Enttarnt

Bitcoin-Erfinder: Ein Ende der Jagd nach dem Phantom?

Gegen die Finanzwelt: Die virtuelle Währung «Bitcoin» (keine Noten und Münzen) kann nicht beliebig vermehrt werden.

Gegen die Finanzwelt: Die virtuelle Währung «Bitcoin» (keine Noten und Münzen) kann nicht beliebig vermehrt werden.

Satoshi Nakamoto: US-Medien glauben, den legendären Bitcoin-Erfinder enttarnt zu haben. Doch Fragen bleiben.

Es scheint heute, im Jahr 2 nach Snowden und im Zeitalter von Wikileaks, wo jedes Dokument, jede Depesche ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt wird, kaum noch Geheimnisse zu geben. Allein, wer sich hinter der Kryptowährung Bitcoin verbirgt, blieb bislang ein Rätsel.

Der Erfinder Satoshi Nakamoto ist ein Phantom. Nun wollen US-Medien die Identität des Mannes enttarnt haben: Hinter dem Pseudonym soll der Australier Craig Steven Wright stecken. 

Das Technikmagazin «Wired» berichtet, wie der 44-Jährige in einem Hotel bei einer Tagung per Video zugeschaltet wurde. Sein Name tauchte offiziell nicht auf der Rednerliste auf. Die Moderatorin des Panels, die Bitcoin-Bloggerin Michele Seven, fragte sich, ob das Publikum den Mann überhaupt kennen würde. Wright – schwarzer Blazer, verlumptes T-Shirt – stellte sich als «ehemaliger Dozent» vor, der in einem Fachgebiet forsche, von dem noch niemand etwas gehört habe.

«Moment mal, wer sind Sie?», unterbrach ihn die Moderatorin, lachend. «Sind Sie ein Computerwissenschafter?» Wright antwortete nebulös und vielsagend, er sei von allem etwas. Er habe einen Master in Statistik und eine Promotion in der Tasche. Nach ein paar Umschweifen rückte er mit der Sprache heraus: «Ich bin Satoshi Nakamoto, der Erfinder von Bitcoin.» Ein Raunen ging durch den Saal. Es wäre eine Sensation. 

Wer ist Satoshi Nakamoto?

Bitcoin ist längst kein digitales Spielgeld mehr, das sich ein paar Nerds in Online-Games zuschieben, sondern ein seriöses Zahlungsmittel. Anfang des Jahres sind die US-Börsen NYSE und Nasdaq in den Handel mit Bitcoin eingestiegen. Das Volumen beträgt insgesamt fünf Milliarden Dollar.

Bitcoins sind Einheiten einer digitalen Währung. Es sind keine Scheine oder Münzen, sondern verschlüsselte Datenblöcke (block chains), die von Nutzer zu Nutzer übertragen werden. Diese Codes sind ebenso kryptisch wie ihr Erfinder.

Medien rätselten, wer sich hinter der Maske Nakamoto verbirgt. Wer ist der Mann, der die Finanzmärkte das Fürchten lehrt und mit ein paar Codes das Bankenwesen revolutioniert?

Der «New Yorker» versuchte in einem 5000-Wort-Artikel die Identität des Mannes auszuleuchten. Nakamoto sei ein japanischer Computerprogrammierer, der am Abend des 3. Januar 2009 auf einen Knopf drückte und die Kryptowährung Bitcoin lancierte. Der Japaner soll aus politischen Motiven gehandelt haben – der Launch folgte wenige Monate nach dem Kollaps des Weltfinanzsystems.

Der Sicherheitsforscher Dan Kaminsky attestiert dem Erfinder genialische Fähigkeiten. Ansonsten sind die Ausführungen recht wolkig. Licht ins Dunkel brachte der Artikel nicht.

