Stefan ist nervös. Er sitzt an einem Zürcher Bahnhof, trägt verwaschene Jeans, einen grauen Pullover und ein blau-weisses Baseball-Cap. Es ist Donnerstagnachmittag, kurz nach fünf Uhr – Stefan wartet seit zehn Minuten, raucht bereits die zweite Zigarette. Eigentlich hat sich der 29-jährige Bäcker hier mit der 15-jährigen Melanie Koch aus Lenzburg verabredet. Und das mit klaren Absichten: «Ich hätte schon sehr gerne Sex mit dir», hat er ihr kurz zuvor noch geschrieben. Aber anstatt einer minderjährigen Schülerin sitzt er jetzt einem erwachsenen Journalisten gegenüber. Melanie ist eine Fiktion, ein soziales Experiment der «Nordwestschweiz».

Das Facebook-Profil der Schülerin, mit der sich Stefan verabredet hat, ist komplett erfunden. Es soll aufzeigen, wie es Jugendlichen heute in den sozialen Netzwerken ergeht und was passiert, wenn man auf Facebook alle Warnungen ignoriert: Melanie hat während einer Woche ausnahmslos alle Freundschaftsanfragen angenommen und auf alle Chat-Nachrichten geantwortet. Sie hat sich dabei nie aufgedrängt, sie hat aber auch nie abgeblockt, wenn ihr etwas zu weit ging. Ein Verhalten, vor dem Experten warnen, das im Internet aber noch immer verbreitet ist.

Mit diesen Bildern lockte der «Nordwestschweiz»-Redaktor Pädophile an:

Das ist die allgemeine Wahrnehmung der Experten, das zeigt auch eine Studie der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften. Was die 15-jährige Melanie während nur einer Woche auf Facebook erlebt hat, ist verstörend, pervers und hat die Grenze zum Illegalen mehr als nur einmal klar überschritten. Jenes falsche Facebook-Profil hat die Türe zu einer Welt geöffnet, die man nicht kennt und über die man nicht spricht. Eine Welt, die zutiefst schockiert.

«Hattest du schon mal Sex?»

Stefan gehört zu den über 350 Personen, welche Melanie während der vergangenen Woche eine Freundschaftsanfrage geschickt haben. Und das, obwohl das Facebook-Profil der 15-Jährigen nicht mehr ist als ein fiktionales Flickwerk: Das Profil-Bild zeigt eine junge Amerikanerin, welche ihre Fotos für das Experiment zur Verfügung gestellt hat – die Angaben zu Name, Alter und Wohnort sind frei erfunden. Dabei wurde aber nicht mehr Aufwand betrieben als zwingend notwendig. Wer das Profil sorgfältig durchleuchtet, erkennt schnell, dass es sich keinesfalls um eine echte Person handeln kann: Melanie hat ausschliesslich Männer als Freunde und auf dem ganzen Profil findet sich kein einziger persönlicher Kommentar.

Melanie ist ein hübsches Mädchen. Dass sie noch sehr jung ist, sieht man ihr aber an. Und das steht auch explizit auf ihrem Profil. Zu Beginn des Experiments hat sie 50 zufällige Freundschaftsanfragen an junge Schweizer verschickt, danach hat sich alles verselbstständigt.

Wenn sich Melanie jetzt auf Facebook einloggt, melden sich sofort ein Dutzend Männer.
Es wirkt, als ob Melanies «Freunde» nur darauf gewartet haben, sich auf sie zu stürzen: Die Chat-Nachrichten kommen im Sekundentakt — eine Mischung aus Belanglosigkeit und Lust: «Hey, wie alt bist du?» «Bist du Single?» «Hattest du schon mal Sex?» Fast hundert Männer haben sich innerhalb einer Woche per Chat bei Melanie gemeldet, keine einzige Frau.

Anfangs waren diese Nachrichten noch auf Schweizerdeutsch, bald schon auf Englisch, Französisch, Spanisch und Arabisch. Die berüchtigten Facebook-Algorithmen haben offenbar dafür gesorgt, dass Melanie nach wenigen Tagen nicht mehr nur in der Deutschschweiz, sondern auf der ganzen Welt gefragt war. Und so erhielt die Schülerin plötzlich Komplimente aus der Dominikanischen Republik, Anrufe aus Marokko und Video-Botschaften aus Indien. Das ist kulturell spannend, menschlich aber bedenklich. Denn so unterschiedlich die Chat-Partner waren, so offensichtlich der gemeinsame Nenner: Für sie alle ist Melanie ein Objekt der Begierde, eine junges Mädchen, das es zu verführen gilt. Oder wie es der 17-jährige Jan aus Deutschland formulierte: «Eine meeeega geile Wichs-Vorlage.»

Online-Flirt in der Offline-Welt

Nur gerade drei Minuten war Stefan mit Melanie befreundet, bevor er ihr ein Bild von sich ohne T-Shirt geschickt hat. Nach zwanzig Minuten folgte ein Bild ohne Unterhose, dafür mit erigiertem Penis. «Hat dich das geil gemacht?», schreibt er, «willst du ihn mal in echt sehen?» Melanie will nicht, blockt aber auch nicht konsequent ab.

Diese Bilder habe er damals verschickt, um Melanie zu beeindrucken, erzählt Stefan eine Woche später in Zürich. Der Bäcker ist im echten Leben weitaus weniger aufdringlich als im Internet; im persönlichen Gespräch wirkt er distanziert und scheu. Dass Melanie pure Fiktion ist, trifft ihn hart — die Enttäuschung überwiegt. Er hat nicht damit gerechnet, dass Melanies Profil gefälscht sein könnte, dass er an diesem Nachmittag nicht von ihr, sondern von einem Journalisten begrüsst wird: «Ich habe Gefühle für Melanie empfunden, hätte sie gerne kennen gelernt – nicht nur wegen ihres schönen Körpers. Der Altersunterschied hat für mich keine Rolle gespielt und ist ja eigentlich auch nicht so wichtig.»

