Im Leichtathletikstadion in der Berner Allmend bereiten sich ein paar Kinder und Jugendliche auf ihren Wettkampf vor. Vereinzelt sitzen ihre Eltern auf den sonst leeren Tribünenplätzen. Ganz hinten in der Ecke streckt auch eine reifere, stämmige Frau mit gräulichen Haaren ihre Arme, schüttelt dann die kräftigen Beine aus. Auch sie bereitet sich auf ihren Einsatz vor, hofft auf die nötige Spritzigkeit ihres nicht mehr ganz so jungen Körpers.

Sie schwitzt etwas in der Hitze und atmet schwer. Seit Tagen nagt sie an einer Erkältung. Man erholt sich nicht mehr so schnell wie früher. Trotzdem erhellt ihr Lachen das ganze Gesicht, wenn sie sich vorstellt: Mägy Duss aus Hochdorf.

Die Frau wird am 5. Dezember 60. Sie kann als Senioren-Athletin in verschiedenen Alterskategorien 17 Weltmeister-Titel im Hammerwerfen aufweisen, und noch mal so oft Europameisterin. Ungefähr, so genau weiss sie das nicht mehr.

Als sie noch so jung war wie die Kinder um sie herum, verbrachte die auf einem Bauernhof aufgewachsene Margrith ihre Freizeit mit Kunstturnen. Doch sie war nie so filigran wie ihre Kolleginnen und deshalb ganz froh, als man sie mit bald zwanzig Jahren fragte, ob sie nicht einmal ein Leichtathletiktraining mitmachen möchte. Schnell fühlte sie sich wohl, insbesondere in den Kraftdisziplinen wie Kugelstossen, Diskus- oder Speerwerfen. Aber so richtig in Fahrt kam sie in der Leichtathletik erst mit dem Hammerwerfen.

Seit die Disziplin 1994 offiziell für Frauen geöffnet wurde, wirft Mägy Duss den Hammer ins Feld. Hundert Mal. Tausend Mal. Und so wirft sie ihn auch heute. In der Kategorie der 55- bis 60-Jährigen ist sie die Einzige am Start, eine Medaille wird es aufgrund der fehlenden Anmeldungen keine geben.

Mägy hat sechs Versuche. «Hopp, Mägy, lass ihn fliegen», ruft Kollege Pino, der zweite Grauhaarige im Stadion, als sie in den Ring steigt. Mägy schwingt den Draht mit der vier Kilogramm schweren Kugel über dem Kopf, dreht sich zweimal um die eigene Achse und schmeisst den Hammer mit voller Wucht aus dem Ring.

Beim Aufprall gräbt sich die Kugel in die Erde und wirbelt Dreck in die Luft. Mägy verlässt den Ring mit einem enttäuschten Lächeln. Nicht einmal 34 Meter. Das sind fast 20 Meter weniger als bei ihrem besten Wurf aller Zeiten. 53,67 Meter. Das war im Jahr 2005.

Mägy war mit 23 erstmals Mutter geworden. Ihre Karriere als Leichtathletin wollte sie eigentlich schon an den Nagel hängen, bevor sie mit dem Hammerwerfen überhaupt begann. «Ich helfe euch beim Messen und Zählen», sagte sie im Verein und war mit einem Fuss schon raus aus dem Stadion. Doch dann sah sie eine Frau den Hammer werfen. «Ich will das auch!», sagte eine innere Stimme instinktiv. Also blieb sie. Das ist mittlerweile bald dreissig Jahre her.

Früher, da sagte sie, wenn sie nicht mehr 40 Meter weit werfe, dann höre sie auf. Oder wenn sie nur noch zwei Drehungen schaffe beim Anlauf (Top-Athleten drehen viermal, Ausnahmekönner sogar fünf). Ihr Trainer hat aber gesagt, mit zwei Drehungen gelinge ihr der Wurf besser. Er hatte recht. Die zweimal drehende Mägy hat nicht aufgehört.

