Silicon Valley

«Cryptokitties»: Warum diese Katzen das Netz verstopfen und Millionen wert sind

Im unscheinbaren Online-Spiel «Cryptokitties» werden digitale Katzen getauscht.

Im unscheinbaren Online-Spiel «Cryptokitties» werden digitale Katzen getauscht.

«Cryptokitties» ist die erste massentaugliche Anwendung, welche auf einer Blockchain basiert. Sie zeigt das Potenzial der Technologie – und die Schwachstellen

Auf den ersten Blick ist es schwer nachvollziehbar, wieso sich einige der weltweit besten Programmierer mit einem unscheinbaren Online-Spiel beschäftigen. Wieso an Konferenzen im Silicon Valley, wo eigentlich die nächste Tech-Revolution im Fokus steht, über digitale Katzen diskutiert wird. Wieso Nerds diese Woche rund fünf Millionen Dollar für virtuelle Sammelobjekte ausgegeben haben, die sich zu nichts nutzen lassen.

Das Game «Cryptokitties» kam Ende November auf den Markt und ist bereits Kult. Ein simples Spiel, das in ähnlicher Form schon Dutzende Male im Internet existiert: Als Nutzer kauft man zwei virtuelle Katzen, die bestimmte Eigenschaften aufweisen. Diese kreuzt man, um eine dritte Katze mit einer neuen Genkombination zu generieren, welche anschliessend online versteigert wird oder als Grundlage für die eigene Katzenzucht dient. Die digitalen Haustiere sehen witzig aus, aber das erklärt nur einen kleinen Teil des aktuellen Hypes.

Die revolutionäre Komponente der Cryptokitties verbirgt sich hinter den Katzen: Das Online-Spiel ist eine der ersten massentauglichen Anwendungen, welche auf der sagenumwobenen Blockchain-Datenbank basiert, jener Technologie, welche auch hinter dem Bitcoin steht und von Experten als grösste digitale Revolution der vergangenen zwei Jahrzehnte bezeichnet wird. Die Technologie zeichnet sich dadurch aus, dass Programme auf tausenden Rechnern gleichzeitig laufen und jede Transaktion von allen abgespeichert wird.

Mit spektakulären Kursgewinnen haben Kryptowährungen dieses Jahr für Aufsehen gesorgt; der Bitcoin hat seinen Wert seit Jahresbeginn mehr als verzehnfacht. Cryptokitties ist nun die erste Anwendung ausserhalb der Finanzindustrie, welche ein breites Publikum anspricht. Und das ist ein wichtiger Schritt. Die Blockchain soll langfristig nämlich nicht nur verändern, wie wir mit Geld umgehen, sondern unseren gesamten Alltag dezentralisieren.

Panini-Bildchen neu erfunden

Das Online-Spiel Cryptokitties wurde in San Francisco programmiert und basiert auf dem Ethereum-Protokoll. Diese Technologie wird in der Schweiz mitentwickelt und soll im Gegensatz zum Bitcoin kein Zahlungsmittel sein, sondern eine Art Betriebssystem für Blockchain-Anwendungen. Cryptokitties ist nur eines von Hunderten Projekten, welche derzeit für diese Plattform entwickelt werden.

Zwar ist dieser Prozess momentan noch viel komplizierter, als wenn man eine normale iPhone- oder Android-App programmieren würde, dafür sind die Blockchain-Anwendungen so sicher, wie man es sich vor zehn Jahren nicht hätte vorstellen können. Die DApps (dezentralen Apps) werden nicht nur auf einem einzigen Server ausgeführt, wo Daten leicht manipuliert oder gestohlen werden können, sondern auf vielen unabhängigen Rechnern. So können weder Hacker noch Entwickler Einfluss auf die Software nehmen. Wer im Internet digitale Katzen hin und her schickt, merkt von all dem wenig. Aber für die Funktionsweise des Cryptokitties-Programms, für Bitcoin-Transaktionen und für unser digitales Leben allgemein ist es eine fundamentale Änderung.

