Wenn Mark Zuckerberg eine Bühne betritt, um die neusten Innovationen von Facebook anzupreisen und Zahlen zu präsentieren, die zeigen, dass das Netzwerk die ganze Welt erobert, dann trägt er Jeans und ein graues T-Shirt. Wenn Mark Zuckerberg aber den Einfluss seiner Firma kleinreden will, dann zieht er einen Massanzug an und bindet sich die Krawatte um. So geschehen diesen Frühling, als der Facebook-Chef vor dem US-Kongress Red und Antwort stehen musste: zu Fake News, Wahlbeeinflussung und Datenlecks.

Auch Google-Chef Sundar Pichai und Twitter-Gründer Jack Dorsey wurden von den Abgeordneten nach Washington geladen. 2018 war das Jahr, in dem sich selbst in den USA die Politik für das Gebaren und die Geschäftsmethoden der Tech-Firmen zu interessieren begann und darüber diskutierte, ob man den Konzernen Grenzen setzen muss, etwa den Datenschutz erhöhen soll, um die Gesellschaft vor negativen Entwicklungen und Nebeneffekten zu schützen.

Daten werden oft als das Öl des 21. Jahrhunderts bezeichnet. Die Analogie ist gut gewählt. Wie Rohöl auch sind Daten für sich allein genommen nutzlos, doch sie treiben die Maschinen an, die unsere Weltwirtschaft zum Brummen bringen und unserer Gesellschaft den Takt vorgeben: Die Algorithmen von Facebook, Google, Amazon und Co. Sie alle funktionieren nur dank unseren Daten und machen die Unternehmen reich. Waren im 20. Jahrhundert die Ölfirmen die wertvollsten Unternehmen, so sind es nun die grossen Datenförder-Konzerne. Die Plätze 1 bis 5 an der Börse werden alle von Tech-Giganten belegt.

Es gibt aber noch eine andere Gemeinsamkeit: Sowohl der Umgang mit dem Öl als auch jener mit den Daten fordern die Menschheit heraus. Wenn es darum geht, die grössten globalen Probleme des 21. Jahrhunderts zu benennen, so fällt die Wahl fast ebenso oft auf den Datenschutz wie auf den Klimawandel. Durch den Facebook-Datenskandal um die dubiose Firma Cambridge Analytica wurde einer breiten Öffentlichkeit dieses Jahr bewusst, dass Daten auch dazu genutzt werden können, Einfluss auf Wahlen zu nehmen. Dass Google mehr über seine Nutzer weiss als jeder Staat ist hinlänglich bekannt. Und dass Regierungen, allen voran die Führung in Peking, Big Data nutzen, um ihre Bürger zu überwachen, zeigt sich immer deutlicher.

In den 1950er-Jahren etablierte sich der Begriff «Peak Oil». Die Welt fragte sich, in welchem Jahr die maximale Öl-Fördermenge erreicht ist und danach zurückgeht. Wissenschafter versuchten «Peak Oil» zu berechnen – und mussten ihre Prognosen immer wieder weiter in die Zukunft verschieben. Der Durst nach Öl nahm nur noch mehr zu. Mittlerweile geht die Fachwelt davon aus, dass das Fördermaximum Anfang der 2020er-Jahre erreicht ist.

Bereits ist auch die Rede von «Peak Google»: Irgendwann, so die Annahme, wird die Anzahl Suchanfragen zurückgehen und werden damit die von Google geförderten Daten abnehmen. Diese Annahme lässt sich auch für die anderen von Daten getriebenen Tech-Firmen treffen. Wann also ist «Peak Data» erreicht? Anders als das Öl ist der Rohstoff Daten unerschöpflich, Menschen können immer mehr produzieren. Die Frage ist folglich: Wann sind die Internet-Nutzer nicht mehr bereit, ihre Daten den Multimilliarden-Konzernen abzutreten, die daraus Kapital schlagen?

