Bildung
Das Schlimmste an der Schule sind nicht die Lehrer, sondern die Eltern

Eltern haben unterschiedliche Auffassungen über die richtige Erziehung und Bildung. Sind Kontrolle und allumfassender Schutz wirklich kindgerecht? Ein Erfahrungsbericht darüber, wie man als Mutter die Schule meistert.

Claudia Landolt
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Viele Eltern können nicht loslassen, wenn die Kinder eingeschult werden – doch sind Kontrolle und allumfassender Schutz wirklich kindgerecht?Key

Viele Eltern können nicht loslassen, wenn die Kinder eingeschult werden – doch sind Kontrolle und allumfassender Schutz wirklich kindgerecht?Key

Freitag. Der letzte Schultag vor den Weihnachtsferien. Zu Ende gehen Wochen, in denen sich Elternabende, Räbeliechtli-Umzug, Lesenacht, Christkindmarkt, Adventsfenster und Musikschulkonzerte nahtlos aneinanderreihten. Man ahnt: Die wahre Herausforderung des Elterndaseins liegt nicht in der Vereinbarkeit von Karriere Schrägstrich Kind, sondern in der Schule. Sie haben noch kein schulpflichtiges Kind? Dann danken Sie bitte jeden Tag Ihrem Goldschatz für seinen unvollkommenen Nachtschlaf oder seine natürliche Abneigung gegenüber wetteradäquater Kleidung!

Solange der Steigerungslauf durchs Schulsystem noch nicht begonnen hat, ist das Leben vergleichsweise leicht. Es erschöpft sich in den Zuständen der totalen Müdigkeit und im Griff zum Taschentuch angesichts der wachsenden Anzahl Geburtstagskerzen. Kaum stolpert der Nachwuchs auf die Schulbühne, geht es los mit den neuen Konfrontationsebenen. Statt des schützenden Nebels einer oder zwei Bezugspersonen gibt es plötzlich deren Dutzend sowie Unmengen an Kindern, den Pausenplatz, Sozialarbeiter und Schulleiter – Universen, von deren Existenz das Kind nicht einmal ahnte.

Elternabend auf Kinderstühlchen

Noch umwälzender ist es für die Eltern. Plötzlich drängt sich in die Liebesbeziehung zwischen Eltern und Kind ein grosser Rivale: die Schule.

Mein ältester Sohn wurde vor sechs Jahren eingeschult. Ich habe mich im Kindergarten zur Elternvertreterin wählen lassen, mit dem üblichen Seufzer: Irgendeine muss es ja machen. Kraft meines Amtes musste ich bei allen Elternabenden dabei sein. Einer ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Ein Vater beklagte sich sehr: Meinem Kind ist der Schulweg nicht zuzumuten. Die Strasse! Der Verkehr! Der Gedanke, dass die zehn Minuten ungeschützten und unbeaufsichtigten Heimweges für ein Kind auch Freiheit bedeuten kann, war in weiter Ferne. Da zweifelte ich das erste Mal: Muss es tatsächlich irgendeine machen?

Auch der nächste Elternabend auf unbequemen Kinderstühlchen entsprach so ganz und gar nicht dem, was wir neuen Mütter und Väter erwarteten. In einer Art Tribunalszene erzählte die Lehrperson, was sie von Disziplin hält (sehr viel), welcher Stoff zu bewältigen sei (Lesen bis Weihnachten dank Peter und Susi) und wer die Kinder auch sonst unterrichtet (Heilpädagogin, Werklehrerin, Musiklehrerin, Computerlehrerin).

Noten für eine Papierfigur

Spätestens da wurde uns allen klar, wie hoffnungslos veraltet das Schulmodell unserer Jugend ist. Als das Wort Promotionsordnung fiel und uns erklärt wurde, dass auch Vorsingen ebenso wie die Art und Weise, wie der Rand der ausgeschnittenen Papierfigur benotet würden, erwog ich die Schnappatmung. Ein Vater schrieb bereits das zweite Blatt seines Notizbuchs voll, Schweissperlen auf der Nase.

Dabei war die Rede auf den Stundenplan, Ersatzstundenplan und Notfallstundenplan noch gar nicht gekommen. Schweigender Unmut begann sich auszubreiten. Ist die Schule womöglich eine feindliche Macht, eine Krake, die ihre Arme nach unseren wohlbehüteten Kindern ausstreckt? Und sind Eltern dazu da, ihre Prinzen und Prinzessinnen vor dieser bösen Macht zu schützen?

Die Macht zurückerobern

Doch in der Schule ist jedes Kind, selbst der folgsamste Prinz und die hübscheste Prinzessin, nur eines unter vielen. Gleiche Rechte und gleiche Pflichten gelten hier. Über Nacht werden aus kleinen Wunschkindern kleine Staatsbürger. Gut möglich, dass die Lehrerin sogar ein anderes Kind dem meinigen vorzieht, und unweigerlich kommt der Tag, an dem das Kind eine Verbesserung zum zweiten Mal abschreiben oder drei Seiten Matheaufgaben bewältigen muss, ob es nun Lust hat oder nicht.

