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Sommer im ewigen Eis: Die Kinder von Kullorsuaq – ein Besuch in Nordgrönland

Sie leben auf einer kargen, von der Welt abgeschiedenen Insel, wo es im Sommer nie dunkel, aber auch nie warm wird. Besuche sind selten. Reportage von speziellen Schulferien in Nordgrönland.

Text und Bilder: Françoise Funk-Salamí
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In der abgelegenen Gemeinde Kullorsuaq leben 453 Menschen,.

In der abgelegenen Gemeinde Kullorsuaq leben 453 Menschen,.

Bilder: Françoise Funk-Salami/Foreningen Grønlandske Børn

Nach Kullorsuaq kommt man nur mit dem Helikopter, der nächste Flughafen liegt 200 Kilometer südlich in Upernavik. Die Reise von Kopenhagen in die abgelegene Siedlung in Nordgrönland dauert mehrere Tage, in Coronazeiten fast eine Woche. Hierher kommt niemand zufällig. In Kullorsuaq gibt es kein Hotel oder Café, dafür zwei Kirchen und verstreut auf dem kargen Felsen einige farbige Häuser, umgeben vom tiefblauen Polarmeer und weiss schimmernden Eisbergen. Der einzige Einkaufsladen ist zugleich Treffpunkt der Dorfbewohner. Vor Jahren schon hat die Bevölkerung beschlossen, dort keine alkoholhaltigen Getränke mehr zu verkaufen, um dem verbreiteten Alkoholismus vorzubeugen.

Das Erstaunliche aber ist, dass diese Siedlung am Rande der Welt nicht schrumpft, sondern wächst. 453 Menschen wohnen im Dorf. Rund ein Drittel davon sind Kinder. Der Kindersegen ist denn auch einer der Gründe, warum Kullorsuaq in den letzten Jahrzehnten stetig gewachsen ist, was ungewöhnlich ist für eine Randregion, die von der Abwanderung betroffen ist. Die Lehrerin und Freizeitleiterin Birgitta Kammann Danielsen sagt: «Durch die Abgeschiedenheit hat das Dorf eine eigene Kultur entwickelt, welche die Jungen eher am Ort behält oder nach einer Ausbildung zurückkehren lässt. Die Jägerkultur ist hier noch sehr lebendig. Es gibt kaum Einflüsse von aussen.»

Maannguaq (5) und Taatsi (3) bei einer Camp-Aktivität

Maannguaq (5) und Taatsi (3) bei einer Camp-Aktivität

Bild: Françoise Funk-Salami/Foreningen Grønlandske Børn

Einer, der zurückgekommen ist, ist Villiam Jensen. Nach seiner Ausbildung im 670 Kilometer südlich gelegenen Aasiaat arbeitet der 31-Jährige heute als Hausmeister in der lokalen Schule. «Ich wollte dorthin zurückkehren, wo ich aufgewachsen bin», sagt Villiam.

Manche Kinder sind oft auf sich alleine gestellt

In den Sommerferien bleiben viele Familien im Dorf, zu teuer ist die Reise in den Süden des Landes. In dieser Zeit ist es auf dem 74. nördlichen Breitengrad immer hell, aber kaum wärmer als fünf Grad. Die Kinder spielen bis Mitternacht im Freien und geniessen zwar die langen Tage, die sie im Winter entbehren. Doch «oftmals fehlt ihnen in der Ferienzeit aber die Struktur. Einige Kinder sind stark auf sich selber angewiesen und erhalten zu Hause nicht genügend Aufmerksamkeit», sagt Gunver Justesen, Projektleiterin vom Verein grönländischer Kinder. Einer der Gründe dafür: Frauen werden auf Kullorsuaq oft sehr früh Mütter und erziehen ihre Kinder ohne Partner. Ein anderes Problem ist der knappe Wohnraum: Viele Häuser sind älteren Datums, die wenigsten können sich ein neues Heim leisten. Oft leben die Familien mehrerer Generationen unter einem Dach.

Den Kindern und Erwachsenen etwas bieten

2019 hat der dänisch-grönländische Verein deshalb erstmals ein Sommercamp in Kullorsuaq organisiert. Dieses Jahr war wegen der Pandemie lange nicht klar, ob das zweiwöchige Camp überhaupt durchgeführt werden kann.