Heute sagt sie, wenn ihre Kolleginnen nicht mehr an die internationalen Wettkämpfe mitkommen, höre sie auf. Mägy mag die Reisen und das Drumherum inzwischen fast mehr als die Wettkämpfe. «Wir sind ein kleines Grüppchen, eine kann super organisieren.» Auf den Reisen sei es immer interessant und auch lustig.

Unterwegs in fernen Ländern

Je älter sie wird und je schwieriger die Siege zu erreichen sind, desto wichtiger wird diese Welt, in der sich alles abspielt. Die Welt des Sports und der Athleten, mit denen sie zwischen jedem Durchgang plaudert – und dann fast den Einsatz verpasst. Für das Leben in dieser Welt ist sie auch bereit, die teuren Reisen zu bezahlen.

Verdient hat sie mit ihrem Sport nie etwas. Keinen Rappen. «Wir bezahlen sogar die T-Shirts mit dem Schweizer Kreuz selber», sagt sie. Früher habe sie das schon ein wenig gewurmt, «schliesslich legen wir auch sportliche Ehre ein für die Schweiz». Aber heute nehme sie es gelassen. Es ist, wie es ist.

Für den Hammer war sie in unzähligen Ländern; darunter Australien, Korea, Puerto Rico. Vor dem Sport war sie nicht aus ihrer Heimat herausgekommen, von der sie sich allerdings ohnehin kaum trennen kann. Ihr Mann Alois wollte vor vielen Jahren nach Sarnen zügeln. «Nicht mit mir», sagte Mägy.

Als die beiden heute erwachsenen Kinder Sandra und Reto klein waren und sie mit ihrem Mann in Hochdorf im Luzerner Seetal das Haus baute, hätte sie sich Auslandferien nicht zu erträumen gewagt. Sie kümmerte sich um Haushalt und Nachwuchs, machte Baureinigungen für das Architekturbüro ihres Mannes, dazwischen arbeitete sie in Heimarbeit für ein Kunststoffunternehmen, für das sie heute noch als Aushilfe tätig ist.

Mägy steigt erneut in den Ring, beginnt zu schwingen, bricht ab. Der Fuss ist abgerutscht. Nochmals von vorn, mit dem Rücken zu den anderen Athleten und den wenigen Zuschauern. Der Kampfrichter setzt eine weitere Marke in der Nähe der 34-Meter-Linie. Eine junge Frau betritt den Ring, schwingt und dreht sich mit einer eleganten Leichtigkeit, der Hammer fliegt fast 50 Meter weit.

Als Mägy mit etwa 40 Jahren mit dem Hammerwerfen begonnen hat, kamen die Erfolge wie von selbst. Sie flog um die Welt und kam mit Goldmedaillen nach Hause. Unter den Seniorinnen gab es nicht viele Hammerwerferinnen, und die meisten hatten keine ausgereifte Technik. Ihr Trainer Guido Troxler hingegen feilte an Mägys Würfen. Es waren die Jahre, in denen sie vier- bis fünfmal pro Woche nach Luzern fuhr fürs Training und beinahe alles dem Sport unterordnete.

Mit 47 war sie auf dem Höhepunkt angelangt. «Jetzt schaffst du 55 Meter», sagte der Trainer. «Doch in jenem Jahr», sagt Mägy Duss, «kam der Hexenschuss.» Die Ärzte rieten ihr, die Sprints und Sprünge auszulassen. Ein Schritt, den sie bis heute bereut. Die Spritzigkeit, die sie damals verloren hat, ist nie wiedergekommen.

Wehmütig schaut sie ihrer jüngeren Kollegin zu, wenn diese den Hammer weit über 40 Meter schleudert. Das sollte ihr selber auch gelingen, denkt sie. Doch sie habe sich damit abgefunden, dass sie jetzt in anderen Sphären wirft. Mittlerweile ist ihr Mann, der Faustball spielt, öfter als Mägy im hauseigenen Fitnessraum anzutreffen. Doch mit seinem Ehrgeiz motiviert er auch sie immer wieder aufs Neue.