Das Magazin «Newsweek» glaubte 2014, den Mann entlarvt zu haben: ein 64 Jahre alter japanischstämmiger Amerikaner. Bilder zeigen einen etwas linkisch wirkenden Herrn mit Anorak und Umhängetasche sowie ein Einfamilienhaus bei Los Angeles, das angeblich sein Rückzugsort sei. Doch Dorian Satoshi Nakamoto, wie der Mann mit bürgerlichem Namen heisst, dementierte jede Beteiligung an Bitcoin und liess per anwaltlicher Verfügung eine Richtigstellung abdrucken. Die Titelstory geriet zur Farce.

Brillanter Denker oder Betrüger?

Ist das Rätsel nun gelöst? Das Magazin «Wired» legt drei geleakte Blogeinträge vor, die beweisen sollen, dass es sich bei Satoshi Nakamoto um Craig Steven Wright handelt. Das wohl schlagendste Indiz ist ein inzwischen gelöschter Blogeintrag vom 10. Januar 2009 – einen Tag nach dem Start von Bitcoin – in dem es heisst: «Die Beta-(Version) von Bitcoin geht heute raus. Das ist dezentralisiert . . . Wir versuchen es, solange es noch geht.»

Versehen war der etwas laienhaft arrangierte Blog mit einem Link auf die offizielle Bitcoin-Website sowie einer Verknüpfung mit dem Facebook-Profil von Craig Wright («Wired» hat einen Screenshot des Blogeintrags publiziert). Wie hätte jemand einen Tag nach dem Start von Bitcoin von der Kryptowährung wissen sollen?

Die Autoren führen als weiteren Beweis einen ihnen zugespielten Briefverkehr zwischen Wright und seinem Anwalt an, worin Wright vage Andeutungen über ein Peer-to-Peer-Konto machte – ein Verweis auf das Bitcoins-Transaktionssystem? Für «Wired» ist der Fall klar: «Entweder hat Wright Bitcoin erfunden oder er ist ein brillanter Betrüger, der uns unbedingt glaubhaft machen will, dass er es war.»

Die Autoren haben in kriminalistischer Kleinarbeit Indizien aneinandergereiht und eine Beweiskette geschmiedet. Die Story liest sich wie ein Krimi. Doch es gibt Fragen: War der Blogeintrag zweifelsfrei vom 10. Januar datiert? Warum wurde er gelöscht? Wollte jemand eine falsche Fährte legen?

Am 1. Dezember schickten die Wired-Autoren ein verschlüsseltes Mail an Wright mit dem Inhalt, dass sie von dem Geheimnis wüssten und um ein Treffen bitten. Wenige Stunden später erreichte die Redaktion eine Antwort, gezeichnet mit «Director of Tessier-Ashpool» – der fiktionale Familienname in William Gibsons «Sprawl»-Trilogie.

Wright gab sich unter demselben Namen auf seinem Twitter-Account aus. Kurz darauf traf ein weiteres Mail ein. Sein kryptischer Inhalt: «Zu viele wissen schon Geheimnisse, die Welt muss nicht noch mehr wissen.» Kurze Zeit später endete der Mailverkehr. Der Absender tauchte ab.

Der Technologie-Blog «Gizmodo» hat unabhängig von den «Wired»-Recherchen weitere Dokumente veröffentlicht, die nahelegen, dass es eine Verbindung zwischen Wright und Bitcoin gibt. Wright soll bei der australischen Steuerbehörde um Erlaubnis für seine Kryptowährung gebeten und mit seinem Geschäftspartner Dave Kleiman eine Treuhand auf den Seychellen gegründet haben, auf die über eine Million Bitcoin transferiert wurden. Der schwer kranke Kleiman starb 2013 – und nahm das Geheimnis womöglich mit ins Grab.

Am Mittwoch wurde bekannt, dass die australische Polizei das Anwesen von Wright in Sydney durchsuchte. Nachbarn sagten, die Familie hätte einen Teil ihres Haushalts aufgelöst und würde nach London ziehen. Das macht den Fall noch mysteriöser. Ob sich hinter Wright der wahre Bitcoin-Erfinder verbirgt, ist weiter unklar. Satoshi Nakamoto bleibt ein Phantom.

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