Einer der Helfer ist Salomon Simonsen. Der 25-Jährige ist in Ostgrönland aufgewachsen und im Alter von zwölf Jahren nach Vejle in Dänemark gezogen. Er sagt: «Ich möchte, dass die Menschen von Kullorsuaq spezielle Sommerwochen erleben.»

Salomon Simonsen

Salomon Simonsen

Bild: Françoise Funk-Salami/Foreningen Grønlandske Børn

Das Camp stösst auf grosses Interesse. Fast die Hälfte der Inselbewohner besucht die kreativen, sportlichen und kulturellen Aktivitäten, die im Schulhaus und im Freien stattfinden. Tittus Johansen kommt jeden Tag mit seinem zweijährigen Sohn Taatsi und der fünfjährigen Tochter Maannguaq ins Camp. Der 36-jährige Familienvater bastelt mit seinen Kindern Papierblumen, bemalt Steine mit bunten Mustern, während seine Partnerin als Helferin engagiert ist. Projektleiterin Gunver Justesen sagt: «Grönländische Kinder sind oft unter sich; sie geniessen es darum sehr, gemeinsam mit ihren Eltern Zeit zu verbringen.»

Tittus und sein Sohn Taatsi.

Tittus und sein Sohn Taatsi.

Bild:Françoise Funk-Salami/Foreningen Grønlandske Børn

Wo Musik erklingt, ist Hans Karlsen anzutreffen. Mit einem gekonnten Hüftschwung legt der 13-jährige Junge eine grönländische Polka aufs Parkett und posiert bei jeder Gelegenheit gerne vor der Kamera der Fotografin. Vor der Turnhalle bildet sich eine Warteschlange. Die traditionellen Trommeltänze und Inuit-Spiele sind besonders beliebt. An einer Barre hängt ein Ball aus Seehundfell. In einem Wettbewerb soll dieser mit verschiedenen akrobatischen Sprüngen mit den Fussspitzen berührt werden. Atsiannguaq schafft es haarscharf und erntet Applaus.

Atsiannguaq (19) in Aktion.

Atsiannguaq (19) in Aktion.

Bild: Françoise Funk-Salami/Foreningen Grønlandske Børn

Gemeinschaft ist in Nordgrönland tief verankert

Auffallend ist, dass Kinder, Jugendliche und Erwachsene an den Aktivitäten teilnehmen. «Es ist absolut normal hier, dass verschiedene Generationen etwas zusammen machen, und die Kinder können sehr gut auf die Jüngeren aufpassen und diese miteinbeziehen», sagt Birgitta Kammann Danielsen. Gemeinschaft war und ist in Grönland überlebenswichtig. Besonders in abgelegenen Siedlungen gibt es wenig Individualismus, wie wir ihn in europäischen Kulturen kennen.

Birgitta Kammann Danielsen

Birgitta Kammann Danielsen

Bild: Françoise Funk-Salami/Foreningen Grønlandske Børn

Lange Zeit blieb Nordgrönland vor dem Coronavirus verschont, es gab kaum eine Ansteckung. Mit der schrittweisen Öffnung Grönlands wurden Mitte Juli dieses Jahres jedoch innert weniger Tage gegen dreissig neue Coronafälle registriert, was für Grönland viel ist. Im Camp müssen die Aktivitäten neu organisiert werden, die Gruppen werden auf zwanzig Teilnehmer beschränkt. Erwachsene müssen in Kullorsuaq erstmals seit dem Beginn der Pandemie im Einkaufsladen und im Schulhaus Masken tragen. Die Hiobsbotschaft erreicht das Camp am Morgen des 27. Juli: Die Kommune hat für den Distrikt Upernavik weitere Einschränkungen erlassen. Die Enttäuschung unter den Organisatoren und Teilnehmenden ist gross. «Schade, müssen wir das Camp vorzeitig schliessen, aber ich bin sehr dankbar für die Woche, die wir erfolgreich durchführen konnten – für die Menschen von Kullorsuaq», sagt Salomon Simonsen.

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