Was für Stefan eine Bagatelle ist, ist hierzulande möglicherweise eine Straftat. Wer pornografisches Material an Minderjährige verschickt, kann dafür zu einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren verurteilt werden. Diejenigen Chat-Partner, welche sich mit Melanie zum Sex verabreden wollten, hätten bei Verkehr mit der Minderjährigen bis zu fünf Jahre Gefängnis riskiert. All das sei ihm nicht bewusst gewesen, behauptet Stefan; dass statt einem Journalisten auch die Polizei auf ihn hätte warten können, überrascht ihn fast so sehr wie das gefälschte Facebook-Profil.

Ein Profil-Bild mit der Ehefrau

Verdeckte Fahndung ist heute wichtiger denn je. Marco Cortesi von der Stadtpolizei Zürich bestätigt, dass man bereits seit Jahren mit falschen Profilen im Internet präsent sei: «Wir beschränken uns aber auf anonyme Chaträume – dabei dauert es häufig nicht länger als zehn Minuten, bis sich ein Pädophiler meldet. Auf Facebook fahnden wir nicht, weil Personen dort mit ihrer echten Identität agieren und deshalb viel vorsichtiger sind.»

Die Annahmen der Zürcher Stadtpolizei wirken logisch, decken sich aber keineswegs mit den Erkenntnissen aus dem Melanie-Experiment. Zwar nutzen einige von Melanies «Freunden» ebenfalls ein fiktives Facebook-Profil und sind damit anonym, viele aber surfen mit ihrer echten Identität. Das lässt sich meist innerhalb weniger Minuten verifizieren: Auf ihrem Profil wird ersichtlich, wo die Chat-Partner wohnen, bei welchen Firmen sie angestellt sind, was sie am Wochenende gemacht haben – teilweise auch, wie ihre Ehefrauen und Kinder aussehen. Das alles aber hindert sie nicht daran, Melanie zu einem Drink oder zu einem Essen einzuladen. Manchmal auch direkt zum Sex.

Vertrauen und Verlangen

«Dieses Resultat zeigt einmal mehr, wie wichtig die Bildung von Medienkompetenz bei Jugendlichen ist», sagt Martin Boess, Geschäftsleiter der Schweizerischen Kriminalprävention. Er kennt das Klima in den sozialen Netzwerken, die Ausmasse des Melanie-Experiments überraschen ihn trotzdem: «Dass innerhalb einer Woche derart viele Kontaktanfragen kommen, ist extrem. Ich weiss, dass die Polizei vor allem in anonymen Chat-Rooms und nicht auf Facebook fahndet. Angesichts dieser Resultate müsste man das vielleicht überdenken.»
Die Medienkompetenz bei Jugendlichen ist seit Jahren ein Thema. Laurent Sédano von der Stiftung Pro Juventute sagt: «Die sexuelle Entwicklung findet heute auch online statt — das ist nichts Negatives. Es gehört dazu, dass Teenager im gegenseitigen Einvernehmen die sexuellen Grenzen austesten. Dabei sollten sie sich aber natürlich an gewisse Regeln halten.»

Wenn ein Mann einem jungen Mädchen Bilder seines Penis' schickt, kann das schockierend sein. Die Eindeutigkeit der Botschaft mache es aber einfacher, die Situation als gefährlich einzustufen; die Absichten seien klar ersichtlich, sagt Sédano. Hinterlistiger sind jene Chat-Partner, welche ein falsches Vertrauensverhältnis zu den Minderjährigen aufbauen und dieses dann irgendwann ausnutzen. Trotzdem sollte man Jugendliche nicht unterschätzen: «Das Bewusstsein für Sicherheit und Privatsphäre im Netz ist in der Schweiz sehr hoch. So wie die fiktive Melanie hätte vermutlich fast kein Schweizer Mädchen reagiert. Das Internet ist kein böser Ort — Eltern sollten nicht in Panik verfallen», sagt Sédano.

Und plötzlich kommen Befehle

Auch Stefan will mal Kinder haben. Das erzählt er mit zittriger Stimme, aber mit überzeugtem Blick. «Bis jetzt habe ich aber noch nicht die Richtige gefunden. Nicht im echten Leben, nicht auf Facebook.» Für ihn ist es normal, dass er in sozialen Netzwerken Kontakt mit Fremden aufnimmt. Wenn ihm eine Frau gefällt, schickt er ihr eine Freundschaftsanfrage – wenn sie ihm antwortet, ein Bild von seinen Genitalien. Melanie sei nicht die erste gewesen, bei der er das gemacht habe; aber die erste, die sich schliesslich auch auf ein Treffen mit ihm einliess. «So hat mein bester Kollege auch seine Freundin kennen gelernt», erzählt er mit einem Lächeln und völliger Selbstverständlichkeit.

Stefans Verhalten ist gespalten, die Diskrepanz zwischen seiner Online- und seiner Offline-Identität ist frappant. Verglichen mit Melanies anderen Chat-Partnern gehört er aber sicherlich zu der harmlosen Sorte. Viele von ihnen schreiben deutlich fordernder. Nachdem sie während mehreren Tagen keine Antwort von Melanie erhalten haben, bleiben sie hartnäckig und werden häufig aggressiv. Unterdessen hat die «Nordwestschweiz» das soziale Experiment beendet, das Profil von Melanie gelöscht. Stefan war seit dem Treffen in Altstetten nur noch selten auf Facebook — das Experiment habe ihm in gewisser Weise die Augen geöffnet, erzählt er. Wie genau, das will er nicht präzisieren.