Das Hammerwerfen als bis heute noch exotische Disziplin – besonders für Frauen – hat Mägy Duss mehr eingebracht als die Goldmedaillen, die daheim in der Schublade lagern. Es hat sie selbstbewusst gemacht und stark, sie setzt sich heute mehr für sich ein und nicht nur für alle andern. Als ihr Arbeitgeber sie eine Weile nicht als Aushilfe einsetzte und dann zurückwollte, forderte sie eine Lohnerhöhung. «Ich weiss, was ich kann und was ich wert bin», sagt sie.

Das ist ein grosser Schritt für Mägy, die Tausende von Stunden mit Vereins- und Familienarbeit verbracht hat, jahrelang fremde Fenster geputzt hat, die sauberer als die eigenen waren, Hunderte Ranglisten geschrieben und Buch geführt hat über Erfolge anderer. Manchmal wünschte sie sich, sie hätte auch die eigenen Resultate aufgeschrieben.

«Dir läufts, Pino?», ruft Mägy rüber zum Speerwerfen. «Keine Schmerzen, kann noch atmen – alles gut», antwortet dieser mit einem Augenzwinkern. Mit blau-weiss geringelten Kniesocken und einem gelöcherten Strohhut lebt er das Image des bunten Hundes in der Szene stärker als die natürliche Mägy. Dass sie manchmal etwas belächelt werden, weil sie in ihrem Alter noch an Wettkämpfen teilnehmen, wissen beide.

Es seien aber eher die Gleichaltrigen ausserhalb des Stadions, welchen das Ganze komisch anmute. Die jungen Leichtathleten würden zu ihnen hochschauen. «Wenn ich dann erwähne, dass ich mehrfache Welt- und Europameisterin bin, strahlen die Augen», erzählt Mägy lachend. «Obwohl, für unsereins ist das ja nicht so bedeutsam.»

Das Geld geht an die Jugend

Klar, wenn jemand gratuliert und Anteil nimmt an ihrem Erfolg, dann freut sich Mägy. Und in den besten Jahren, als sie mit den Goldmedaillen nach Hause geflogen ist, bereiteten ihr auch die öffentlichen Ehrungen von der Stadt Luzern ein gutes Gefühl. «In den Anfängen, ich glaube das war in Dänemark, kam ich mit dreimal Gold im Gepäck an die Ehrung der Stadt», erinnert sie sich. «Da überreichten sie mir ein Schild, auf dem 3000 Franken stand, und ich freute mich sehr.»

Doch das Preisgeld ist nur symbolisch für die Gewinner: «Das Geld geht an meinen Verein, den LC Luzern, zur Förderung der Jugend», sagt die 59-Jährige. Etwas enttäuscht war sie beim ersten Mal schon, weil sie nicht darauf vorbereitet war. «Aber eigentlich steckt dahinter der richtige Gedanke.»

Mägy steigt noch einmal in den Ring, das letzte Mal für heute. Sie schwingt, dreht, wirft, und lässt die Schultern fallen – diesmal vor Erleichterung. Es ist der beste Wurf heute: 34,49 Meter. Ein Resultat, mit dem sie unter diesen Umständen zufrieden ist. Zufrieden sein muss.

Sie zieht das Wettkampf-Shirt aus und bleibt, um den Männern zuzuschauen. Hier in diese Welt gehört sie hinein, im Stadion fühlt sie sich wohl.

Dieses Jahr wird sie nicht viel erreichen, denn sie muss gegen klar Jüngere antreten. Doch nächstes Jahr, wenn Mägy die 60 überschritten hat, könnte es noch einmal klappen mit einem Weltmeistertitel. Dann ist Mägy selber wieder unter den «Jungen» in der Kategorie der 60- bis 64-Jährigen.

Den dort gebräuchlichen 3-Kilo-Hammer hat sie 2018 schon mal 41,11 Meter weit geschleudert. Weil in der Schweiz für die Alterskategorie nicht der exakte Geburtstag zählt, sondern der Jahrgang, war das immerhin ein Schweizer Rekord. Und übrigens: Ab 75 werfen Frauen dann mit einem 2-Kilo-Hammer. Auf Mägy wartet also noch so einiges.