Allergien
Wenn die guten Mikroben fehlen: Die Gefahr der Putzmittel

Eine blitzblank gescheuerte Wohnung macht nicht zwingend anfällig auf Allergien. Es kommt darauf an, wie sie geputzt wurde.

Sabine Kuster
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Ob viel oder wenig Hausstaub: Auf die Allergieprävention hat das keinen Einfluss.

Ob viel oder wenig Hausstaub: Auf die Allergieprävention hat das keinen Einfluss.

Bild: Getty Images

Irgendwas ist aus dem Lot. Während vor hundert Jahren noch kaum jemand Heuschnupfen hatte und auch Allergien auf Nahrungsmittel oder Tiere kaum bekannt waren, reagiert heute fast jede fünfte Person in der Schweiz allergisch auf irgendetwas. Die gängige Erklärung dafür: Das Immunsystem der heutigen Menschen wird zu wenig mit ernsthaften Bakterien und Viren konfrontiert und flippt dafür bei harmlosen Proteinen wie Pollen aus. Sogar das Allergiezentrum Schweiz «aha!» verbreitet diese These noch auf seiner Website. Sie stammt aus den 80er-Jahren und wurde unter anderem nach einer Studie des englischen Epidemiologen David P. Strachan populär.

Unbestritten ist, dass mit dem Klimawandel Stadtbäume im Hitzestress mehr Pollen produzieren, die Allergien verstärken. Doch dass es unserem Immunsystem im Mikroben-armen Haushalt «langweilig» wird, ist eine Mär. Ein neuer Artikel im «Journal of Allergy and Clinical Immunology» bringt auch die These ins Wanken, dass das Immunsystem mit Angreifern trainiert werden muss.

Nur die guten Mikroben spielen eine Rolle

Der Hauptautor des Artikels, Graham A.W. Rook, emeritierter Professor in Molekularbiologie am University College London, ist überzeugt: Uns fehlen nicht die Krankheitserreger, sondern mehr gute Mikroben. Seit der Darm als bedeutender Mitspieler unseres Immunsystems erkannt wurde, ist klar: Gesund bleibt, wer viele verschiedene Mikroorganismen in der richtigen Zusammensetzung auf und in sich trägt.

Die Biodiversität in unseren Körpern hat abgenommen und Rook denkt, dass das nicht daran liegt, dass wir zu sauber leben, sondern dass unser Mikrobiom laufend geschädigt wird. Zum Beispiel durch Putzmittel. Manche enthalten selbst Allergene oder Komponenten, die via Lunge und Darm als TH2-Hilfsstoffe agieren. Diese fördern die Produktion von TH2-Lymphozyten, das ist eine Untergruppe der Immunzellen, die für allergische Reaktionen verantwortlich ist. Speziell schädlich sind Putzsprays. Kleinkinder sollten ihren Dämpfen nicht ausgesetzt werden. Die Enzyme sind nicht nur giftig für die Zellen, sie machen auch die Zellwände durchlässiger. Und sie machen nicht nur anfälliger auf Allergien, sie enthalten auch Allergene.

Es könnten also eher diese Mittel sein, die in zu gründlich und zu oft geputzten Haushalten zu mehr Asthma und Ekzemen bei Kindern führen. Und Fett lösende Reinigungsmittel (Detergentien) machen die Haut für solche Stoffe durchlässiger, da die Schutzschicht abgetragen wird.

Putzsprays begünstigen die Abnahme der Biodiversität im menschlichen Körper (Themenbild).

Putzsprays begünstigen die Abnahme der Biodiversität im menschlichen Körper (Themenbild).

Gaetan Bally / KEYSTONE

Mikroben, die das menschliche Immunsystem stärken, gibt es zwar. Genauer sind es Bestandteile, die in Zellwänden von Bakterien vorkommen. Doch Rook schreibt: «Der Effekt ist nach dem Putzen nicht genug stark eliminiert. Die Oberflächen sind nach wenigen Stunden wieder besiedelt.» Viel mehr zeige eine Langzeitstudie von 2015 in München, dass weder persönliche Hygiene noch die Menge an Hausstaub Einfluss auf die Entwicklung von allergischen Krankheiten habe.

Ausschlaggebend bei der Allergieprophylaxe sind ohnehin jene Mikroorganismen, welche die Kinder auflesen, wenn sie durch den Gebärkanal zur Welt kommen, wenn sie gestillt werden und mit Eltern, Geschwistern, Tieren sowie Garten und Wald in Kontakt kommen.