Der beste Vergleich zur digitalen Kryptokatze ist das analoge Panini-Bildchen. Während der grossen Fussballturniere kauft, sammelt und tauscht jeweils die ganze Schweiz Bilder von den Profikickern. Das funktioniert offline momentan noch besser als online: Wer die Bilder bei sich zu Hause lagert, hat die volle Kontrolle darüber. Sind die Sammelbildchen hingegen auf einer klassischen Website gespeichert, ist man als Nutzer abhängig von den Betreibern der Plattform.

Man muss darauf vertrauen, dass die Datenbank nicht manipuliert oder von Fremden gehackt wird – beides kommt im Internet häufig vor. Die Cryptokitties hingegen sind in einer Blockchain und damit auf unzähligen Rechnern abgespeichert, die niemals alle manipuliert werden können. Und während man die analogen Panini-Bildchen mit Gewalt aus fast jedem Safe stehlen kann, sind die Kryptokatzen in den digitalen Konten so gut geschützt, dass selbst die raffiniertesten Hacker nicht an sie herankommen. Mithilfe der Blockchain-Technologie sollen in Zukunft deshalb nicht nur Bitcoins, Kryptokatzen und Panini-Bildchen gesichert werden, sondern auch Verträge, unsere Identität und ein Grossteil unseres digitalen und analogen Besitzes.

Katzen verstopfen Netzwerk

Sammler haben relativ viel Kontrolle über ihre ausgedruckten Panini-Bildchen. Aber sie haben keinen Einfluss auf deren Produktion. Panini könnte zum Beispiel bewusst nur wenige Schweizer Fussballer drucken, um so deren Preis künstlich zu erhöhen. In der Kryptowelt existiert auch dieses Problem nicht: Cryptokitties werden automatisch in gewissen Zeitabständen generiert und zu einem festen Preis verkauft.

Auch diese Funktionsweise ist in die Blockchain eingraviert und kann von niemandem geändert werden. Selbst wenn die Produktionsfirma plötzlich verschwindet oder die Entwickler sich zerstreiten würden, gäbe es weiterhin jede Viertelstunde eine neue Katze. Genau gleich funktioniert es bei den Bitcoins, welche durchschnittlich alle zehn Minuten generiert werden – und das bis ins Jahr 2140. Mit dezentralen Anwendungen werden Vermittler überflüssig, egal ob es sich dabei um eine Druckerei für Sammelbildchen handelt oder um eine Nationalbank.

Weil die Ethereum-Technologie derart komplex und noch immer im Aufbau ist, gibt es momentan nur wenige Anwendungen für das System. Cryptokitties wurde dadurch innerhalb weniger Tage zum meistgenutzten Programm des Netzwerks und ist für rund 15 Prozent aller Ethereum-Transaktionen verantwortlich. Das ist mit Problemen verbunden: Obwohl es sich bei Cryptokitties um eine relativ simple Anwendung mit verhältnismässig wenig Nutzern handelt, ist das Ethereum-System bereits jetzt überfordert. Die vielen Transaktionen verstopfen das Netzwerk, wodurch alle anderen Aktionen langsamer und teurer werden.

Die vielleicht innovativste Plattform der Welt, welche unseren Alltag revolutionieren soll, wird derzeit von ein paar virtuellen Katzen lahmgelegt. Ausgeklügelte Programme mit Milliarden Nutzern, wie sie Tech-Visionäre gerne prophezeien, sind heute deshalb noch undenkbar. Das wäre, wie wenn man ein aktuelles Computerspiel auf einem 20-jährigen PC ausführen wollte.

Es braucht Lösungen

Die Skalierbarkeit der Blockchain ist ein Problem, um das sich in der Branche momentan fast jede Diskussion dreht. Die Cryptokitties haben in den vergangenen Tagen erneut aufgezeigt, wie wichtig eine baldige Lösung ist, wenn die Blockchain-Technologie halten will, was sie verspricht. Momentan liegt der Fokus der Entwickler deshalb nicht auf konkreten Anwendungen, sondern auf dem Verbessern der Plattformen und der Protokolle. So soll sichergestellt werden, dass die Kryptokatzen tatsächlich nur der Anfang der Blockchain-Revolution waren – und nicht bereits deren Ende.

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