Dialekt

Die Freude an der Mundart ist ungebrochen, doch als Kunstform wird sie kaum erforscht – warum eigentlich?

Dialekt wird an Schweizer Unis zwar sprachwissenschaftlich begleitet, doch kulturwissenschaftliche Forschung gibt es nicht.

Mundart-Rap, Spoken Word, ja selbst Mundartliteratur: Der Dialekt prägt nicht nur unseren Alltag, wir konsumieren ihn auch als Kunstform. Und das, obwohl sich die Dialekte allmählich annähern, wie die Forschung belegt. Wörter verschwinden, werden durch Anlehnungen ans Hochdeutsche ersetzt. Anke durch Butter. Ross durch Pferd.

Die Mundart entwickelt sich ständig weiter. Und das ist überhaupt nicht neu, zeigen etwa die Englischeinflüsse. Tschutte oder Schutte kommt eigentlich von «to shoot». Wir Deutschschweizer haben es also gar nicht erfunden. Und trotzdem gibt es Leute, die sich stören, wenn ihre Enkel «Fuessball gönd go schpile».

Solche Dialektpuristen gibt es auch beim Radio (siehe Box). Dort hört man einzelnen Journalisten die Freude an alten Wörtern geradezu an. Sie stehen in einer Reihe mit Sprachakrobaten beim Poetry Slam, in der Mundartmusik oder der Mundartliteratur. Ganz der Kunst gibt sich auch das Mundartfestival Arosa in zwei Wochen hin. 

Germanistiklehrstühle in deutscher Hand

So gegenwärtig die Mundart ist, so wenig interessiert sie an Schweizer Unis. «Die Mundartkultur trifft auf keinen wissenschaftlichen Diskurs», sagt Christian Schmid, Autor und Experte der Mundartkultur, gegenüber der «Schweiz am Wochenende». Diese Kritik übt er auch in seinem neuen Buch «Häbet nech am Huet! E Chiflete», das in diesen Tagen erscheint.

Zwar würde die Mundart sprachwissenschaftlich eng begleitet, doch kulturwissenschaftlich tue sich «weniger als nichts», so Schmid. «Kein einziger Lehrstuhl an einer Schweizer Uni befasst sich mit Mundartliteratur.»

Das habe Gründe. Zum einen mangle es an den deutschen Seminaren der Schweizer Universitäten an Personal, das sich für Mundart interessiere. Zum anderen stellt Schmid ein elitäres Gehabe im Kulturbetrieb fest. «Es ist verpönt, sich mit Mundartkunst zu befassen, die Szene blickt auf dieses Genre herab.»

Zwar seien die Veränderungen der Dialekte dank der Arbeit der Linguisten messbar geworden. «Doch es fehlt eine kulturwissenschaftliche Herangehensweise», so Schmid. Das habe letztlich damit zu tun, dass an den deutschen Seminaren viele Lehrstühle von Deutschen besetzt worden seien. Schmid: «In der Sprachwissenschaft spielt das keine so grosse Rolle, doch bei der Mundartkultur fehlt Deutschen das Hintergrundwissen, über das eigentlich nur Deutschschweizer verfügen.»

Elvira Glaser, eingebürgerte Deutsche und emeritierte Germanistikprofessorin an der Universität Zürich, pflichtet Schmid insofern bei, als dass die Mundart-Literatur auf keinen wissenschaftlichen Diskurs treffe. Zudem interessiere sich der akademische Nachwuchs kaum dafür, so Glaser. Die Bibliothek des deutschen Seminars an der Uni Zürich habe die Mundartliteratur zum Beispiel mangels Nachfrage ausgelagert, sagt sie.

Mundartliteratur wichtig für die Aufarbeitung von Geschichte

Doch liegt es an den Lehrstühlen in deutscher Hand? Die Frage geht an Philipp Theisohn, seit diesem Sommer Professor für Schweizer Literatur an der Uni Zürich. Theisohn, selbst Deutscher und auf dem Weg zum Schweizer Pass, kann dem Argument wenig abgewinnen.

Er selbst ist das Gegenbeispiel, er behandelt in der Lehre die Mundartliteratur als Teil der Schweizer Literatur. «Man kann das nicht voneinander trennen, damit würde man auch den Mundartautoren gar nicht gerecht», sagt er. Schon aus diesem Grund wäre es laut Theisohn der falsche Weg, extra einen Mundartlehrstuhl einzurichten. Hinzu komme der Spardruck in den deutschen Seminaren der Universitäten.

Was aber sind die Folgen einer mangelhaften wissenschaftlichen Begleitung der Mundartkunst? Für Schmid und Glaser fehlt der Literatur der Boden, wenn sie nicht wissenschaftlich begleitet wird und kein Diskurs darüber entsteht.

Schmid geht noch weiter und ortet einen blinden Fleck der Schweizer Geschichte: «Die Mundartliteratur ist über 200-jährig. Ideologievehikel wie die Heroisierung des traditionellen Bauerntums oder die geistige Landesverteidigung bleiben unverständlich, wenn man die Mundartliteratur nicht berücksichtigt.»

Wer die Verklärung der Alpenrepublik bis hin zum Reduitdenken im Zweiten Weltkrieg verstehen wolle, der komme nicht um die Mundartliteratur eines Simon Gfeller oder Karl Grunder herum, findet er. Wir kaufen Bücher von Pedro Lenz und hören CDs von Stahlberger. So richtig abgeben mit ihnen mögen wir uns aber nicht.

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