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«Der Junge, der zu viel fühlte»: Was ein Hirnforscher von seinem autistischen Sohn lernt

Der Hirnforscher Henry Markram bekommt einen autistischen Sohn und merkt: Wir können einiges von ihm lernen. Ein deutscher Journalist hat Markrams Geschichte in Buchform verpackt.

Max Dohner
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Der Hirnforscher Henry Markram mit seinem autistischen Sohn Kai im Jahr 2007 in Südafrika.

Der Hirnforscher Henry Markram mit seinem autistischen Sohn Kai im Jahr 2007 in Südafrika.

Privat

Leben ganz nach eigener Fasson – tönt so verlockend ... würde man dabei nicht im Nullkommanix verrückt. Ein Leben ohne Werktag, Stunde und Uhr, ohne tägliche Entwürdigung ... erscheint halb schon wie die Freiheit ganz. Autisten leben nach ureigener Fasson. Sind sie wenigstens glücklich in ihrem Kokon, mit ihrer abgeschotteten Welt?

Was sicher ist: Begegnen Leute einem Autisten, vergessen sie das nicht so schnell. Vor allem nicht den Blick des Autisten: «Er hatte diese weiten Augen», sagt der Vater eines Autisten, «diesen saugenden Schimmer.» Die Leute früher nannten es «Wolfsblick». Daran erkennen Mütter als Erstes, dass bei ihrem Kind etwas anders ist. Alle beruhigen: Das renkt sich ein, der Bub spielt bloss anders als der Rest. Doch die Mutter beharrt: Vor Babyaugen verschwimmt alles; Autisten schauen gezielt.

Trotzdem: Für Zeit kein Gefühl zu haben, ist das nicht herrlich? Lebenslang losgelöst vom ehernen Ticktack? Es stimmt: Autisten richten sich nicht nach der Uhr, weil sie die Abstraktion davon, Ziffern und Zeiger, nicht lesen können, nicht verstehen. Für Zeit haben sie natürlich gleichwohl ein Gefühl, das eigene, dem alles untergeordnet ist: Lang ist eine Minute da, wo sie einem lang vorkommt, kurz bei Aufregung oder Anspannung.

Und jetzt betrachte man mal – wenn nicht mit Empathie, so doch mit einem Minimum an Vorstellungskraft für andersartige Menschen – einen Autisten, wie er auf den Bus wartet, wenn es dicke Flocken schneit. Der Autist wartet wie jeden Tag pünktlich auf den Bus; Gewohnheiten sind lebenswichtig, auch gleichbleibende Rituale. Videokassetten etwa ordnet er immer gleich ins Regal; ist mal eine vertauscht, reisst das nicht selten einen San-Andreas-Graben in seine innere Welt und löst entsprechende Erschütterungen aus.

Wegen des Schnees fällt diesmal der Bus aus, auch der nächste und übernächste. Solche Zusammenhänge erkennt der Autist nicht. Allein an der Haltestelle, wird er einfach eingeschneit.

«Wäre Henry Markram nur ein Forscher, wenn auch ein grosser, er wäre gescheitert. Erst Kai liess ihn verstehen.»

Lorenz Wagner Journalist

«Wie lang hast du gewartet?», fragen wir, als wir ihn endlich finden und auflesen. Da kommt wieder sein Blick, womit er im anderen Gesicht lesen will, was er sagen soll: «Warum willst du das wissen? Niemand hat doch stören wollen dafür?»

«Stören» ... alles stört einen Autisten. Wie viel – davon kann man sich kaum eine Vorstellung machen. Man muss sich ausmalen, wie viel nur schon ein Tag einem zusetzen kann, wenn er ohne Filter ist. Wenn alles auf einen hereinprasselt – als Chaos: ein einfahrender Zug mit Paralleldurchsage am Perron, schreiende Plakate, babylonisches Handy-Quasseln, der Wind, die spritzenden Pneus, der Duft aus einer Bäckerei ... Man lernt dann etwas über den Autisten, wenn man versucht, die Welt nicht zu filtern, was man normalerweise zu über 90 Prozent tut. Wenn man alles einzeln wahrnimmt, aber sofort ineinandermengt. Man fängt sozusagen wieder bei Tabula rasa an.