Ein Bauernhof bietet einen solchen Mix. Einen Erklärungsansatz für die Superkräfte eines Bauernhofes haben Forscherinnen in Wien gefunden: Es ist nicht der profane Dreck, es könnte das Beta-Lactoglobulin sein, das speziell auf Höfen mit Kühen vorkommt. Kühe scheiden es im Urin aus. Die Forscher fanden es im Stall, in den Betten der Bauern und in der ganzen Luftglocke um einen Hof. Dies berichtete Isabella Pali-Schöll vom Messerli Forschungsinstitut der «SonntagsZeitung».

Kühe scheiden mit dem Urin ein Anti-Allergen aus

Beta-Lactoglobulin gleicht einem Eiweiss, welches beim Menschen für die Immunabwehr wichtig ist. Allergiker haben weniger davon im Blut. Die Forscherinnen entwickelten deshalb eine Lutschtablette damit. Sie versprechen sich viel von der «Kuhstallpille».

Thomas Hauser vom Immunologie-Zentrum Zürich ist skeptisch. «Beta-Lactoglobulin ist ziemlich sicher nicht die alleinige Erklärung», sagt der Allergologe und Immunologe. Es gebe Zehntausende verschiedene Proteine auf einem Bauernhof. «Ich glaube, das ist eine Vereinfachung der Biologie aus kommerziellen Gründen.»

Bekannt ist zumindest, dass das Trinken von Rohmilch ebenfalls gegen Allergien hilft, besonders im Kindesalter. Bloss ist dies nicht ratsam, weil auch krankmachende Erreger überleben, wenn die Milch nicht erhitzt wird.

Doch eben: Dass wir uns von solchen natürlichen Umgebungen entfernt haben, kann nicht der einzige Faktor sein, der Allergien begünstigt. Laut Rook leben in Indien die Menschen häufig noch in den natürlichen Umgebungen, dennoch habe die Autoimmunerkrankung Diabetes stark zugenommen. Er vermutet als Auslöser Pestizide. Zudem ist der Einsatz von Antibiotika bei Tieren und Menschen in Indien hoch. Antibiotika – auch das ist belegt – verändern unser Mikrobiom und erhöhen das Risiko für spätere Allergien, wenn sie in der Schwangerschaft oder bei Kleinkindern häufig eingesetzt werden.

Infektionen schützen wohl nicht gegen Allergien

In der ganzen Diskussion um Beschützer und Erreger von Allergien kommen Infektionen kaum vor. Zwar kommt man mit all den Viren, gegen die nicht geimpft werden kann, besser früher als später in Kontakt, weil eine Infektion im Kindesalter meist mild verläuft. Aber dass sie gegen Allergien schützen, ist nicht bekannt. Monique Vogel, Immunologin am Inselspital in Bern, sagt: «Ein früher Viren-Kontakt kann die spätere Entwicklung von Allergien nicht verhindern.» Im Gegenteil könne sogar eine Atemwegsinfektion in den ersten Lebensjahren mit dem häufig kursierenden Respiratorischen Synzytial-Virus für eine allergische Sensibilisierung anfällig machen.

Graham A.W. Rook findet das plausibel. Denn man infiziert sich meist durch den Aufenthalt in verschiedenen Gruppen – etwas, was während der längsten Zeit der menschlichen Entwicklung nicht passierte. «Deshalb ist es unwahrscheinlich, dass Menschen solche Infektionen benötigen.»

Den frühen Kontakt mit anderen Kindern braucht es trotzdem für die Vergrösserung des Mikrobioms. «Das Gleichgewicht ist entscheidend», sagt Allergologe Hauser. «Die Erreger dürfen nicht überhandnehmen.»

Doch was bedeutet dies nun für unseren Putzschrank? Alle Mittelchen wegwerfen? Die Autoren sagen nur, dass an Boden und Wänden nicht stark geputzt werden müsse, da dort wenig Krankheitserreger seien und wir sie wenig berührten. Sie empfehlen aber das saubere Putzen von Oberflächen in Küche und Bad. Hauser rät zur Vernunft: «Einmal pro Woche mit einem Essig-Mittel zu putzen, schadet sicher nicht. Aber all die antibakteriellen Mittel, welche man uns verkaufen will, braucht es nicht.»

Nicht vergessen dürfe man aber nach dem Hantieren mit rohem Fleisch alles gut und heiss abzuwaschen. Ebenso gilt es die Colibakterien im Klo durch regelmässiges Putzen in Schach zu halten. Ausserdem wie aus der Corona-Pandemie bekannt: Schadet Social Distancing und Maskentragen nicht, wenn man krank ist. Sicher ist auch, dass es durchwegs gut ist, die Hände und Handtücher häufig zu waschen.

Damit nehmen wir unsere Immunsystem nicht die guten Mikroben. Und Gegner als Training braucht es nicht.