Der 12-Jährige lernte seinen mutmasslichen Entführer auf der Plattform eines Onlinespiels kennen. So wie der Fünftklässler tummeln sich viele Kinder und Jugendliche in Onlineforen und sozialen Medien, wo sie sich mit Gleichaltrigen und Gleichgesinnten austauschen.

Manchmal verstecken sich hinter den Online-Bekanntschaften aber Erwachsene mit ganz anderen Absichten. Für Pädophile sind Chatrooms für Kinder und Jugendliche ein weites Jagdgebiet. Geschickt bauen sie ein Vertrauensverhältnis auf, indem sie ihren Opfern Gemeinsamkeiten vorgaukeln, vermeintliche Geheimnisse verraten oder Komplimente und Versprechungen machen.

«Cyber-Grooming» nennt sich diese Masche (Grooming: Engl. für Pflegen, Vorbereiten, d. Red.). Das Ziel der «Groomer» ist klar: Haben sie einmal das Vertrauen ihrer Opfer gewonnen, versuchen sie dieses sexuell auszubeuten. 

Rechtliche Grauzone

2014 gingen bei der Koordinationsstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (Kobik) 758 Meldungen zu Delikten gegen die sexuelle Integrität ein. Wieviele Fälle von Grooming darunter waren, lässt sich nicht sagen. Aus einem einfachen Grund: Cyber-Grooming ist in der Schweiz kein Straftatbestand. Zwar ist es Verboten, Kinder im Netz mit pornografischem Material zu konfrontieren oder sie zu sexuellen Handlungen aufzufordern – nicht aber, sie beispielsweise nach ihren sexuellen Erfahrungen zu fragen.

Fälle von Cyber-Grooming werden deshalb nicht gemeldet. «Das Cyber-Grooming steht am Anfang eines Kontaktes», erklärt Anne-Florence Débois vom Bundesamt für Polizei und Justiz (fedpol). «Wird der Kontakt intensiver, kann es zu einer strafbaren sexuellen Handlung kommen.»

Ob Chats, Spiele oder soziale Medien – die Gefahr lauert in allen Bereichen des Internets. «Wo sich Kinder und Jugendliche im Netz aufhalten, dort ziehen sie auch Pädokriminelle an, die sich einloggen, mitspielen und versuchen, auf diesem Weg Kontakt mit den Kindern aufzunehmen», so die fedpol-Sprecherin. 

Die Gefahr der Online-Games

Die Gefahr der Online-Games

Kennengelernt haben sich Paul und sein Entführer durch das Online-Game „Minecraft“. Paul gab dabei Name, Alter und Adresse preis.

Verbot gefordert

Auf politischer Ebene wurde ein Grooming-Verbot schon mehrfach diskutiert und gefordert – bisher ohne Erfolg. Den Gegnern geht ein solches Verbot zu weit. Einem Chatpartner sexuelle Absichten nachzuweisen, ist nur schwer möglich und strafrechtlich kaum umsetzbar. Eine parlamentarische Initiative für ein Grooming-Verbot wurde im Parlament zuletzt 2014 behandelt.

«Die Initiative [...] gaukelt etwas vor, was nicht zu erreichen ist, nämlich dass man jemandem, der sich an einem Chat mit Kindern beteiligt, implizit bereits ein strafrechtlich relevantes Verhalten nachweisen kann», argumentierte der Baselbieter SP-Nationalrat Claude Janiak in der damaligen Debatte. «Ein Verdachtsstrafrecht mag die Gemüter beruhigen, führt aber nicht zu einer effizienteren Verfolgung potenzieller Straftäter.» Eine Mehrheit im Ständerat folgte dieser Argumentation und verwarf die Initiative.

Mit den eigenen Waffen

Die Behörden versuchen die Pädosexuellen mitunter mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Ermittler geben sich im Netz dabei als Minderjährige aus und locken die Täter so in die Falle.

Zuständig für die Pädokriminalität sind die Kantone. «Die Fachspezialisten von fedpol können in Ermittlungen unterstützend mitwirken – wie zum Beispiel im aktuellen Fall», sagt Anne-Florence Débois.

Dabei spielt auch die internationale Zusammenarbeit eine Rolle. Die Schweizer Behörden stehen in Kontakt mit Europol und Interpol. Dieser Zusammenarbeit ist es auch zu verdanken, dass der 12-Jährige in Düsseldorf relativ schnell ausfindig gemacht werden konnte.  

Prävention als wichtigstes Instrument

Der beste Schutz im Kampf gegen Pädophile im Netz sind aber Prävention und Aufklärung (s. unten). Kinder, die sich über die Gefahren im Netz bewusst sind, bewegen sie sich vorsichtiger im virtuellen Raum und gehen falschen Freunden weniger schnell ins Netz. 

(27.06.2018)