Herr Hüsler hat Probleme: Er streitet vermehrt mit seiner Frau. Die Tochter schläft dauernd auswärts bei ihrem neuen Freund, den weder er noch seine Frau je gesehen haben. Sie wirft ihm vor, zu passiv in der Erziehung zu sein. Auf der Arbeit läuft es beim Lageristen auch schlecht, er kommt mit dem neuen Warenerfassungssystem nicht klar.

Herr Hüsler wird gerade von Gina Schiess beraten, die an der Berner Fachhochschule (BFH) Soziale Arbeit studiert. Sie sitzen am Tisch, er erzählt von seinen Problemen, wird wütend und dann wieder entgegenkommend. Als angehende Fachkraft der Sozialen Arbeit muss Gina entsprechend reagieren können, die Situation unter Kontrolle halten und das Beratungsgespräch möglichst zielführend gestalten.

Doch wenn jetzt jemand in den Raum treten würde, dann sähe er niemanden ausser Gina am Tisch sitzen. Auf ihrem Kopf trägt sie eine grosse, schwarze Brille, die ihre Sicht komplett verdeckt. Gina befindet sich in der virtuellen Realität. Die Brille simuliert eine Beratungssituation, so wie sie auch im echten Leben entstehen könnte. Der Dozent kontrolliert und steuert Herrn Häuser vom PC aus, gibt an, wann und was er sagen soll, und bewertet die Reaktionen und Beratungskompetenzen der Studentin.

Studenten sind begeistert

Virtuelle Realität, kurz VR, erobert schon seit geraumer Zeit den Markt in Industrie und Unterhaltung. Nun findet sie in der Bildung ihren Platz. Die BFH führt als eine der ersten Schweizer Hochschulen Virtual Reality in die Lehre ein. Seit diesem Frühjahrssemester können die Studenten im VR-Lab ihre Fähigkeiten im virtuellen Training verbessern. Neben den herkömmlichen, didaktischen Formen wie dem Rollenspiel üben die Studierenden in der Virtualität zusätzlich verschiedene Beratungstechniken und besondere Gesprächssituationen.

Zuerst erhalten die Studierenden ein Klientendossier von Herrn Hüsler. In diesem wird seine Situation geschildert. Die Virtual-Reality-Brille erschafft dann die Kulisse, in unserem Beispiel ein Büro, in dem der Klient in seiner Pixelpracht angetroffen wird. Die Studierenden lernen durch ihn, heikle Themen anzusprechen. Alle Trainings in der virtuellen Welt werden mit einer Kamera gefilmt, die Aufnahme dient den Studierenden zur Selbstreflexion. Durch wiederholtes Eintauchen in die virtuelle Welt können sie ihr Handeln optimieren.

Manuel Bachmann, Dozent in Psychologie und Spezialist für Virtual Reality in der Forschung, hat das Ganze in Zusammenarbeit mit Jonas Born, Informatiker und studentischer Mitarbeiter, programmiert. Bachmann ist überzeugt, dass Virtual Reality neben der Forschung auch in der Lehre einen festen Platz haben kann: «Durch VR wird Unmögliches möglich. Man hat einen realistischen Einblick auf verschiedene Perspektiven, die eigene Persönlichkeit kommt stärker zum Ausdruck.» Ausserdem könne man durch die technischen Möglichkeiten per Knopfdruck schnell zwischen verschiedenen Situationen und Kulissen wechseln.

Das mittlerweile beendete Pilotprojekt fand im Rahmen des Moduls Interaktion & Kommunikation statt. «Wir waren positiv überrascht. Das Projekt war ein voller Erfolg, auch die Studenten waren allesamt positiv beeindruckt», bilanziert Esther Abplanalp, Dozentin für Beratung in der Sozialen Arbeit und Modulverantwortliche. In Zukunft soll deshalb Virtual Reality fest im Pflichtfach verankert werden.

Auch Gina Schiess war begeistert. Die 23-Jährige hat das Modul erfolgreich abgeschlossen. «Es fühlt sich sehr authentisch an, auch wenn es virtuell ist.» Zwar fehlt Herrn Hüsler die Gesprächsdynamik einer realen Person, da er immer nur die gleichen Aussagen machen kann. Jedoch unterschieden sich die Antworten der Studierenden im Beratungsgespräch stark: «Die Interaktion der Studierenden mit Herrn Hüsler zeigte viele individuelle Beratungskompetenzen auf. Es war für uns Dozierende und Studenten gleichermassen ein wertvoller Gewinn», sagt Abplanalp.

VR in anderen Modulen möglich

Virtual Reality wird seit mehreren Jahren an verschiedenen Hochschulen hauptsächlich in der Forschung eingesetzt. Erste Anwendungen finden sich in der Psychotherapie, etwa zur Überwindung von Höhenangst. Erfahrungen aus der Forschung zeigen, dass Menschen leicht in virtuelle Welten eintauchen. Dabei gleichen ihre emotionalen und kognitiven Reaktionen denen in der realen Welt stark.

Das Projektteam an der BFH ist überzeugt, dass Virtual Reality als didaktisches Mittel ein praxisnahes Werkzeug darstellt und die herkömmlichen Trainingsformen sinnvoll ergänzt. Bereits wird an der BFH darüber nachgedacht, die die virtuelle Lernumgebung auch in anderen Kursen zu nutzen.» Wir sind überzeugt, dass die virtuelle Realität eine optimale Ergänzung ist und frischen Wind in bestehende Module bringt», sagt Psychologie-Dozent Bachmann. Er kann sich sogar vorstellen, die Virtual-Reality-Brille einmal für Prüfungen einzusetzen.