So wie es für Ölheizungen und Benzinmotoren grüne Alternativen gibt, so stehen auch Internetnutzern andere Möglichkeiten zur Bewältigung ihres (digitalen) Lebens zur Verfügung als Google, Facebook und Whatsapp. Es gibt etwa die Suchmaschine DuckDuckGo, die keine persönlichen Informationen sammelt, das dezentrale soziale Netzwerk Diaspora, bei dem die Nutzer die Kontrolle über ihre Daten behalten, oder den verschlüsselten Schweizer Messenger-Dienst Threema, der nicht Teil eines undurchsichtigen Tech-Konglomerats ist. Solche Dienste lassen sich weiter ausbauen. Die technologischen Voraussetzungen sind da, um die Menschheit von der Abhängigkeit der Datenförderer zu befreien: Dezentrale Strukturen, Ende-zu-Ende-Verschlüsselung und Blockchain heissen sie.

Warum also liegt die Macht im Digitalzeitalter noch immer bei ein paar wenigen Datenförderfirmen? Warum haben sich Alternativen bisher nicht etabliert? Für eine Antwort kann wiederum der Blick auf die Ölindustrie und das Problem des Klimawandels helfen. Zwar hat sich das umweltschädliche Ausmass des Verbrennungsmotors nicht gleich nach dessen Entwicklung abgezeichnet, aber doch schon bald. Dass sich klimafreundliche Alternativen nur zaghaft durchsetzen können, mag mit politischem Lobbying der Erdöl-Konzerne zu tun haben, vor allem aber auch mit der Bequemlichkeit der Menschen. Umsteigen ist immer mühsam, sich einschränken noch mühsamer. Zudem wurde in Gesellschaft und Medien «grün» lange mit «schwach» assoziiert, während dem Benzin der Duft des Draufgängertums anhaftete.

Was die Elektromobilität angeht, hat Elon Musk mit seiner Firma Tesla das Image des Stroms kräftig aufpoliert. Der Tesla ist ein Luxusbolide, schöner ausgestattet als ein Mercedes und schneller von 0 auf 100 als ein BMW. Wer eine solche Karosse fährt, wird nicht belächelt, sondern bewundert. Natürlich wäre es ökologisch gesehen besser, leichtere Stromflitzer zu bauen, doch für das Image der Elektromobilität hat Elon Musk mit seinem Tesla wohl mehr getan als alle grünen Parteien zusammen.

Fahrer von E-Autos gelten heute als smart. Das passt bestens in einen neuen Zeitgeist, für den «vegan» hip ist, «bio» zum guten Ton gehört und Manager sich den Velohelm aufsetzen und wahlweise in die Pedalen ihres E-Bikes oder Fixies treten. Natürlich ist das ambitionierte 2-Grad-Klimaziel damit längst noch nicht erreicht, und Benziner und Dieselautos werden noch jahrzehntelang die Verkehrskolonnen dominieren. Dennoch dürfen wir hoffen, dass das Umdenken in der Gesellschaft zu einer Trendwende führt.

Um «Peak Data» zu erreichen, ist ein ähnlicher Tesla-Moment nötig. Es braucht die alternative Suchmaschine, die technisch mit Google mithalten kann und ebenso simpel ist; es braucht das dezentrale soziale Netzwerk, das ebenso raffinierter designt ist wie Facebook und Instagram. Und es braucht die Bereitschaft, im Internet für Dienstleistungen Geld zu zahlen. So kann Datensparsamkeit zum neuen Bio werden und eine Bewegung ins Rollen kommen, die sich von Google abwendet und sich von Instagram und Facebook abmeldet. Dabei kann der Netzwerkeffekt spielen. Wenn die Stars der digitalen Welt sich den Alternativen zuwenden, ziehen sie ihre Gefolgschaft mit.

Schnell gehen wird das aber kaum: Auch wenn sich die hippen Alternativen etabliert haben, wird «Peak Data» noch Jahre in der Zukunft liegen. Zu sehr haben wir uns an die Gratiskultur gewöhnt.