Medizin

Die vergessene Waffe gegen antibiotikaresistente Superkeime ist in der Schweiz nicht zugelassen

Ein Phage injiziert sein Erbgut in eine Bakterienzelle.

Ein Phage injiziert sein Erbgut in eine Bakterienzelle.

Weltweit werden verzweifelt neue Antibiotika gesucht. Dabei existiert eine Alternative längst: die Phagen. Nur: Im Westen, auch in der Schweiz, ist die Phagentherapie zurzeit nicht zugelassen.

Für Isabelle Carnell sollte sich endlich alles zum Guten wenden. Die 15-jährige Britin hatte lange auf eine Spenderlunge gewartet, jetzt hatten Londoner Ärzte tatsächlich ein neues Organ für sie gefunden. Die lebensrettende Operation verlief gut.

Doch das Glück währte nicht lange: Einige Tage nach der Operation breiteten sich auf ihrem Körper rote Knötchen aus, ein aggressiver Spitalkeim hatte Isabelle Carnell befallen. Sofort ordneten die Ärzte eine Antibiotikatherapie an – doch diese half nicht. Denn die Erreger waren sogenannte Superkeime. Als solche werden Bakterien bezeichnet, die durch Mutationen antibiotikaresistent geworden sind und gegen welche keine anderen Heilmittel bekannt sind.

Die behandelnde Ärztin wollte ihre Patientin aber nicht aufgeben. Zusammen mit einem Biologen suchte sie nach Alternativen. Und fand: Bakteriophagen. Das sind Viren, die nur Bakterien befallen – menschliche Zellen jedoch verschonen. Die Parasiten sind extrem spezifisch und attackieren jeweils nur einen einzigen Typ Bakterien.

Hilfe aus den USA

In Grossbritannien kannte sich allerdings niemand mit Phagentherapie aus. Das britische Ärzteteam suchte deshalb nach einem Experten, der einen zum mutierten Bakterium passenden Phagen in seiner Sammlung hatte. Aus den USA meldete sich ein Biologieprofessor, der solche Phagen besass und bereit war, sie genetisch zu verändern, damit sie ganz sicher wirken würden. Schon bald darauf wurden künstlich erzeugte Viren nach London geschickt und der Patientin Isabell Carnell verabreicht.

Und tatsächlich: Die Therapie schlug an. Nach einigen Tagen verschwanden die roten Knötchen und die Operationswunde begann, sich zu schliessen. Isabelle Carnell ist damit der erste Mensch, der mit genetisch veränderten Phagen von einem Superkeim gerettet werden konnte. Letzte Woche veröffentlichten die beteiligten Forscher die Studie zum aussergewöhnlichen Fall im Fachmagazin «Nature Medicine.»

Mit dem Einsatz von Bakteriophagen haben die Londoner Ärzte ein Mittel wiederentdeckt, das sogar gegenüber dem Alleskönner Antibiotikum Vorteile hat. Denn wegen ihrer Spezifität töten Phagen nur die krankmachenden Erreger und schonen andere Bakterien. Der Körper wird dadurch weniger stark belastet, als wenn Zellgifte wie Antibiotika eingesetzt werden.

Der Hauptvorteil der Phagen ist aber ein anderer: Bakterien können gegen Phagen keine dauerhaften Resistenzen bilden. Dies, weil sich die Viren – wie die Bakterien – in ständiger Evolution befinden. Wenn ein Bakterium durch eine Mutation gegen den Angriffsmechanismus einer Phagenart resistent wird, findet sich schon bald auch ein mutierter Phage, der es vernichten kann. Antibiotika dagegen können sich nicht von selbst verändern.

Die gutartigen Viren haben aber auch Nachteile. Bevor ein Phage eingesetzt werden kann, muss das krankmachende Bakterium eines Patienten zweifelsfrei identifiziert werden. Sonst ist nicht klar, welcher Phage gegen den Erreger hilft. Dieser Prozess kann einige Tage dauern und die Behandlung verzögern.

