Windows XP

Aus für Windows XP: Microsoft rollt Hackern den roten Teppich aus

Bildschirm mit Windows XP-Betriebssystem. (Symbolbild)

Bildschirm mit Windows XP-Betriebssystem. (Symbolbild)

Ab Dienstag gibt es keinen Support und keine Sicherheitsupdates mehr für Windows XP. Dabei läuft das Betriebssystem noch auf jedem vierten PC weltweit. Ohne Updates für XP wird das Internet unsicherer.

Das Bild einer lichten, grünen Wiese, blauem Himmel und freundlichen Wölkchen hat sich PC-Anwendern eingeprägt: Seit zwölf Jahren steht der idyllische Bildschirmhintergrund als Symbol für das erfolgreiche Betriebssystem Windows XP. Doch jetzt ziehen Gewitterwolken mit nicht absehbaren Folgen auf, der schönen Wiese drohen Viren und Würmer. Am Dienstag zieht Microsoft den Stecker für seinen Dauerläufer: Der technische Support und die Entwicklung von Updates und Patches zum Stopfen von Sicherheitslücken werden eingestellt, ebenso wie Updates für Microsofts Virensoftware Security Essentials für XP.

In der Schweiz, wo Anwender schneller aufrüsten als in anderen Ländern, mag das Thema Windows XP wie eine vergangene Episode aus der IT-Geschichte erscheinen. Doch das Betriebssystem ist noch erstaunlich vital. Gemäss Zahlen der Marktforscherin Netmarketshare lief das veraltete Betriebssystem Windows XP Ende März noch auf mehr als jedem vierten PC weltweit (27,7 Prozent). Mehr Marktanteil hat nur Windows 7 (48,8 Prozent). Die Marktforscherin Statcounter gibt an, dass hierzulande immerhin noch 6,6 Prozent der online aktiven Rechner mit XP laufen sollen.

Zwölf Jahre sind eine Ewigkeit

Dass Microsoft dem erfolgreichen Senior den Support entzieht, stösst nicht überall auf Verständnis, haben doch Unternehmen mit marktbeherrschender Stellung gegenüber Kunden eine erhöhte Verantwortung. Ein vergleichbarer Schritt wäre in vielen Branchen nicht denkbar. So könnte es sich ein Autohersteller wohl kaum leisten, ein Dutzend Jahre nach der Einführung eines Modells keine Ersatzteile mehr für Bremsen zu liefern. Freilich bedeuten in der IT-Welt 12 Jahre eine Ewigkeit und unbestritten ist, dass Microsoft seit Jahren zum Update rät, den Schritt lange angekündigt hat und Informationen dazu bereitstellt.

Aus technischer Sicht ist der Schritt nachvollziehbar, denn das Betriebssystem gilt schon länger als anfällig für neue Sicherheitslücken. Auf ihrer Website für KMUs weist Microsoft darauf hin, dass Windows 8 mehr als sechsmal sicherer sei als XP. Ab Montag steigt nun das Risiko markant an. Mangels Updates erwarten Experten, dass XP-Rechner bald einmal zum Angriffsziel von Cyberattacken in grossem Stil werden, gegen die sie schutzlos sind. Um solche alte PCs mit Malware zu infizieren oder Daten zu stehlen, müssen Hacker nicht einmal sehr erfinderisch sein. Auf Microsofts Security Blog erklärt Experte Tim Rains wieso: Es reicht, wenn Hacker bei neu entdeckten Sicherheitslücken in Windows 7 und 8 nachprüfen, ob sich diese Schwachstellen auch bei Windows XP ausnutzen lassen.

In der Schweiz sind es vor allem private Anwender, die noch mit XP arbeiten. Barbara Josef, Mediensprecherin von Microsoft Schweiz: «Die Grosskunden haben auf neuere Versionen migriert, auch unter den KMU-Betrieben ist die Zahl der XP-Anwender nicht mehr sehr hoch». Noch gibt es aber Firmen, die XP für spezielle Anwendungen nutzen wie etwa kleinere Shops oder Zahnärzte für die Röntgenbilderverwaltung. Solange diese nicht mit dem Internet verbunden sind, ist das Risiko laut Barbara Josef allerdings gering.

Geldautomaten umrüsten

Auch in der Industrie und im Finanzsektor ist XP noch weit verbreitet. Laut mehreren Quellen sollen weltweit über 90 Prozent aller Bancomaten noch mit Windows XP laufen, zum Teil auch in der Schweiz. So ist beispielsweise ein grosser Teil der 900 Geldautomaten der UBS mit XP ausgerüstet. Wie die Bank auf Anfrage mitteilte, werden nun sämtliche Bancomaten im Laufe des Jahres auf Windows 7 umgerüstet. Die knapp 1000 Postomaten von Postfinance nutzen nicht XP, sondern das für Maschinen entwickelte Windows embedded (Version POSReady 2009). Das Unternehmen sieht laut Mediensprecher Marc Andrey kein Risiko: «Postfinance unterhält für die Postomaten sowie sämtliche Transaktionen ein mehrstufiges Sicherheitssystem. Wir sehen sowohl bei der Software als auch beim eingesetzten Betriebssystem keine Sicherheitsprobleme.»

Neben möglichen Gefahren mit Malware, Datendiebstahl oder Manipulation von Geldautomaten gibt es auch Risikoszenarien mit gefährlichem Potenzial. So zitiert das «Wall Street Journal» Sicherheitsexperten, die auf die Problematik für Energieversorger in den USA hinweisen. Dort setzen viele Unternehmen XP für den Betrieb und die Kontrolle der Energieanlagen ein, zum Beispiel für die Überwachung des Drucks in den Gasleitungen. Da diese Systeme eng mit der Steuerung der Industrieanlagen verzahnt sind, erfordert ein Update millionenschwere Investitionen. Befürchtet wird nun, dass Hacker ein Blackout provozieren oder im Extremfall sogar durch die Manipulation der Leitungsdruckdaten Explosionen provozieren könnten.

Update bedeutet meist Neukauf

Experten erwarten nicht, dass die ersten Cyberattacken schon in der nächsten Woche starten, doch wer das Internet risikoarm nutzen will, muss sich über kurz oder lang nach einer Alternative umsehen. Laut Microsoft bringen die wenigsten älteren PCs die technischen Voraussetzungen mit, um die aktuelle Version Windows 8.1 zu betreiben. Auch Windows 7 ist noch im Handel und für rund 100 Franken zu haben. Ob ein PC die höheren Anforderungen erfüllen kann, klärt das Hilfsprogramm Windows Upgrade Assistant ab, das Microsoft online bereitstellt. Zu bedenken ist, dass Anwender zum Teil auch Updates von Anwenderprogrammen kaufen müssen, wenn die alten Versionen nicht auf Windows 7 oder 8 laufen. Trotz trüben Aussichten gibt es für XP-Anwender einen kleinen Trost:

Um das erzwungene Update zu versüssen, bietet Microsoft Schweiz einen Rabatt von 100 Franken für Kunden, die den firmeneigenen Tablet-PC Surface 2.0 Pro kaufen. Auf der Website findet man das Angebot nicht, es erscheint als Pop-up-Meldung, wenn man mit seinem alten Rechner online geht.

Meistgesehen

Artboard 1