Telefonie

Das Handy zum Runterkommen: Nichts ausser Anrufe und SMS

Punkt MP 01: So sieht das simple Telefon aus.

Das MP01 Mobile Phone der Schweizer Firma Punkt ist ab Anfang Dezember online oder in ausgewählten Geschäften für 329 Franken erhältlich.

Im November kommt ein neues Natel heraus, das nur zwei Dinge kann: Telefonieren und SMS schreiben. Entworfen hat es eine Schweizer Firma.

Ich schalte mein iPhone ab und das neue Ding ein. Dann versuche ich, meine Mikro-SIM-Karte in die Halterung und die Halterung wiederum in das neue Telefon zu stecken. Es will nicht recht passen. Eine Vorahnung? Ein Hinweis des Schicksals? Ich drücke und dränge, bis es klappt. Das Gerät verarbeitet daraufhin lange, was auf meiner SIM-Karte steht, um danach anzuzeigen, dass keine Funktionen möglich sind. Kapituliert die Einfachheit vor der digitalen Realität? Ich will es ausschalten, da fragt es mich nach dem Pin. Ach, es will mich doch.

Ich gebe den Pin ein.

Ich habe Netz.

Stille.

Das Logo von Punkt, der Firma, die dieses Gerät entworfen hat, lacht mich höhnisch an. Das wars schon, du totally addicted person. Was sollte denn ein Telefon können, ausser telefonieren und Kurznachrichten schicken? Eben. Punkt. Ich fühle mich unwohl. Alle paar Minuten drücke ich auf irgendeinen Knopf, in der Hoffnung, dass das Telefon mit mir spricht, irgendwelche Alarme sendet, Whatsapp-Nachrichten, Aktualisierungsbitten, Liebe. Aber da ist nur das grosse, schwarze Loch der Realität. Wer hält diese Ruhe heute noch aus?

Ein Handy zum Abschalten

Das MP01 Mobile Phone will nicht einfach ein altes Telefon sein, wie wir sie alle noch irgendwo in unseren Schubladen liegen haben. So ein Klapphandy von Samsung, oder ein Nokia 3210. «The Phone» ist die Zukunft des Simplify your Life: Ein Handy, das gut aussieht, modern. Für designaffine Leute, die so erfolgreich sind, dass sie ein Gerät brauchen, das sie wieder runterholt. Und das trotzdem fast gar nichts kann. Oder eben: Alles, was es braucht. Für manche Leute zumindest. Für alle, die der digitalen Sucht noch nicht erlegen sind. Oder sich verzweifelt von ihr befreien wollen. Für Leute, die zwei Handys haben. Eines für das Büro, eines für die Berge. Und sich auch in den Bergen schön fühlen wollen. Für Leute, die ohnehin schon so beschäftigt sind, dass sie in ihrer Freizeit alles wollen, nur nicht Facebook-Status checken und Katzenbilder runterladen. Irgendwie logisch, nicht?

Natürlich erhalte ich keine Nachrichten mehr. Keiner meiner Freunde schreibt mir noch SMS. Natürlich, ich bin überzeugt, wenn ich ihnen sagen würde, dass ich nun für immer offline bin, und man mich nur telefonisch oder per Nachricht erreicht, würden die Leute das begreifen. Sie würden mich dann auf anderen Wegen erreichen. Menschen sind Gewohnheitstiere, sie werden konditioniert. Man erzieht sie dazu, schlaflose Nächte auf Twitter zu verbringen. Warum sollte man sie nicht dazu erziehen können, auf dem Klo wieder zu lesen, statt zu surfen?

Mein eigenes Telefonbuch ist leer. Keine Kontakte importiert. Ich müsste jede Nummer manuell eingeben, wie früher. Was früher selbstverständlich war und überhaupt kein Problem, lässt mich nun faul in mich zusammensacken. Nummern eingeben? No Way. Ich weigere mich. Verschwendete Lebenszeit. Wie viele Stunden ich in meinem Leben schon sinnlos auf meinem Smartphone rumgestrichen habe, verdränge ich mal eben kurz. Der CEO beruhigt mich: Er sagt, bei Marktreife könne man Kontakte importieren. Immerhin hat The Phone automatisch erkannt, welche Uhrzeit und welches Datum wir haben. Wie, ist mir ein Rätsel. Modernste Technik, wohl.

