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Anonymous: Mit einem Trojaner gegen die IS-Kämpfer

Anonymous will den IS im Internet bekämpfen

Anonymous will den IS im Internet bekämpfen

Das Hacker-Kollektiv kapert die Twitter-Konten der Islamisten und bringt die Propagandamaschinerie ins Stocken. Nun wollen die Netz-Aktivisten die Terroristen mit einem Trojaner infiltrieren. Gleichzeitig verstärkt der IS seine Cybersicherheit.

Das Video wird mit dramatischer Musik eingeleitet, die immer mehr an Fahrt aufnimmt und nichts Nettes erahnen lässt. Dann ist ein Nachrichtensprecher, vermummt mit Kapuzenpulli und Gay-Fawkes-Maske, zu sehen. Er spricht mit monotoner Computerstimme: «Wir werden die grösste jemals geführte Operation gegen euch durchführen.» Und weiter: «Der Krieg ist eröffnet.»

Mit dieser Videobotschaft erklärte das Hacker-Kollektiv Anonymous dem sogenannten Islamischen Staat (IS) am Samstag den Krieg. Seither hat die Gruppierung mehrere tausend Twitter-Konten lahmgelegt, über die IS-Botschaften verbreitet wurden.

Anonymous sagt dem IS den Kampf an

Anonymous sagt dem IS den Kampf an

Zudem haben die Hacker Listen veröffentlicht, auf denen mutmassliche IS-Aktivisten aufgeführt sind – samt deren Facebook- und Twitter-Accounts und teils auch der Wohnadressen. Gemäss der britischen Tageszeitung «The Independent» wurde so mindestens eine Person enttarnt, die angeblich für den IS Mitglieder rekrutiert.

Wenn die bisher noch nicht verifizierten Informationen von Anonymous stimmen sollten, wäre es ein grosser Erfolg für das Hacker-Kollektiv. Denn bisher ist schwierig einzuschätzen, was die Gruppierung tatsächlich gegen den IS ausrichten kann.

Dokumente für das FBI

Bereits nach dem Attentat auf die Redaktion von Charlie Hebdo im Januar startete Anonymous die Aktion #OpISIS. Gemäss dem Fachmagazin «Foreign Policy» führte das Vorgehen der Hacker dazu, dass 10 000 Twitter-Konten, 150 Websites und 5900 Propaganda-Videos entfernt wurden.

Die Bedrohung des IS hat zu einer sonderbaren Allianz zwischen den Hackern und den Behörden geführt. Nach dem Attentat im Juni in Tunesien hat Anonymous dem FBI via eine Sicherheitsfirma Informationen zukommen lassen. Ob diese allerdings tatsächlich geholfen haben, diesen Sommer einen zweiten Anschlag in Tunesien zu verhindern, wie die Hacker behaupten, lässt sich nicht eruieren.

Der Schweizer Sicherheitsexperte Guido Rudolphi traut Anonymous auf jeden Fall einiges zu. «In Foren wird derzeit heftig über bevorstehende Attacken diskutiert», sagt der ehemalige Hacker gegenüber der «Nordwestschweiz».

«Ich habe gesehen, dass bereits einige massgeschneiderte Trojaner im Umlauf sind, um IS-Aktivisten zu infiltrieren», meint Rudolphi. Und auch an anderen Werkzeugen werde gearbeitet.

Die IS-Terroristen sollen dazu gebracht werden, dass sie auf eine manipulierte Website gehen oder einen präparierten Anhang einer E-Mail öffnen und so unbemerkt Software installieren, über die Hacker auf den Computer zugreifen können. Das geht nur, wenn die Mails oder Websites, mit denen man die IS-Aktivisten in die Falle locken will, auf Arabisch formuliert sind und das Interesse der Islamisten wecken. Gemäss amerikanischen Medienberichten trifft der IS auf jeden Fall bereits Schutzmassnahmen und verbreitet unter den Anhängern Anweisungen, wie man sich gegen Hackerangriffe schützen kann.

Zwei Phantome im Krieg

Anonymous ist eine anarchische Gruppierung von Hackern ohne klare hierarchische Organisation – jeder, der will, kann mitmachen. Das macht es gemäss Rudolphi schwierig, abzuschätzen, wer mit welcher Ernsthaftigkeit hinter den Aktionen steht. Doch in der Strukturlosigkeit sieht der Sicherheitsexperte auch grosse Vorteile, da sie die für Hacks so wichtige Kreativität nicht unnötig einschränke. Deshalb traut er Anonymous durchaus Erfolge zu, welche den Geheimdiensten mit ihren Massenüberwachungsprogrammen trotz Milliarden-Budget bisher verwehrt blieben.

So unterschiedliche die Werte auch sind, welche die beiden Parteien in diesem «Cyberkrieg» vertreten, das Hacker-Kollektiv Anonymous und der Islamische Staat haben auch überraschend viele Gemeinsamkeiten. Beide bestehen aus dezentral organisierten Zellen, klare Strukturen sind nur schwer auszumachen – das ist beim Hacker-Kollektiv, das nicht einmal einen Anführer hat, freilich noch stärker ausgeprägt. Beide verbreiten im Netz propagandistische Videobotschaften mit vermummten Gestalten.

Hier sind sie in Kapuzenpulli gehüllt als Rächer Guy Fawkes maskiert, dort sind die Schlächter im schwarzen Gewand. Beide agieren im Verborgenen. Zwei Phantome führen Krieg im Cyberspace.

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