Smarte Geräte

Die nächste Stufe der Digitalisierung: Wenn mein Zahnbürsteli online geht

Datenspuren hinterlassen wir nicht nur im Netz, sondern auch im Alltag. Künftig wird die Anzahl «intelligenter Geräte», welche uns im täglichen Leben unterstützen, stark zunehmen. Vom Auto über die Armbanduhr bis zum Kühlschrank.

In unseren Smartphones ist Google schon. Jetzt will sich der Konzern auch in unseren Schlaf- und Wohnzimmern festsetzen und will zu diesem Zweck Nest kaufen, ein Hersteller von intelligenten Thermostaten. Diese sind mit dem Internet verbunden und regulieren die Temperatur in der Wohnung dank eingebauten Sensoren selbstständig.

Der Super-Thermostat lernt die Gewohnheiten der Menschen kennen und passt die Temperatur automatisch an ihre Bedürfnisse an. Er kann dabei sogar abschätzen, wie viele Personen sich in einem Raum aufhalten. Das sind interessante Daten, die Google künftig mit den aus den Internetanwendungen gewonnenen Informationen verknüpfen kann. Der smarte Thermostat ist ein weiteres Mosaikteilchen für das vollständige Daten-Bild des Menschen. Und weitere werden Folgen.

Der Trend heisst Internet der Dinge. Zuerst vernetzten sich die Computer, dann gingen die Smartphones online. Jetzt folgen intelligente Thermostate, smarte Stromzähler, schlaue Kühlschränke und selbstfahrende Autos. Im Jahre 2050 sollen gemäss einer Einschätzung des Technologieunternehmens Ericsson 50 Milliarden Geräte online sein und miteinander kommunizieren.

Der moderne Mensch zieht in seinem Alltag eine Datenspur hinter sich her, die ihn nicht nur genau lokalisiert, sondern auch über sein Verhalten präzise Aufschluss gibt. Ein solcher moderner Mensch ist Max. Wir begleiten ihn einen Tag durch sein Leben.

06.10 Uhr

Ein Vibrieren am Handgelenk weckt Max sanft auf. Das Tracking-Armband hat seine Schlafphasen aufgezeichnet. Max hat 6 Stunden und 17 Minuten geschlafen. Wachte drei Mal auf und lag 34 Minuten ruhelos im Bett. Nun steht er auf und wechselt mit einem Druck auf sein Armband in den Tages-Modus. Von nun an werden seine Schritte gezählt.

06.11 Uhr

Max trottet ins Badezimmer (13 Schritte) und duscht. Der intelligente Thermostat schraubt unterdessen und schraubt die Temperatur in der Küche schon einmal hoch. Der Wasserzähler registriert einen Verbrauch von 53 Litern.

06.47 Uhr

Max verlässt das Haus und setzt sich in sein Auto. Unterwegs warnt ihn sein GPS vor einem Stau auf der Autobahn und schlägt eine Ausweichroute vor. Max lässt sich erfolgreich um den Stau lotsen und parkiert pünktlich um 07.35 Uhr auf dem Firmenareal. Der Fahrtenschreiber, eine kleine Box im Auto, hat alles aufgezeichnet. Max war 45 Minuten unterwegs, hat 29 Kilometer zurückgelegt, war drei Mal für kurze Zeit zu schnell unterwegs und hat zwei Mal abrupt gebremst. Unterdessen hat in der Wohnung das Thermostat die Temperatur gesenkt.

12.00 Uhr

Ein Mittagessen in der Stadt steht an. In der Pizzeria fotografiert Max mit dem Smartphone das Essen und nutzt eine App, um die ungefähre Kalorienanzahl zu ermitteln. Es werden 1112 Kalorien berechnet. Die Angabe wird samt Foto in einer Cloud im Internet gespeichert. Das Essen zahlt er mit der Kreditkarte. Die Kreditkartenfirma weiss, dass Max schon zum dritten Mal in diesem Lokal gespeist hat.

15.00 Uhr

Max steht von seinem Schreibtischstuhl auf und geht zum Kaffeeautomaten. Sein Tracking-Armband zählt 23 Schritte. Mit dem Firmen-Badge bezahlt er den Kaffee, der Computerchip registriert, dass es bereits der sechste war heute.