Auf den Punkt gebracht

«Unser Telefon trifft den Nerv der Zeit», sagt der CEO der Schweizer Firma Punkt, Petter Neby. Viele Menschen seien fast konstant online, mit dieser ständigen Erreichbarkeit aber überfordert. «Ein Zweithandy ist eine sinnvolle Alternative zum Smartphone», so Neby. So könne man Privat- und Berufsleben besser trennen und runterkommen. Bei alten Geräten stimme die Qualität aber nicht mehr. «Wir haben deshalb ein modernes, simples Design-Phone entwickelt, das nur das Nötigste kann.»

Es macht mich nervös, dass ich meine E-Mails nicht dabei habe. Ich kann nirgends nachschauen, wie die Person schon wieder heisst, mit der ich mich beruflich nach dem Mittagessen treffe. Ich kann das Gleis, auf dem mein Zug fährt, nicht mehr aufrufen, bevor ich überhaupt im Bahnhof bin. Um es dann noch fünf weitere Male aufzurufen, weil ich vergessen habe, welche Nummer das Gleis hat. Weil ich ja immer nachschauen kann. Leerer Kopf, volles Smartphone.

Oh, das Telefon verfügt über einen Kalender. Oh, ohne Funktionen. Nackt liegt er da, und möchte nur, dass man die Zeit als das wahrnimmt, was sie ist: eine simple Tatsache, ohne Inhalt. Und wir, die unsere Tage vollstopfen mit Terminen, Einträgen und To-dos.

Nach ein paar Stunden, nach ein, zwei Tagen Entzug wird es plötzlich ruhiger. Ich habe mich angepasst, an meine neue Realität. Was man selten tut, das fehlt einem auch immer seltener. Ich habe eine emotionale Bindung zum MP01 Mobile Phone aufgebaut. Es ist hübsch, irgendwie. So natürlich hübsch. Ich mag seine Tasten. Manchmal mag ich sogar sein Geräusch.

Zeit für einen Wandel?

Eigentlich, so fühlt es sich für mich an, ist dieses kleine Ding in etwa das, was die guten alten Telefone sind: stabil, verlässlich, reduziert. Mit langer Akkuzeit und Knöpfen, auf die man drückt. Nur, dass wir im Jahr 2015 sind, und dieses Telefon uns in unserer stillen Melancholie dort abholt, wo wir denken: immer dieses Chatten, Phonen, Whatsappen, Surfen: Wozu? Warum immer? Neby sagt, auch junge Leute würden sich für das neue Gerät interessieren. «Junge Leute sind mit Social Media aufgewachsen, sind ständig damit konfrontiert. Sie kennen auch die Schattenseiten.» Neby glaubt, die Zeit sei reif für einen sozialen Wandel, zurück zu authentischer Kommunikation. Präsent sein, nicht mehr abwesend.

Manchmal denke ich mir, ich würde die Welt gerne aushalten, wie sie vor zehn Jahren noch war. Für viele eine unmögliche, unwirkliche Vorstellung. Für andere ein sehnlichster Wunsch. Für ganz wenige schon oder immer noch Realität. Vielleicht hilft uns The Phone, genau das zu tun: Zurück zum Einfachen zu gehen, ohne, dass man dabei aussieht, als habe man dieses digitale Zeitalter nie gekannt.

Natürlich habe ich mein iPhone wieder eingeschaltet. Ich habe meine Whatsapp-Messages gelesen, mein Facebook gecheckt, meine E-Mails, meine Apps, meine Aktualisierungen, meine Einkaufsliste, meine To-do-Liste. War nichts Wichtiges dabei.

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