Coronavirus
Die neuen Virus-Mutationen machen Sorgen: Es gibt Anzeichen, dass sie Antikörpern ausweichen können

Die vielen Infektionen in Brasilien könnten auf Zweitinfektionen zurückzuführen sein – das heisst, manche Leute sind durch die erste Infektion nicht genügend geschützt. Was bedeutet das für den Impfschutz?

christoph bopp, Sabine Kuster
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Das Virus hatte ein Jahr Zeit sich zu entwickeln – das macht alles schwieriger.

Das Virus hatte ein Jahr Zeit sich zu entwickeln – das macht alles schwieriger.

Getty Images

1. Drei Virenmutanten machen der Fachwelt Sorgen: eine in Grossbritannien, eine in Südafrika und eine in Brasilien (Manaus). Warum?

Die drei Mutationen sind voneinander unabhängig aufgetreten und haben in kurzer Zeit viele Einzelmutationen angehäuft. Es handelt sich um B.1.1.7 (Grossbritannien), B.1.351 (Südafrika) und P1 (Brasilien). Die Mutationen betreffen das Spike-Protein, mit dem das Virus an die Zellen andockt. Von zwei Punktmutationen wird vermutet, dass sie die Bindung an die Zelle erleichtern: N501Y (in zwei Varianten) und E484K. Diese Veränderungen haben die Verbreitungsgeschwindigkeit des Virus vergrössert, die Zahlen steigen.

2. Beeinträchtigen die Mutationen auch den Schutz bereits Infizierter und den Schutz durch die vorhandenen Impfstoffe?

Ein Preprint einer Studie aus Südafrika untersuchte das Serum von 44 Corona-Infizierten aus der ersten Welle und fanden im Laborversuch bei 90Prozent eine reduzierte Immunität gegen N501Y:V2. Bei 48Prozent sah es sogar so aus, dass das mutierte Virus die Antikörper unterlaufen könnte. Die Mutationen K417N and E484K haben nicht nur das Bindungsverhalten des Spike-Proteins verändert, sondern offenbar dem Virus auch die Möglichkeit verschafft, sich den vorhandenen Antikörpern zu entziehen. Ob das auch für die von mRNA-Impfstoffen erzeugten Antikörpern von Pfizer/Bion­Tech und Moderna zutrifft, ist noch offen. Bisher haben die Pharmafirmen beteuert, der Schutz sei intakt.

3. Wenn auf die Antikörper kein Verlass ist – werden uns dann die T-Zellen besser schützen?

Das ist die Hoffnung der Virologen. Nur ist die T-Zellen-Antwort schwieriger im Labor zu messen. Gestern meldete das Unispital Basel, ein Forschungsteam habe zum ersten Mal T-Gedächtniszellen auch im Lungengewebe entdeckt. Bisher konnte man sie in Lymphknoten und der Milz nachweisen. Die Forscher um Carolyn King konnten die TRH-Zellen bis zu 120 Tage nach einer Infektion nachweisen. Doch fürs Coronavirus bleibt vorderhand nur der Praxistest, um den Schutz einer alten Infektion oder einer Impfung zu erfahren – also wie viele Leut sich zweimal infizieren.

4. Könnte es sein, dass das Virus einfach Bevölkerungsgruppen traf, die bisher vom Coronavirus verschont geblieben waren?

Die scharfe Spitze der laufenden Welle in Irland, beziehungsweise der schnelle Bruch der Spitze, könnte sich tatsächlich damit erklären lassen, dass das Virus plötzlich eine neue Gruppe von Leuten erreicht hat. Doch dass dies eben geschah und vor allem wie steil wie die Infektionen im Vergleich mit der ersten Welle trotz Schutzmassnahmen plötzlich anstiegen, ist ein sicheres Zeichen für eine höhere Infektiosität des Virus.

5. Warum findet man gerade jetzt drei Mutationen, die offenbar ansteckender sind?

Wie das Virus mutiert, wird seit Anfang der Epidemie untersucht. Dass man gerade jetzt Mutationen findet, die den Pandemieverlauf beeinflussen, hat damit zu tun, dass das Virus schon viel Zeit hatte, sich zu entwickeln und dass schon so viele Leute infiziert wurden, dass die Gelegenheiten zur Mutation zahlreich werden.

6. In Brasilien gehen die Infektionszahlen aber gar nicht durch die Decke. In Südafrika sinken sie seit einer Woche sogar.

Die Datenlage der beiden Länder ist unsicher. Zwar sind an den Infektionszahlen gerade keine steile Kurve abzulesen – jedoch steigt die etwas verlässlichere Zahl der gemeldeten Corona-Toten in Südafrika seit Anfang Dezember dramatisch an. Und in Brasilien war das Virus über die Sommermonate derart präsent, dass die Herdenimmunität in gewissen Regionen fast erreicht ist. Dass die Zahlen nun auch dort wieder steigen, könnte ein Zeichen sein, dass die bisherige Immunität für die Mutation nicht genug wirkt und die Leute ein zweites Mal erkranken.

7. Wenn in der Schweiz die Fallzahlen trotz der Mutation weiter sinken, sind dann die vom Bundesrat verordneten Massnahmen übertrieben?

Tiefe Zahlen sind auf jeden Fall ein Vorteil, denn bis genügend Leute geimpft sind, wird es noch lange dauern. Und wenn wieder ein tiefes Niveau von zum Beispiel unter 500 Fällen pro Tag erreicht ist, liessen sich die Ansteckungsketten erfolgreicher verfolgen und die Massnahmen könnten gelockert werden. Das Gute ist, dass die Infektionskurve nicht nur exponentiell steigt, sondern auch sinkt: Mit einem R-Wert unter1 würden die Fälle schnell weniger. Tiefe Fallzahlen würden auch bedeuten, dass die Spitäler die verschobenen Operationen nachholen könnten.

8. Wie kann man den Impfstoff anpassen, falls er nun wider Erwarten doch nicht mehr wirkt?

Der mRNA-Impfstoff besteht aus einer Hülle von Lipid-Nanopartikeln und der mRNA. Sie dient als Bauanleitung für die Antikörper, welche das Virus erkennen und abwehren sollen. Diese Formel könnte man leicht umschreiben und an die Mutationen anpassen. Das wäre in ein paar Wochen möglich. Dann müsste man bei ein paar Geimpften testen, ob die neu erzeugten Antikörper das mutierte Virus wirklich erkennen. Obwohl die mRNA-Formel verändert wurde und es eigentlich ein neues Produkt ist, müssten wohl nicht alle Phasen des Zulassungsverfahren durchlaufen werden, auch Phase III mit Zehntausenden von Freiwilligen nicht.