18.00 Uhr

Feierabend. Max setzt sich wieder ins Auto. Bevor er den Zündschlüssel dreht, meldet der Kühlschrank auf dem Handy, dass kein Bier mehr vorhanden ist. Max fährt also einen kleinen Umweg und hält beim Supermarkt. Den Einkauf bezahlt er mit der Kreditkarte, nachdem er die Punktesammelkarte eingescannt hat. Der Detailhändler registriert den Einkauf unter Max’ Kundennummer – zu sehen ist auch, dass Max schon wieder zwei Harassen Bier gekauft hat. Etwas viel für einen Single-Haushalt.

19.03 Uhr

Max kommt zu Hause an, es ist wohlig warm. Er schaltet den Backofen an und schiebt eine Fertig-Lasagne in den Ofen, die in 60 Minuten zum Verzehr bereit sein soll. Bis das Essen fertig ist, geht Max joggen. Die Sportleruhr misst Distanz, Tempo und Puls. Nach 42 Minuten ist Max zurück. Er hat 7,2 Kilometer zurückgelegt, dabei hat das Herz im Durchschnitt 153-mal pro Minute geschlagen. Die Daten werden in der Cloud gespeichert.

20.03 Uhr

Geduscht, setzt sich Max an den Tisch. Die Lasagne ist fertig. Zum Essen gönnt sich Max ein Glas Wein, und dann noch eines. Er zögert zuerst, trägt dann aber doch beide inklusive der ungefähren Kalorienanzahl in die App ein. Während des Essens liest Max auf seinem Tablet ein E-Book. In 23 Minuten hat er 13 Seiten gelesen und sich drei Stellen markiert. Das registriert das E-Book und schickt die Daten auf einen Firmenserver. Dort werden sie samt Mail-Adresse von Max und Buchtitel gespeichert.

20.37 Uhr

Max setzt sich vor den Fernseher. Per Sprachsteuerung stellt er das Gerät ein. Per Handzeichen zappt er durch das Programm, die Kamera auf dem TV-Gerät interpretiert jeweils seine Gesten. Das Gerät erkennt aber auch, dass Max schon wieder alleine vor dem TV sitzt. Es registriert seinen Gesichtsausdruck und interpretiert diesen als traurig. Ob das Gerät diese Beobachtung auch der Herstellerfirma meldet und was diese damit macht, weiss Max nicht.

22.17 Uhr

Max steht im Badezimmer und putzt sich die Zähne. Die intelligente Zahnbürste registriert jede Bewegung. Am Ende gibt sie Rapport ab: Max hat 2 Minuten und 29 Sekunden geputzt, jedoch nur 80 Prozent der Zähne sind wirklich sauber. Max putzt nach. Dann geht er ins Schlafzimmer, die Temperatur im Rest der Wohnung wird heruntergefahren. 12 349 Schritte hat sein Tracking-Armband gezählt. Er stellt es auf Nacht-Modus. Drei Minuten später schläft er ein.

Ein immer vollständigeres Bild

Max’ Alltag mag wie Zukunftsmusik klingen. Das ist er aber nicht. Alle die hier beschriebenen Technologien, Geräte und Applikationen gibt es bereits – auch der Fernseher, der den Menschen ins Wohnzimmer schaut. Noch arbeiten aber die einzelnen Geräte je für sich und kommunizieren kaum miteinander. Das Tracking-Armband zeichnet Schlafphasen und Schrittzahl auf, der Internetbrowser den Surf-Verlauf und das intelligente Thermostat den Temperaturverlauf.

Je mehr Teilbereiche ein einzelnes Unternehmen aber abdeckt, ein desto vollständigeres Bild erhält sie von den Menschen. Man wird den Eindruck nicht los, dass Google diesem Ziel mit grossen Schritten entgegen-schreitet. Die Daten könnten für Werbezwecke verwendet, verkauft oder missbraucht werden. Dass die NSA auch darauf zugreifen kann, muss man annehmen.

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