Ein weiterer Makel der Phagentherapie sind die unterschiedlichen Erfolgsraten. Das Eliava-Institut in Georgien, welches als führendes Zentrum für Phagenmedizin gilt, weist bei Lungeninfektionen mit resistenten Keimen eine Heilungsrate von 67 Prozent aus. Entzündungen des Knochenmarks dagegen sollen laut der Klinik in allen Fällen erfolgreich kuriert werden können.

Bedenken gibt es auch, weil vor zwei Jahren entdeckt wurde, dass einige Phagenarten die Verbreitung von Antibiotikaresistenzen begünstigen. Denn manche Phagen zerstören ihren Wirt nicht vollständig. Sogenannte Superspreader-Phagen lösen nur die Zellwand ihres Wirtes auf und lassen Teile der Bakterien-DNA intakt. Andere Mikroben können so diese DNA-Fragmente aufnehmen und in ihr eigenes Erbgut einbauen. Wenn in einem solchen DNA-Fragment Antibiotika-Resistenzgene enthalten sind, werden sie auf diese Weise verbreitet.

Nach jetzigem Wissensstand gehören nur wenige Phagen zu den Superspreadern. Die meisten zersetzen die Wirts-DNA komplett in Einzelteile und sind somit keine Resistenzverbreiter. Es ist aber klar, dass Phagen, welche in der Medizin zur Anwendung kommen sollen, auf dieses Risiko genau geprüft werden müssen.

Blinder Fleck in unserer Medizin

Die Superspreader-Problematik offenbart das Hauptproblem der Phagentherapie: Die westliche Medizin weiss nicht genug über die Viren, denn sie hat die Forschung in diesem Fachgebiet lange stark vernachlässigt. Über Jahrzehnte erforschten nur Wissenschaftler aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion die Viren.

Das hat vor allem einen historischen Grund. Phagen wurden nach dem Ersten Weltkrieg zwar in ganz Europa erforscht und eingesetzt – allerdings nicht für lange. Denn als in London das Antibiotikum entdeckt und 1941 der erste Patient damit geheilt wurde, vergassen westliche Wissenschaftler die Viren. Schliesslich hatten sie nun ein potentes Mittel zur Hand, das zig Krankheiten heilen konnte.

In Osteuropa sah das anders aus. Wegen des Kalten Kriegs fand wenig wissenschaftlicher Austausch statt, die Sowjetunion führte Antibiotika darum erst in den 50er-Jahren als Standardtherapie ein. In der Zwischenzeit forschten Sowjetärzte an Phagen weiter und entwickelten jene Behandlungsmethode, die dort heute etabliert ist und neuerdings auch im Westen auf Interesse stösst: die moderne Phagentherapie.

Besonders in Georgien sind Phagen als Medikamente verbreitet. Dort sind sie in jeder grossen Apotheke erhältlich. In der Hauptstadt Tiflis befindet sich denn auch das renommierteste Zentrum für Phagenmedizin, das Eliava-Institut. Jedes Jahr reisen Patienten mit multiresistenten Keimen aus ganz Europa dorthin, um sich für viel Geld behandeln zu lassen. Bei diesen Patienten nützt der Einsatz von Antibiotika nichts mehr, ihre einzige Hoffnung auf Heilung ist die Phagentherapie.

Keine Phagen in der Schweiz

Im Westen, auch in der Schweiz, ist die Phagentherapie zurzeit nicht zugelassen. Das liegt daran, dass es noch keine grossen Studien gibt, welche die Behandlungsmethoden ausführlich untersucht haben. Die bisherige Forschung erfolgte in kleinen Fallzahlen im Osten und die dortigen Studien erfüllen die westlichen Standards mit hohen Fallzahlen nicht. Ausserdem liegen viele Arbeiten zum Thema nur auf Russisch vor und lagern in Papierform in alten Archiven aus der Sowjetzeit.

Bisher fehlten auch die Anreize für Pharmafirmen, um Phagen als Medikamente auf den Markt zu bringen. In den allermeisten Fällen funktionieren Antibiotika noch immer relativ gut und mit den momentan wenigen Fällen von multiresistenten Keimen lässt sich nur wenig Geld verdienen.

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