Dauernd erreichbar und stets auf allen Kanälen präsent: Unter diesem Druck leiden nicht nur Politikerinnen und Politiker. Schon Kinder spüren den Smartphone-Stress: Beim kostenlosen Sorgentelefon für Kinder hatten die Beraterinnen und Berater «in letzter Zeit vermehrt» mit Kindern zu tun, die sich ständig erschöpft und ausgelaugt fühlten, Mühe hatten, sich über längere Zeit zu konzentrieren und über ein andauerndes Unbehagen klagten. Die anrufenden Kinder hatten erst seit kurzem ein eigenes Smartphone und waren sehr stolz auf ihr Gerät. Im Gespräch zeigte sich aber, dass ein Teil des Erschöpftseins mit dem Smartphone zu tun hatte, wie es im Sorgentelefon-Jahresbericht heisst.

«Das ist tatsächlich ein Problem», sagt Social-Media-Pädagoge Philippe Wampfler. Auf Plattformen wie Whatsapp und Instagram, die bei Kindern und Jugendlichen beliebt sind, sei der Druck hoch, sofort auf Nachrichten und Posts zu reagieren. «So zeigt man, dass einem die Beziehungen wichtig sind», sagt Wampfler. Selbst wenn die Botschaften häufig nicht gehaltvoll sind, ist die Zugehörigkeit etwa zu einer Chat-Gruppe eine soziale Verpflichtung: Hausaufgaben machen ist kein Grund, auf Nachrichten nicht zu reagieren. «Dann heisst es gleich: Was ist dir wichtiger, die Schule oder ich?», sagt Wampfler.

Immer online

Medienwissenschafterin Sarah Genner von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften weiss von mehreren Fällen, in denen beispielsweise ein Mädchen Rat suchend oder traurig einer Freundin eine Nachricht schickte. Antwortete diese erst nach einer halben Stunde, löste das eine richtiggehende Freundschaftskrise aus. «Es muss erst noch in den Kinderköpfen verankert werden, dass es normal ist, dass nicht alle jederzeit antworten können», sagt Genner. Sie bezeichnet Smartphone-Stress als «gesamtgesellschaftliches Problem». «Kinder sind aber stärker exponiert. Sie müssen erst noch lernen, mit Versuchungen und Gruppendruck umzugehen. Kinder, die neu ein Smartphone besitzen, sind damit rasch mal überfordert», sagt Genner.

Das Alter der Kinder, die ein Handy haben, ist in den letzten Jahren gesunken. Und: Wer ein Handy hat, hat heutzutage in der Regel ein Smartphone. Etwa die Hälfte der Viertklässler habe ein Smartphone, schätzt Wampfler, der Schulen in Social-Media-Fragen berät. Bei den Sechst- und Siebtklässlern steige die Verbreitung auf etwa 90 Prozent an.

SMS und Anrufe sind vielen zu teuer, E-Mails zu umständlich. Dank WLAN sind jugendliche Smartphone-Nutzer permanent online und kommunizieren weitgehend gratis. Es wird gechattet und gepostet, was das Zeug hält. In einem Artikel zum Thema digitale Kontaktpflege in der «FAZ» wird das Beispiel einer 14-Jährigen erwähnt, die seit einem halben Jahr ein Smartphone hat. In dieser Zeit hat sie 33 442 Nachrichten gesendet und 51 012 Nachrichten erhalten. Die Schülerin hat also im Schnitt pro Tag 184 Nachrichten verfasst und 280 erhalten.

Ein Extremfall? Möglich. Klar ist aber, dass junge Smartphone-Nutzer mit einer Flut von Meldungen konfrontiert sind. Kinder und Jugendliche sind Mitglied verschiedener Chat-Gruppen: eine für die ganze Klasse, eine für den Turnverein, eine für die engsten Freundinnen, und so fort. In grossen Gruppen wird nur schon durch die Anzahl der Mitglieder eine sehr hohe Anzahl Nachrichten verschickt. «Es ist eine extrem schnelle Interaktion. Das ist wie ein Rauschen, aus dem die Jugendlichen herausfiltern müssen, was für sie wirklich wichtig ist», sagt Social-MediaPädagoge Philippe Wampfler.

Konzentriert an etwas zu arbeiten, sei für viele Jugendliche fast nicht mehr möglich, sagt der Gymnasiallehrer. Für viele von ihnen ist es schlicht undenkbar, ihr Gerät nicht ständig im Einsatz zu haben. So kommt bei den Französisch-Aufgaben eine Wörterbuch-App zum Einsatz, und die Lösung für die Geometrie-Aufgabe wird auch gleich an die ganze Klasse verschickt. «Das Smartphone auf dem Tisch bedeutet eine permanente Versuchung, etwas anderes zu tun, als sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren», sagt Wampfler.

Verordnete Funkstille

Doch das Handy lenkt die jugendlichen Nutzer nicht nur tagsüber ab: Es stört viele auch nachts. 20 bis 25 Prozent der Jugendlichen liessen sich durch Nachrichten und Anrufe mitten in der Nacht wecken, sagt Philippe Wampfler.

Weil viele Kinder und Jugendliche es nicht selbst schaffen, Abstand zu nehmen, braucht es Eltern und Lehrkräfte, die klare Regeln aufstellen. «Die Forschung zeigt, dass Kinder und Jugendliche Beschränkungen befürworten», sagt Sarah Genner. Wichtig sei vor allem auch die Vorbildfunktion der Eltern: «Was man vorlebt, wirkt stärker als das, was man sagt.»

In manchen Familien steht heute ein Handy-Körbchen, in welchem alle Familienmitglieder zu bestimmten Zeiten ihr Gerät deponieren. Kann ein Kind die Funkstille mit elterlichen Regeln begründen, kann es sich aus dem sozialen Druck lösen. «Hilfreich ist auch, wenn die Eltern der Kinder einer Schulklasse sich gemeinsam auf Smartphone-freie Zeiten einigen», sagt Wampfler.