Blerim Dzemaili hätte an der letzten WM im Achtelfinal gegen Argentinien zum Matchwinner werden können. Doch er köpfelte den Ball in der Nachspielzeit der Verlängerung an die Latte.

Es ist eine Szene, die der Schweizer Mittelfeldspieler wohl nie mehr vergessen wird. Und auch in seiner Spielerstatistik wird sie auf ewig gespeichert sein.

Zusammen mit Dutzenden anderen Parametern, die Dzemaili wohl längst nicht mehr weiss. Zum Beispiel, dass er in den 12 Minuten und 15 Sekunden Einsatzzeit 1,17 Kilometer lief, vier Mal zu einem Sprint ansetzte, eine Höchstgeschwindigkeit von 24,6 Stundenkilometern erreichte.

Dass ihm ein Sololauf in die gegnerische Zone gelang, er zwei Pässe spielte – einen an Inler und einen an Seferovic – und dass er einmal den Ball bei einem gegnerischen Tackling verlor.

Die Technisierung des Fussballs macht die Spieler gläsern. Alles, was man während eines Spiels messen und zählen kann, wird gemessen und gezählt.

In Datenbanken wird gespeichert, was auch immer Trainer, Berater und Scouts interessieren könnte (siehe Grafik). Wer ein guter Spieler ist, das sagt nicht nur der Trainer, sondern zeigen auch die Daten.

Ballbesitz ist nicht so wichtig

Eine wachsende Zahl von Firmen bietet ihre Dienste im Geschäft mit Fussballdaten an. Eines der führenden Unternehmen ist Prozone aus London, zu dessen Kunden auch die Schweizer Nationalmannschaft gehört.

Jedes Qualifikations- und jedes Vorbereitungsspiel, das die Mannschaft von Vladimir Petkovic bestritten hat, wurde von den Datenspezialisten aufgezeichnet, vermessen und ausgewertet.

In den meisten grossen Stadien Europas sind die Spezialkameras von Prozone bereits fest installiert – wenn nicht, wird kurzerhand ein mobiles System aufgebaut.

Drei Kameras reichen aus, um das ganze Spielfeld zu überwachen. Damit werden die Positionen der Spieler auf dem Feld aufgezeichnet – und zwar rund 30-mal pro Sekunde.

Millionen von Datenpunkte entstehen jede Minute; am Ende des Spiels sind so mehrere Gigabyte an Daten zusammengekommen. «Aus diesen Positionsdaten lassen sich die Laufwege aller Spieler während eines ganzen Matches aufzeichnen», erklärt Leonard Höhn von Prozone. «Wir wissen dann, welche Distanz jeder Spieler in den unterschiedlichen Laufintensitätsstufen zurückgelegt hat und wie schnell seine Antrittsbeschleunigungen sind.»

Aufzeichnung und Berechnung erfolgen zwar automatisch, ohne menschliches Zutun geht es aber nicht. Wenn sich etwa nach einem Foulspiel ein Spielerknäuel bildet, sind die Kameras schnell irritiert und haben Mühe mit der Zuordnung. Damit danach nicht für den Rest des Spiels etwa Shaqiri mit Lichtsteiner verwechselt wird, müssen die Spielernamen den Bildpunkten manuell neu zugeordnet werden. Teils geschieht dies auch nach dem Schlusspfiff in einer Nachbearbeitung. Aus diesem Grund sind Live-Daten, die den Fernsehzuschauern während eines Matches eingeblendet werden, selten genau, sagt Höhn.

Noch mehr Handarbeit ist bei den sogenannten Eventdaten gefordert. Darunter versteht man die Kategorisierung von Spielszenen: getretene Eckbälle, misslungene Tacklings, Fehlpässe, geschlagene Flanken und vieles mehr. Bis zu 2500 solcher Ereignisse gibt es pro Spiel. Mitarbeiter von Prozone erfassen alle aufgrund der TV-Bilder manuell und ordnen sie den einzelnen Spielern zu. Die Eventdaten werden dann mit den Positionsdaten und dem Videostream verknüpft und bis zum Morgen nach dem Spiel an Petkovic und sein Trainerteam geschickt. (An der EM selber stellt die Uefa die Positionsdaten zur Verfügung und Prozone liefert nur die Eventdaten.)