Das ist eines Tages einem berühmten Mann passiert, berühmt für seine Hirnforschung: Dem heute 56-jährigen Henry Markram, in Südafrika geboren, mit Forschungsaufenthalten in Heidelberg, an der ETH Lausanne, Israel und in den USA, ausgestattet mit einer EU-Förderung von einer Milliarde Euro für ein europäisches «Leuchtturmprojekt» – das Human Brain Project: Markram will die Mechanismen des Gehirns mit neuronalen Netzen auf Supercomputern simulieren. Der Plan ist umstritten, Markrams Vorgehensweise wurde als «überheblich» gerügt. Damals war Kai schon geboren, mit dem «etwas nicht stimmt», vermutlich im Kopf. Markram verstört das tief. Als Vater kann er nicht helfen, und als Wissenschafter findet er keine Antwort, was im Sohn vorgeht. Langsam lernt er, dank dem Sohn, dass man von der Welt nicht nur zu wenig wahrnehmen kann, sondern auch zu viel.

«Wäre Henry Markram nur ein Forscher, wenn auch ein grosser, er wäre gescheitert. Erst Kai liess ihn verstehen.» Dieser Satz steht in einem Buch, das in brillanter Weise die Geschichte erzählt von Kai, dem «Jungen, der zu viel fühlte». Verfasst hat das Buch der namhafte deutsche Journalist Lorenz Wagner. Seine Reportagen über Kai gehörten zu den meistgelesenen Artikeln im Magazin der «Süddeutschen Zeitung». Er aber begleitete die Familie Markram weiter, und aus dem Ganzen entstand nun dieses Buch.

Der «Kleine Prinz» von Saint-Exupéry sagt, millionenfach zitiert, man sehe weniger mit den Augen als mit dem Herzen. Für Markram ist es das Gehirn, das die Sicht auf die Welt bestimmt. Nutzen wir den Kopf universal und klug, nicht bloss für beschränkte Zwecke auf dem Ego-Trip, nutzen wir die Welt. Mit den Leitungen in unserem Kopf liesse sich der Mond umwickeln, gut für 100 Billionen Verbindungen. «Gäbe es einen Computer», schreibt der Buchautor, «der die gleiche Arbeit verrichten könnte, er frässe so viel Strom, es würde Milliarden kosten.»

«Autisten spüren nicht zu wenig, sie spüren zu viel.»

Henry Markram Hirnforscher

Das wunderbare System aber ist anfällig. Es gibt 600 Arten, es zu stören, darunter Autismus. Dem widmet sich Henry Markram ab Geburt seines Sohnes Kai jetzt vorrangig. Er sieht: Man kann ins System eingreifen. Wie der Mensch denkt und fühlt, hängt weniger von der Zahl der Neuronen ab, sondern davon, wie sie miteinander «reden». Die Wirklichkeit ist nicht einfach da, sie wird geschaffen. Unser Zusammenleben, heisst es im Buch, «ist ein einziges ‹Ich sehe, was du nicht siehst›. Und ‹ich fühle was, das du nicht fühlst›».

In Gegenwart eines Autisten ist das eine alltägliche, wenn auch dadurch nicht leichtere Lektion: zwei Wesen «von gleichem Fleisch und Blut», aber zwei galaktisch ferne Welten, zwei Arten von Weltzugang. Nahezu ohne Verbindung vom einen zum anderen.

Wer ohne Furcht diese Relativität von Wirklichkeit und Wahrnehmung tagtäglich erlebt, der wird schnell vermuten und bald auch wissen, dass Autisten kein Defizit aufweisen im Kopf, sondern ein Zuviel. Sie sind nicht «geistig behindert», sie sind bloss hilflos. Allein schon durch die schiere Menge an Dingen, die auf sie hereinprasseln. Deswegen ziehen sie sich von früh auf zurück – zum eigenen Schutz.

