Schnüffelsinn
Dass Hunde besser riechen können ist ein Mythos aus dem 19. Jahrhundert

Neurowissenschafter John McGann hat sich dran gemacht, ein Vorurteil zu widerlegen. Er kommt zum Schluss: Wir Menschen sind auch «geruchgesteuert».

christoph bopp
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Wer riecht besser, Mensch oder Hund? Unser Riechzentrum ist – im Vergleich zum Hund – relativ klein.

Wer riecht besser, Mensch oder Hund? Unser Riechzentrum ist – im Vergleich zum Hund – relativ klein.

Pressebild

Der Hund ist der treueste Freund des Menschen. Vielleicht ist das genetisch bedingt, wer weiss. Bei wildlebenden Verwandten unserer Haustiere liess sich beobachten, dass sie bereits nach wenigen Generationen in menschlicher Obhut ähnlich trainiert und domestiziert werden können wie Fifi und Lumpi. Hunde sind offenbar höchst empfänglich für Gehorsam. Nichts gegen Hunde. Hunde sind intelligent und alles andere auch. Aber sie sind ausgesprochene Nasentiere. Die Heldentaten, die ihr olfaktorisches System vollbringt, sind Legion. Vom Sprengstoff bis zum Rauschgift – sie schnüffeln sicher besser als wir. Das gestehen wir ihnen auch gerne zu. Wir schnüffeln ja auch, aber es scheint sich irgendwie nicht zu ziemen. Für Menschen.

Der französische Anatom Paul Broca (1824-1880) erwarb sich grosse Verdienste auf allen möglichen Feldern. Vor allem aber in der Erforschung des Gehirns. Nach ihm benannt ist immer noch das Areal im menschlichen Gehirn, wo man vor allem das Sprechen situiert: das Broca-Zentrum.

Nasentiere und denkende Wesen

Er beschäftigte sich auch mit dem olfaktorischen Cortex, dem Rhinencephalon. Dort, wo im Gehirn der Input des Geruchssinns verarbeitet wird. Dabei machte er eine Entdeckung, die ihn schliesslich auf höchst fragwürdige Abwege führen sollte. Er stellte fest, dass das menschliche Riechzentrum vergleichsweise klein war zu dem anderer Tiere. Und unterschied demzufolge zwischen osmatischen und anosmatischen Tieren. Für osmatische Tiere ist der Geruchssinn der wichtigste Sinn, der ihr Verhalten am meisten beeinflusst. Und bei den anderen ist das eben nicht so. Hunde klassifizierte er natürlich als osmatische Tiere (neben Mäusen und Ratten, die man auch zu den «Riechstars» zählte), die Menschen-Herrchen gehören selbstverständlich zu den anosmatischen.

Denn wir sind schliesslich eine denkende Spezies. Wir stecken unsere Nase nicht überall rein. Und dass das kein Vorurteil ist, zeigt die Anatomie unseres Gehirns: Einen so schönen und grossen frontalen Cortex, wo Vernunft, Verstand, Rationalität und alles, was uns von den Tieren trennt, hockt, hat sonst niemand! Hier ist Broca allerdings einem Vorurteil aufgesessen. Seine Gleichung «grösser = leistungsfähiger» für bestimmte Teile des Gehirns taugt bestenfalls als Faustregel.

Grösse macht es eben nicht. Broca erlangte auch traurige Berühmtheit, weil er Schädel vermass und aufgrund ihres Inhalts auf Intelligenz schloss und so «bewies», dass Afrikaner weniger intelligent sind als Europäer. (Er kam zum gewünschten Ergebnis, indem er die Schädel mit Bleikügelchen füllte und dann in Liter-Hohlmassen die Kügelchenmenge verglich. Der Verdacht, dass bei Europäerschädeln tüchtig geschüttelt und gestopft wurde, während der aussereuropäische Rest eher «locker» gefüllt wurde, konnte nie widerlegt werden.)

Sigmund Freud folgte ihm in Sachen Riechen. In der analen und oralen Phase der Kindheit spiele der Geruchssinn (neben Tast- und Geschmackssinn) eine grosse Rolle. Gewissermassen eine «Erinnerung» an frühere Stadien der Tierheit. Dass Menschen eben keine Nasentiere sind, ist eine jener Wahrheiten, die nur schwer zu erschüttern sind. Überhaupt: der Mensch hat einen freien Willen, das verträgt sich nicht mit Schnüffelgesteuertheit. Deshalb das kleinere Riechzentrum im Gehirn. Oder: Der Geruchssinn musste zugunsten des Farbensehens reduziert werden. Mikrosmatisch dafür trichromatisch? Klingt immerhin wissenschaftlicher.

Und wir riechen doch besser

John McGann, Neurowissenschafter an der Rutgers-University in New Brunswick (NJ/USA), hat sich dran gemacht, das Vorurteil zu widerlegen («Science» vom 12. Mai 2017). Die Rotkäppchen-Frage («Warum hast du eine so grosse Nase?») liegt beim Riechen deshalb nicht ganz richtig, weil das menschlichen Geruchssystem anders organisiert ist als bei anderen Tieren. Unsere Riech-Areale im Gehirn können Riech-Input viel differenzierter verarbeiten. Sie sind besser verdrahtet mit anderen Regionen. Wir unterscheiden Gerüche mindestens gleich gut wie Hunde, können aber mehr damit anfangen. Für einige Gerüche haben wir sogar Worte, für die meisten nicht. Rund 1 Milliarde Gerüche könnten wir auseinander halten, sagt McGann.
Natürlich sind Vergleiche schwierig. Wie soll man olfaktorische Fähigkeiten empirisch testen? Dass Hunde beim Urin-Schnüffeln am Hydranten besser sind, wir dagegen beim Wein-Testen? (Ich melde mich gerne, wenn sich jemand eine geeignete Versuchsanordnung ausdenken kann. Allerdings nicht für den Hydranten.)

McGann beschränkt sich auf «die Ausrüstung». Er vergleicht Genome. Hier fällt ihm auf, dass beim Menschen von rund 1000 Genen für Geruchsrezeptoren nur knapp 400 codieren, das heisst: zur Bildung eines Proteins führen. Bei Mäusen ist das Verhältnis 1100 zu 900. Aber die menschlichen «Pseudogene» kommen doch noch zum Zug. Sie steuern und regulieren das olfaktorische System differenzierter und lassen es dann mit Erinnerungen und Emotionen zusammenspielen. Wir sind auch «geruchgesteuert». Hunde «riechen» uns. Aber: Ob sie uns auch «nicht riechen können»?

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