Ebenfalls auf die Dienste von Prozone setzt das Deutsche Nationalteam – und nimmt dabei die Datenanalyse besonders ernst. Natürlich werden jeweils nicht nur die eigenen Spielzüge analysiert, sondern auch jene des Gegners.

Während der WM in Brasilien konnte Jogi Löw auf eine Datenbank mit 7000 Spielen der deutschen WM-Gegner zurückgreifen. Dazu arbeiteten die Deutschen unter anderem mit dem Software-Riesen SAP zusammen.

Datenvernarrt sind auch die englischen Premier League Klubs. Manchester City beispielsweise beschäftigt ein Team von zwölf Analysten.

Doch was kann aus den Daten alles herausgelesen werden? «Das kommt darauf an, welche man betrachtet, nicht alle sind gleich wichtig», sagt Daniel Memmert vom Institut für Kognitions- und Sportspielforschung an der Deutschen Sporthochschule Köln.

In einem Forschungsprojekt für die Deutsche Bundesliga hat er mit seinem Team herausgefunden, dass nicht Ballbesitz, gewonnene Zweikämpfe und zurückgelegte Laufkilometer entscheidend sind, sondern wer wie viel Raum auf dem Spielfeld kontrollieren kann.

«Die Auswertung der Raumkontrolle zeigte, dass siegreiche Teams besonders im Spielaufbau deutlich höhere Werte erzielen», sagt Memmert.

Zudem hätten sie mehr überspielte Gegenspieler vorzuweisen, verdichteten schneller nach Ballverlusten, und hätten bei Pässen im Angriff mehr Raum in der Zone des Gegners gewonnen.

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Nicht alle wollen teilen

Per Datenanalyse zum Champion? Einen interessanten Weg ist der englische Verein Machester City gegangen. Der Klub hat sämtliche Daten seiner Spieler öffentlich zugänglich gemacht – in der Hoffnung, dass irgendein Daten-Nerd spannende, bisher unentdeckte Datenkorrelationen findet. Und so hilft, das Spielsystem zu optimieren oder die entscheidenden Transfers zu tätigen. Denn längst interessieren sich auch die Scouts für Big Data.

Wenn Arsenal einen Spieler wie Granit Xhaka für 40 Millionen kauft, dann geschieht dies nicht einfach deshalb, weil der Trainer glaubt, dass er gut in die Mannschaft passe, sondern auch, weil die Daten das zeigen. Bei einer solchen Entscheidung wird nichts dem Zufall überlassen. Datenanalysen helfen aber auch, mögliche Transfer-Kandidaten zu finden. Denn wie soll sich ein Scout in einem Meer von Tausenden Profispielern zurechtfinden?

In Zukunft könnte das gemäss Daniel Memmert so aussehen: Die Klub-Verantwortlichen geben in einer Suchmaske ein, welche Fähigkeiten beispielsweise ein rechter Aussenverteidiger haben soll und erhalten eine Liste mit den zehn bis 20 passendsten Kandidaten – so ähnlich wie bei einer Google-Suche.

Der Scout muss dann nur noch diese Spieler unter die Lupe nehmen. Momentan gibt es aber noch ein entscheidendes Problem.

Eine solche Spielersuche kann nur dann funktionieren, wenn alle Spielerdaten in einer zentralen Datenbank vorliegen. Das ist aber nicht der Fall.

Denn nicht alle Teams sind bereit zu teilen. Während etwa in der Bundesliga alle Teams auf die Spieldaten der anderen zugreifen können, ist diese Offenheit in der spanischen Liga nicht vorhanden. Wie Real Madrid auf dem Datenschachbrett steht, weiss Barcelona nicht. Und umgekehrt.

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Sie können zwei unterschiedliche Darstellungen wählen: (1) Die zehn Austragungsorte der EM 2016 und (2) die Standorte der Camps der 24 Nationalmannschaften.

Grafik: Elia Diehl

Spielplan EM 2016 - Gruppe A
10.06. Frankreich - Rumänien 21:00
11.06. Albanien - Schweiz 15:00
15.06. Rumänien - Schweiz 18:00
15.06. Frankreich - Albanien 21:00
19.06. Rumänien - Albanien 21:00
19.06. Schweiz - Frankreich 21:00