Den Durchblick in der ebenso diffusen wie konfusen Welt von heute hat niemand mehr. Darum ist eine Vielzahl quasi-religiöser Behauptungen, garniert mit manischem Geschwätz, auch dermassen inflationär. Richtet man aber den Blick auf die zunehmende Zahl der Autisten und stellt die Postmoderne dagegen, dann drängt einem das Hirn eine Vermutung auf: passt. Irgendwie. So wie das Universum rasend schnell auseinandertreibt, so geschieht das auch mit der inneren Welt.

Henry Markram, der Hirnforscher, empfiehlt zur Verbesserung der Lage (bei Autisten): Filtern dessen, was über den Kopf hereinbricht. Nicht zu viele Ansprüche und Anregungen aufs Mal. Stattdessen kluge Auswahl: nur Kost, die dem Geist zuträglich ist. Für eine stete Bildung des Denkens und Fühlens weit über die Erwachsenenschwelle hinaus. Er habe, sagt Markram, «verstanden», dank Kai, seinem autistischen Sohn.

Etwas dergleichen wäre vielleicht allen zu empfehlen.

Lorenz Wagner: «Der Junge, der zu viel fühlte», Europa-Verlag, 214 Seiten, Fr. 28.90.

Was man bisher über Autismus weiss – und vor allem nicht weiss

Einen Satz im Buch über den Autisten Kai («Der Junge, der zu viel fühlte») unterstreicht jeder dreimal, der einen Autisten kennt; alle anderen pauschalisieren. Es ist ein Satz, der eigentlich immer beherzigt werden sollte: «Man muss jeden Fall als Einzelfall betrachten.» Bei Autisten aber gilt das ganz bestimmt: «Wer einen Autisten kennt, kennt genau einen und nicht alle. Jeder Autist ist anders.»

Fachleute sprechen von einem «Spektrum». Manche Autisten bedürfen der Pflege, andere sind Inselbegabungen. Es gibt Autisten, die nach einem einzigen Helikopterrundflug eine Stadt wie Rom zeichnen, Haus für Haus. Und solche, die sich die Schuhe nicht selber binden können. Einige wirken wie in sich selbst verbarrikadiert, woraus ab und zu Aggressionsgeysire fauchen unerklärbaren Ursprungs. Andere scheinen fast ätherisch sanft. Asperger gilt als milde Form von Autismus. Asperger-Autisten finden sich gewöhnlich zurecht in der Welt.
Die Weltgesundheitsorganisation WHO klassifiziert Autismus als Krankheit, als Entwicklungsstörung. Ihre Ursache ist nach wie vor unbekannt. Jüngere Theorien gehen dahin, Umweltfaktoren als Auslöser während der Schwangerschaft anzunehmen (Alkohol? Quecksilber? Medikamente?), bei gewissen Anlagen schon im Erbgut.

Da aber Zwillinge geboren werden – der eine Autist, der andere nicht –, muss es weitere Faktoren geben, auch nach der Geburt. Autisten seien keine sozialen Wesen, sagen ältere Fachbücher. Diese These, stets fragwürdig, gilt heute als überholt. Wer blickt so tief in andere hinein? Welcher Raster gilt für «soziales Verhalten»? Die allgemeine, geölte, geschäftige Freundlichkeit? Was sich Autisten nie zunutze machen und auch nicht verstehen, ist Heuchelei. Nicht einmal ansatzweise. Ähnlich hilflos lassen sie schillernde Bedeutungen in Worten zurück, Anspielung und Ironie. Autisten halten sich womöglich – darauf geschaltet, nicht bewusst – ans Matthäus-Evangelium: «Eure Rede aber sei: Ja! Ja! Nein! Nein! Was darüber ist, das ist vom Übel.»

Im Dritten Reich wurden Autisten sterilisiert oder umgebracht. Nach dem Krieg sperrte die Gesellschaft sie weg. Müttern gab man die Schuld an ihrem Wesen – «Kühlschrankmutter» war ein ärztlicher Fachbegriff. Die Katastrophe im Leben manches Autisten aber ereignet sich dann, wenn die Mutter stirbt. Früher fanden Ärzte unter 5000 Menschen einen Autisten. Heute finden sie einen unter 68 (gemäss einer amerikanischen Studie). Die Forschung spricht von einer «Epidemie». (MAD)

Roboter Nao begleitet autistische Kinder im Schulunterricht: