsformen gewöhnen: «In Deutschland ist man direkter im Kritisieren», meint der 47-jährige Theologe. Er ist den Wikipedianern erst vor kurzem beigetreten. «Bis jetzt habe ich erst kleinerer Korrekturen gemacht oder Sätze geglättet, die mir kompliziert erschienen.»

«Plutowiki» freute sich, zu den Pseudonymen aus den Diskussionsseiten endlich mal Gesichter zu sehen. Über die eingangs erwähnten Eisenbahnthemen schreibt er übrigens, obwohl er beruflich gar nichts mit Eisenbahnen zu tun hat. «Ich bin Lehrer», sagt er. Aber weisse Flecken gibt es noch viele – trotz der vielen Artikeln. In den Pausen wird gefachsimpelt und weiter angeregt darüber diskutiert.