Domestizierung
Der Fuchs dringt immer mehr in Wohngebiete vor: Wird er unser neuer Hausbewohner?

Stadtfüchse sind keine Seltenheit mehr: Alleine in Zürich leben 600. Ob sie hierbleiben, entscheiden nicht wir Menschen, sondern die Wildtiere selbst. So war es einst auch beim Wolf.

Rolf App
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Lassen wir den Fuchs in Grossstädten leben, werden wir eines Tages einen zutraulichen Kleinfuchs haben.

Lassen wir den Fuchs in Grossstädten leben, werden wir eines Tages einen zutraulichen Kleinfuchs haben.

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Beim Nachhauseweg spätnachts sitzt er plötzlich auf dem Trottoir, keine fünf Meter entfernt. Ein junger Fuchs, neugierig und zutraulich mitten in der Stadt. Es wird nicht bei dieser einen Begegnung bleiben, der kleine Fuchs bleibt im Quartier, bald kennen ihn alle, bald weiss er, wie er in welche Keller kommt und wo es was zu futtern gibt. Nur die Katzen haben keine Freude an ihm, diesem Hausfuchs.

Der Fuchs könnte das nächste Tier sein, das in Menschennähe domestiziert wird. Der Evolutionsbiologe Josef H. Reichholf hält das für durchaus möglich. Denn der Fuchs dränge seit Jahrzehnten in unsere Städte, lebt von Abfällen und von dem, was ihm die Menschen geben. «Lassen wir den Fuchs noch länger in den Grossstädten leben, werden wir eines Tages einen zutraulichen Kleinfuchs haben, dessen Exkremente dank Umstellung auf mehr pflanzliche Nahrung auch nicht mehr so stinken, sodass der Hausfuchs wohnungskompatibel wird», sagt Reichholf.

Wie der Wolf zum Mensch kam und Hund wurde

Beim Stadtfuchs – wie schon beim viel früheren Zuzug der Maus zum Haus und ihrer wichtigsten Jägerin, der Katze – wird gemäss Reichholf «deutlich, dass wir es mit einem breiten Spektrum von Tieren zu tun haben, die in unsere Welt hineindrängen». Und zwar seit langer Zeit. Wie Reichholf es in seinem gerade erschienenen neuesten Buch am Beispiel unseres wichtigsten tierischen Gefährten tut: des Hundes.

Lange hat die Forschung hier die Meinung vertreten, der Mensch habe den Wolf gezähmt und dessen Nachkommen über viele Generationen zum Hund gezüchtet. «Diese Vorstellung schmeichelt unserer Eitelkeit, denn dabei sind wir Menschen die aktive Seite», sagt Reichholf im Gespräch. «In Wirklichkeit war es wohl anders.» Die Domestizierung des Wolfs wurde vielmehr eingeleitet vom Auftauchen des Homo sapiens aus Afrika vor etwa 40000 Jahren. Durch den Homo sapiens und seine besseren Jagdwaffen wurde ein weltweites Artensterben ausgelöst – und eine Annäherung mancher Wölfe an die Menschen. Denn ein verknapptes Nahrungsangebot liess das Rudeltier Wolf zum Aasverwerter werden, wovon es in der Nähe des Menschen am meisten gab. Bis heute findet man in vielen Ländern wildlebende Hunderudel im Umkreis der Abfalldeponien.

Dieser vom Menschen weder beabsichtigte noch gesteuerte Prozess zog sich gemäss Reichholf über Zehntausende von Jahren hin. Während die Wölfe gebliebenen Tiere in abgelegenen Gegenden gemeinschaftlich grosse Beutetiere jagten und wohl auch an Körpergrösse zulegten, wurden die Hundwölfe kleiner, weniger hierarchisch in ihrem Familienverhalten und auch weniger aggressiv. Die menschlichen Jäger der Eiszeit wurden für sie zu einer ökologischen Nische. «Und ihre Anzahl und Bindung an die Menschen steigerten sich mit den abnehmenden Wildbeständen», sagt Reichholf.

