Kann ein exzessiver Internetkonsum krank machen? Ja, sagt der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie Bert te Wildt. Er ist Experte für Internetabhängigkeit und leitet die Ambulanz der LWL-Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Ruhr-Universität Bochum, wo er im Oktober 2012 die Medienambulanz mit der Sprechstunde für Menschen mit Internet- und Computerspielabhängigkeit begründete.

Herr te Wildt, wann haben Sie das letzte Mal auf Ihr Smartphone geschaut?

Bert te Wildt: Vor einer halben Stunde. Das ist ein Problem bei mir: Ich benutze das Smartphone auch als Uhr. Das ist eigentlich nicht sinnvoll.

Wie disziplinieren Sie sich selbst?

Auf verschiedene Weisen. Manchmal schalte ich es zum Beispiel ab, oder nehme es gar nicht mit, wenn ich mich mit Freunden treffe.

Internetabhängigkeit: Was ist das überhaupt?

Internetabhängigkeit ist eine Verhaltenssucht, die mit einem typisch unkontrollierten Nutzungsverhalten einhergeht und mit negativen Folgeerscheinungen, die das Leben der Betroffenen nachhaltig beeinträchtigen. Diese Folgeerscheinungen unterscheiden sich zwischen drei Lebensbereichen: dem Umgang mit dem eigenen Körper, den sozialen Beziehungen und der Leistung.

Kann jeder und jede von der Internetabhängigkeit betroffen sein?

Wir sehen Internetabhängigkeit bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen sowie bei Erwachsenen. Es kommt auf die Art der Internetabhängigkeit an, die zutrifft. Die allerhäufigste Art ist die Abhängigkeit von Online-Computer-Spielen, die vor allem junge Männer betrifft. Die zweithäufigste Art der Internetabhängigkeit ist die Cybersex-Abhängigkeit im weitesten Sinne. Davon betroffen sind fast ausschliesslich Männer. In diesem Fall haben wir Patienten von 20 bis 68 Jahren. Und die dritte Gruppe ist die Abhängigkeit von sozialen Netzwerken. Es gibt Studien, die zeigen, dass eher Mädchen und junge Frauen davon betroffen sind.

Wie begründen Sie diese Geschlechterunterschiede?

Sehr vereinfachend gesagt: Männer scheinen sich eher für das Spiel mit einem Avatar zu interessieren, wo es vor allem um Kameradschaft und um Konkurrenz geht. Mädchen und junge Frauen interessieren sich hingegen eher für das Spielen mit Rollen, die soziale Funktionen haben.

Und doch macht es uns Spass, Computerspiele zu spielen, ständig zu twittern oder auf Facebook zu chatten. Wieso müssen wir uns überhaupt mit der Internetabhängigkeit beschäftigen?

Weil Menschen dadurch schwer krank werden. Wir müssen uns mit der Internetabhängigkeit genauso beschäftigen wie mit anderen legalen Suchtmitteln, die auch zu schwerwiegenden Erkrankungen führen. Wir sehen Menschen, die über Jahre hinweg manchmal zehn, zwölf, bis zu sechzehn Stunden am Tag nichts anderes machen, als im Internet ihren spezifischen Leidenschaften nachzugehen. Das fängt mit einer Leidenschaft an, es endet aber für sie manchmal in einem ganz fürchterlichen Absturz mit schweren Depressionen, Angsterkrankungen, dem Verlust von sozialen Beziehungen und dem Anschluss an eine Gesellschaft. Sie fallen aus der Schule oder aus der Arbeit aus.

Warum machen uns die digitalen Geräte so abhängig?

Es sind nicht die Geräte, die uns abhängig machen. Wir gehen davon aus, dass die Geräte eher als Gefässe zu verstehen sind. Wie der Alkoholiker nicht vom Bierglas abhängig ist, ist der Internetabhängige nicht vom Gerät abhängig. Was abhängig macht, ist das, was in diesem riesigen Grossraum des Internets ist, das schier unendliche Möglichkeiten an Spielen und Kontakten zulässt. Wie bei Suchtmitteln werden Belohnungsreize gesetzt: Levels, die man in Spielen erreicht und Likes auf sozialen Netzwerken.

Haben wir überhaupt eine Chance, uns dagegen zu wehren?

Auf jeden Fall. Erstens kann man diese Erkrankung behandeln. Zweitens kann man Prävention gestalten. Es geht immer mehr darum, den Opfern der digitalen Revolution Tribut zu zahlen, indem man sagt: Wir müssen ein Stück weit gegensteuern und die Menschen aufklären.

In Ihrem Buch «Digital Junkies» kritisieren Sie die Gesellschaft, indem Sie sagen, sie mache sich nicht genügend Sorgen um die Zukunft unserer Kinder. Haben wir kein Verantwortungsgefühl mehr unseren Kindern gegenüber?

Doch. Meine Kritik richtet sich eher daran, dass die Erwachsenenwelt offensichtlich ein Stück weit müde geworden ist, Kinder und Jugendliche in die konkret reale Welt hinein zu begleiten. Ein weiteres Problem ist: Die digitale Revolution ist dadurch gekennzeichnet, dass man sowohl euphorisch als auch verängstigt darauf reagieren kann. Die Einen möchten alles mitmachen aus Angst, etwas zu verpassen. Darunter sind auch Eltern. Sie meinen, es sei sinnvoll, Zweijährigen ein Tablet zu geben. Und dann gibt es Eltern, die sagen: Nein, ich will meinem Zehnjährigen den Computer nicht überlassen, – aus Angst, es könne schädlich sein. Ich fände es sinnvoll, die digitale Revolution auch für die Kinder so zu gestalten, dass sie gut damit umgehen können. Das bedeutet, dass man sie peu à peu daran heranführen sollte. Aber einfach zu sagen: ‹Je früher, desto besser›, ist falsch. Genauso falsch wie: ‹Je später, desto besser.›

Schaut man sich um, bekommt man jedoch den Eindruck, dass Erwachsene selber ihren Internetkonsum nicht im Griff haben …

Ich höre zunehmend, dass sich Kinder über ihre Eltern beschweren, weil sie selbst das Smartphone kaum noch aus der Hand legen. Das bedeutet, dass schon Kinder sich darüber bewusst werden, dass es ein Zuviel gibt. Mich stimmt relativ zuversichtlich, dass Jugendliche und junge Erwachsene auch selbst so eine Gegenbewegung veranstalten und sagen: Ich will das anders machen.

Also sieht die Zukunft doch nicht so düster aus …

Ich glaube, zunächst müssen wir uns doch eher auf eine Verschlimmerung vorbereiten. Irgendwann wird es aber zu Gegenbewegungen kommen, weil die Eltern und die Pädagogik sich darauf einstellen.

Wann werden Sie das nächste Mal auf Ihr Smartphone schauen?

(Lacht) Ich muss jetzt gerade nicht, weil ich einen Laptop, ein Telefon mit Display und einen Computerbildschirm vor mir habe – und alle drei zeigen, dass es genau 13 Uhr ist und bald der nächste Patient kommt.