Umweltschutz

Desinfektionsmittel im Abwasser: Wie stark schadet das der Umwelt?

Umweltverträglicher als andere Produkte: Ein Desinfektionsmittel mit Alkohol als Hauptwirkstoff.

Umweltverträglicher als andere Produkte: Ein Desinfektionsmittel mit Alkohol als Hauptwirkstoff.

In der Schweiz wird mehr Desinfektionsmittel verwendet als je zuvor. Manche Wirkstoffe schädigen zum Beispiel Kleinkrebse.

Aus Angst vor dem Coronavirus deckten sich Schweizerinnen und Schweizer in den vergangenen Wochen literweise mit Desinfektionsmittel ein. Es war zeitweise so gesucht, dass nicht mal für Spitäler und Arztpraxen genügend da war.

Der grosse Einsatz der Desinfektionsmittel wirkt sich auf die Umwelt aus. Beim Händewaschen gelangt ein Teil der Gifte danach ins Abwasser. «Einige dieser Substanzen sind sehr giftig für Wasserorganismen,» erklärt Marion Junghans, Umweltexpertin am Schweizerischen Oekotoxzentrum in Dübendorf. Solche Stoffe können auch aus Holzschutzmitteln in die Natur gelangen.

Wie stark die Umwelt vom hohen Desinfektionsmittelverbrauch geschädigt wird, kann die Forscherin nicht einschätzen. Die Konzentration von Desinfektionsmittel-Wirkstoffen wird in der Schweiz nicht standardmässig erfasst.

, sagt Rainer Bombardi, Leiter der Fachstelle Kläranlagen beim Interkantonalen Labor in Schaffhausen.

Wenn die Desinfektionsmittel-Konzentration im Abwasser ins Extreme stiege, dann würde das in den Kläranlagen auch ohne Chemikalientests erkannt. Denn die Mikroorganismen würden absterben und die Beschaffenheit des Belebtschlamms würde sich ändern. Dadurch würde die biologische Reinigungsleistung der Kläranlagen deutlich abnehmen.

Doch nicht alle Desinfektionsmittel sind gleich gefährlich. Alkoholbasierte Produkte (siehe Box) gelten als umweltverträglich, weil sie in Kläranlagen leicht abgebaut werden können. Anders verhält es sich mit Desinfektionsmitteln, die quartäre Ammoniumverbindungen (Quavs) oder Biphenyl-2-ol enthalten. Diese Stoffe sind giftiger. Davon bedroht sind zum Beispiel Kleinkrebse, die in kleinen Mittellandflüssen leben. Das schöne Wetter verschärft die Lage, denn jetzt ist der Wasserstand tief und die Konzentration mit nicht-abbaubaren Chemikalien grösser als sonst.

Zu Hause wären Desinfektionsmittel nicht nötig

Dabei wäre der massenhafte Gebrauch von Desinfektionsmitteln gar nicht nötig. Laut dem Bundesamt für Gesundheit sind Desinfektionsmittel «im Wohnbereich unnötig. Für die Hygiene genügen Reinigungsmittel auf Seifen- oder Tensidbasis.» Auch die WHO bezeichnet den Griff zur Seife im alltäglichen Kampf gegen das Coronavirus als ebenso sicher wie Desinfektionsmittel.

Im Abwasser werden Desinfektionsmittel auch für Menschen zum Problem: Dort sorgen sie nämlich für die Bildung von Antibiotikaresistenzen.

Im Abwasser werden Desinfektionsmittel auch für Menschen zum Problem: Dort sorgen sie nämlich für die Bildung von Antibiotikaresistenzen.

Dies auch, weil manche Desinfektionsmittel eher für den Einsatz gegen Bakterien und Pilze vorgesehen sind. Die WHO rät deshalb, wenn, dann nur Desinfektionsmittel zu verwenden, die als «mindestens begrenzt viruzid (virentötend)» klassifiziert werden. In diese Kategorie fallen hauptsächlich Präparate auf Alkoholbasis – also zum Glück just die umweltverträglicheren.

Wer ein Desinfektionsmittel aus der umweltschädlichen Kategorie zu Hause hat, sollte sich die Hände nach dem Desinfizieren nicht sofort waschen. Das schädigt nicht nur die Haut, Giftstoffe landen dann auch in hoher Konzentration im Abwasser, noch bevor sie auf der Haut teilweise abgebaut werden.

Noch eine Gefahr geht von Desinfektionsmittel im Abwasser aus: In niedriger Konzentration, gelöst im Abwasser können widerstandsfähige Bakterien den Kontakt mit ihnen überleben. Sie bilden dann Pumpen auf ihrer Oberfläche, mit denen sie Zellgifte wie Antibiotika schneller ausscheiden – und so resistent gegen Antibiotika werden können.

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