Reben auf 3111 Meter über Meer? Die auch noch reife Trauben tragen? Und einen Wein ergeben, der nicht nur trinkbar ist, sondern auch ein Genuss? Doch, das gibt es. Im nördlichen Argentinien. In der Provinz Salta. Im Calchaquies-Tal, das mehr eine Hochebene ist. In dieses Andental – karg, trocken, spärlich besiedelt, spektakulär – hat sich Donald Hess verliebt.

Hess, aus einer Berner Brauerei-Familie stammend, vermögend und 2002 mit dem Verkauf von Valser-Wasser an Coca-Cola noch vermögender geworden, kaufte sich im Lauf der Jahre eine Fläche so gross wie der Kanton Genf zusammen. Der allergrösste Teil wird gar nicht oder von Grossfarmern und der indigenen Bevölkerung klassisch landwirtschaftlich genutzt.

«Nur» auf 262 Hektaren wird Wein angebaut: von der tiefsten Lage, dem auf 1700 Meter über Meer liegenden Gut Amalaya im Städtchen Cafayate, über Colomé auf 2300 Metern über Meer bis eben zu Altura Maxima, dem fast höchsten Weinberg der Welt.

Das schönste Licht der Welt

Dazwischen liegen stundenlange Autofahrten auf staubigen, unebenen Pisten und durch die Furten der Bäche und Flüsse, die der Ortsunkundige kaum erkennen kann. Allein von Salta, der Provinzhauptstadt, zwei Flugstunden von Buenos Aires entfernt, bis nach Cafayate dauert es rund drei Stunden. Und keine Minute davon möchte man missen.

Schluchten, Felsformationen in verschiedenen Farben und Himmel, sehr viel Himmel. Mit jedem Höhenmeter kommt man ihm näher. Mit jedem Höhenmeter wird das Licht eindringlicher, intensiver. Es ist fast wie auf einem LSD-Trip. Das Wolkenspiel, Licht und Schatten, die karge Vegetation, durchzogen von Oasen und Blumen. Die Riesenkakteen, die das Landschaftsbild prägen. Die Wärme, die Ende Februar die Lebensgeister der wintersteifen Europäer weckt.

Wer immer im Oberengadin das schönste Licht der Welt entdeckt haben will, war noch nie in diesem Hochtal, unweit der Grenzen zu Bolivien, Chile und Peru. Es ist eine Gegend, in die man sich setzen möchte, um einfach zu sein. Zu schauen, zu spüren, zu leben.

Kein Fremdlicht stört nachts die Dunkelheit, in der man sich geborgen fühlt. Kein Positionslicht eines Flugzeugs durchkreuzt die Bahnen der Sterne, die man meint, anfassen zu können. Und wenn ganz drüben auf der anderen Talseite doch mal Autoscheinwerfer zu sehen sind, dann weiss man, ah, da kommt er ja, der Winzer, der die Degustationsrunde komplettiert. In einer Stunde wird er da sein.

In der Einsamkeit ein Museum

Wir sind in Colomé, dem Herzstück des Hess’schen Imperiums, das Schwiegersohn Christoph J. Ehrbar verwaltet. Bereits 1831 wurde hier Wein produziert. Unglaublich: Einige der damals gesetzten Rebstöcke werden noch immer genutzt. 72 Hektaren beträgt hier die Rebfläche. Mehr geht nicht, das Wasser ist knapp. 38 000 Hektaren gross ist der Umschwung.

500 Indigene leben auf dem Land. Die meisten in einem Dorf mit Kirche, Schule und Gemeindezentrum. Viele Familien finden ihr Auskommen in den Weinbergen. Herzstück dieser Landschaft ist neben der hochmodernen Kellerei die Estancia de Colomé mit neun Hotelzimmern.

Wurde sie zu Anfang auf 5-Sterne-Niveau betrieben, hat sich Ehrbar in der Zwischenzeit eines passenderen Konzepts bedient. Die Annehmlichkeiten und der Komfort sind nach wie vor sehr hoch, doch einen 24-StundenZimmerservice gibt es nicht mehr und auch keinen Kaviar und sonstige Extravaganzen. Dafür eine einfache, lokale und schmackhafte Küche. Fleischlastig, wie in Argentinien üblich . Dazu eine grosse Auswahl Weine aus eigener Produktion.

Doch nicht diese Anlage weit ab vom Schuss macht die Colomé so einzigartig. Die Natur ist es, klar. Aber auch das Museum, das eigentlich nur ein komplett Wahnsinniger hierhin gesetzt haben kann. Und doch könnte der Ort nicht besser gewählt sein für die Werke des amerikanischen Lichtkünstlers James Turrell. Auf fast 1700 Quadratmetern, in von Turrell selbst gestalteten Räumen, sind 19 Werke zu bewundern, vielmehr zu erfühlen.

Sie sind in den letzten fünf Jahrzehnten entstanden und von Donald Hess, der eben auch Kunstsammler und Künstlerförderer ist, gekauft worden. Es sind Räume, in denen Licht figürlich wird, dreidimensional, geometrisch, in denen die Grenzen des Raums verschwinden, so nachhaltig, dass das Gleichgewichtsorgan gefordert ist.

Oder es ist ein Raum mit einer quadratischen Aussparung im Dach. In dem man sich zur Dämmerungszeit auf den Boden legt, den Ausschnitt Himmel betrachtet, während eine Lichtkomposition, man könnte auch Lightshow sagen, eine 15-minütige fast ausserkörperliche Erfahrung provoziert.

Skyspace nennt Turrell diese Installation, von denen es auf der Welt mehrere, aber keine ähnlich grosse wie in Colomé gibt. Übrigens soll der geplante Erweiterungsbau des Beyeler-Museums in Riehen auch einen solchen Raum erhalten.

Gekommen, um zu bleiben

Zurück im Offroader, geht die Fahrt weiter, über El Arenal, wo auf 2600 Meter über Meer noch einmal 35 Hektaren Reben gedeihen, hoch nach Altura Maxima zu den fast höchsten Reben der Welt; sie sehen etwas mitgenommen aus. Zu ernten gabs diese Saison wenig vom Pinot noir. Ein Hagelsturm.

Etwas weiter unten, wo die Anlagen mehr Schutz bieten, sind kaum Schäden zu sehen. 26 Hektaren umfasst die Rebfläche. Ohnehin ist es die Aussicht, welche die Blicke in ihren Bann zieht. Donald Hess hat sich hier ein Haus gebaut. Drei Schlafzimmer, eine bestens ausgerüstete Küche, ein Infinity-Pool, der wegen eines Konstruktionsfehlers aber nicht ganz unendlich ist, und ein Asado-Grill.

Es ist der Ort, an dem man bleiben möchte. Ein Glas Wein in der Hand. Himmel, Licht, Weite und die Schneeberge am Horizont betrachtend. Näher kann man dem Paradies im Diesseits nicht kommen.