Städte als Zufluchtsorte: 600 Füchse leben in Zürich

Nicht der Mensch hat den Wolf zu sich geholt, sondern der Wolf wurde zum Hund, um in der Nähe des Menschen besser leben zu können. Betrachtet man jene weit zurückliegende Zeit und die unsrige, dann fallen überraschende Parallelen ins Auge. Beinahe täglich erreichen uns Nachrichten über einen massiven Artenschwund, der nur noch wenige Gebiete des Globus verschont. Eine wachsende Erdbevölkerung will versorgt sein, mit der modernen Landwirtschaft schwinden die Lebensräume vieler Tiere auch in unseren Breiten. Und die Klimaerwärmung gefährdet viele Arten zusätzlich.

Als Zufluchtsorte dienen manchen dieser Arten nun ausgerechnet die Städte, die immer mehr zu beliebten Wohnorten für Wildtiere und auch viele Vogelarten geworden sind. In Zürich zum Beispiel leben 600 Füchse, im ganzen Kanton nur gerade 5500. Ebenfalls zu Stadtbewohnern geworden sind eine Rotte Wildschweine, vereinzelte Luchse und Hirsche, eine Menge Fledermäuse, Feldhasen, Alpensegler, Mauersegler und so weiter. Für die Stadt an der Limmat und die meisten anderen Städte gilt, was Reichholf schon 2007 in seinem Buch «Stadtnatur» festgestellt hat: «Auf die Tier- und Pflanzenwelt bezogen sind die Städte offenbar keineswegs unwirtlich, sondern einladend.»

Was die Städte so attraktiv macht, hat mehrere Gründe: Hier finden sie bequem Futter, wenn nicht in der Nähe des Menschen, dann auf zahlreichen naturbelassenen und mit wenig Pestizid belasteten Grünflächen. In den Städten gibt es jene Überdüngung nicht, die unsere Felder für viele Arten zu einem ausgesprochen schwierigen Lebensraum haben werden lassen. Und: In der Stadt werden sie normalerweise auch nicht gejagt.

Wildschweine stehen an der Verkehrsampel an

Auf menschliche Begegnungen gefasst müssen die Tiere aber schon sein, gerade jetzt, in der Coronazeit. In Berlin musste ein Biber aus einer menschenleeren Einkaufsstrasse zum nächstgelegenen Hafenbecken eskortiert werden. Ebenfalls in Berlin haben sich auch schon Wildschweine, Füchse oder Marder an Ampelkreuzungen angestellt. Sie können zwar Grünphasen nicht von Rotphasen unterscheiden, haben aber gelernt, dass die Autos regelmässig anhalten.

Viel gefährlicher als Verkehrsbehinderungen ist jedoch die grundsätzliche Annäherung von Mensch und Wildtier. Damit wächst auch die Gefahr von Pandemien, wie wir sie gerade erleben. Über die Flöhe von Nagetieren ist schon die Beulenpest zum Menschen gekommen. Im Jahr 2000 waren 1709 Erreger bekannt, die Infektionskrankheiten beim Menschen hervorrufen.

48 Prozent waren sogenannte Zoonosen, das heisst Krankheiten, die von Tieren auf den Menschen übertragen werden können. «Vor allem unter den neu auftretenden Infektionskrankheiten sind auffällig viele Zoonosen», stellt die Epidemiologin Gertraud Schüpbach in der NZZ fest. Und nennt als «wahrscheinlichsten Grund» für diese bedenkliche Entwicklung, dass «die menschliche Population immer grösser wird und die Menschen auch in entlegene Gebiete vordringen». So könnten Erreger auf einen neuen Wirt überspringen, an den sie nicht angepasst seien – und für den sie nicht selten tödlich sind.

Josef H. Reichholf: Der Hund und sein Mensch. Wie der Wolf sich und uns domestizierte, Hanser 2020.