Mit Sicherheit kommt auch der Moment, wo es wegen einer Dummheit nachsitzen muss oder wegen vergessenen Turnzeugs nicht mitturnen darf. Dieser Gedanke, er ist vielen Eltern unangenehm. Sie rasen vor Empörung und tragen ihren verletzten Narzissmus in die Elternsprechstunde, wo sie versuchen, ein Stück Macht zurückzuerobern. Noch schlimmer wird es in der Mittelstufe, wenn es darum geht, den Übertritt in die nächstmögliche Stufe zu ermöglichen und die eigenen Interessen, die meistens Matura lauten, durchzusetzen. Will man da wirklich dabei sein?

Ich habe nie zur Gruppe der Eltern gehört, die sich sofort mit dem gesamten Lehrkörper solidarisieren. Zu jedem erdenklichen Anlass Selbstgebackenes beizusteuern, liegt mir fern. Ich gehöre auch nicht zu jenen, die soziales Lernen als Unfug betrachten und das Kind am liebsten eine Klasse überspringen lassen würden. Und schon gar nicht zu jener Gruppe, die sich täglich alle Missetaten der anderen Kinder berichten lassen.

Die Dinge, die meine Früchtchen heimlich taten und tun, gehen mich mit wenigen Ausnahmen nichts an, denn: Hat nicht auch jedes Kind das Recht auf ein bisschen unstrukturiertes Eigenleben und Geheimnisse? Wollen wir wirklich alles wissen, was sie täglich treiben? Sind Kontrolle und allumfassender Schutz wirklich kindgerecht? Die Rambos und Megären sagen: Ja. Lautstark beklagen sie sich am Elternabend, bei den Nachbarn und in hartnäckigen Fällen sogar persönlich, dass die Tochter mit Deospray besprüht wurde oder der Sohn mit Kirschsteinen beworfen wurde, sogar zweimal!

Schlichten ist nicht nötig

Gewalt auf dem Schulhof bedeutet heute eben schon, dass man sich voll krass konkrete Beschimpfungen an den Hals wünscht oder eine Rauferei vom Zaun bricht. Empörte, atemlose und traurige Gemüter, manchmal auch körperliche Schrammen gilt es dann am Familientisch zu besänftigen. Ja, auch meinem Kind wurde schon die Mütze in den Bach geworfen, eins an den Kopf gehauen und das Lieblingslegoteil mutwillig zerstört.

Unschöne Geduldsproben, gewiss, doch trotzdem bin ich zum Schluss gelangt: Nein, man muss tatsächlich nicht über alles reden. Ein Schulkind zu haben, bedeutet eben nicht, die individuellen erzieherischen Ideale in einer Art Wohngemeinschaftsgrundsatzdebatte bei jeder Gelegenheit mit Verve zu artikulieren. Die Petzerei ihres Kindes zu loben, indem die Eltern ein anderes beschimpfen, obwohl sie nicht einmal dabei waren, dient letztlich nur der eigenen Bezogenheit, nicht aber dem Kind.

Gibt es Streit, wird er ausgetragen. Punkt. Ein Kind siegt oder es erlebt eine Niederlage, ohne dass Erwachsene gleich mit Blaulicht und Sirene herbeieilen müssen. Schule ist Bildung, keine Dienstleistung. Das ist zwar den Lehrpersonen klar, aber leider nicht allen Eltern.

Sollte die elterliche Energie nicht lieber der Überlegung zufallen, wie man sich in der Diskussion um eine verbesserte Qualität bei Bildung und Erziehung einbringen könnte? Sich aus Kinderstreitigkeiten raushalten: ja! Aber nicht, sich aus der Schule raushalten. Eltern sollen sich dafür interessieren, ob Lehrer stündlich meditieren, weil sie mit der heterogenen Klassenzusammensetzung überfordert sind. Oder ob die Schule die Freude am Lernen fördert, oder ob sie sie austreibt.

Diese Energie käme dann vielleicht auch jenen unterbehüteten Kindern zugute, die an den Besuchstagen stets unbesucht bleiben. Oder jenem Kind, das immer zu spät und ohne Frühstück zum Unterricht kommt, weil es morgens niemand weckt.

Überall wird gespart

Insofern forderte der Direktor der Deutschschweizer Konferenz der Erziehungsdirektoren, Christian Amsler, nicht ganz zu Unrecht die vertraglich geregelte Zusammenarbeit zwischen Eltern und Schule. In Zeiten, in denen landauf, landab Reformpakete auf die Schulen zukommen, könnten die Eltern Einfluss nehmen auf die rigorosen Sparmassnahmen zur Sanierung des Staatshaushaltes. Im Aargau ist die Stornierung von Einschulungsklassen, Werkjahr, Begabtenförderung und Berufswahlschule geplant.

Ein Sozialplan für die Kinder ist natürlich nicht vorgesehen. An der Schule meiner Kinder sollen fünfzehn Vollzeitstellen gestrichen werden. Lernschwache Klassenkameraden, die bisher von heilpädagogischen Einzellektionen profitierten, werden wohl nach dem Prinzip Hoffnung die Schulzeit absolvieren. Aus Frust werfen sie dann vielleicht wieder den einen oder anderen Schultisch um. Ausbaden dürfen es dann der Lehrer und die Klasse. Der Empörungsschrei der – in anderen Belangen so diskussionsfreudigen – Eltern wird da aber bestimmt ausbleiben.