Leben
«Dampfbäder für die Vagina» – Gwyneth Paltrow polarisiert mit ihren Gesundheitstipps

Gwyneth Paltrow hat sich von der Schauspielerin zur Gesundheitsprophetin gewandelt. Das ärgert viele Frauen.

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Zum Wahnsinnigwerden schön, erfolgreich und tiefenentspannt: Gwyneth Paltrow.

Zum Wahnsinnigwerden schön, erfolgreich und tiefenentspannt: Gwyneth Paltrow.

Ryan Pfluger/NYT/Laif

Man kann Gwyneth Paltrow nur lieben oder hassen. Zurzeit wird die Schauspielerin gerade wieder gehasst. Selbst sie zu ignorieren, ist schwierig. GP, wie sie sich selbst nennt, ist auf allen Kanälen: Sie lächelt von Covers von Zeitschriften wie «Harper’s Bazaar». Ihr Life­style­unter­neh­men Goop ist 250 Millionen Dollar wert. Ende Monat bekommt sie ihre eigene Netflix-­Doku-Serie «The Goop Lab», und wenn sie sagt, dass eine Bergamotte-­Orangen-Kerze wie ihre Vagina dufte, dann wird das weltweit zu einer Schlagzeile.

Nur im Kino sieht man die 47-jährige Blondine seit langem nicht mehr. Dabei war GP einst eine oscarprämierte Schauspielerin. Doch statt in Rollen zu schlüpfen, ist sie selbst zum Role-Model geworden: Die tiefenentspannte, wunderschöne, erfolgreiche weisse Frau, die in einer Villa in Kalifornien lebt und alles tut, um schön, erfolgreich und tiefenentspannt zu bleiben. Paltrow ist die Stilvorlage für Millionen wohlsituierter Frauen, ihr blondierter Wegweiser auf der Suche nach Mental Health und Natural Beauty. Gwyneth Paltrow ist so perfekt, dass sie daraus ein Geschäftsmodell gemacht hat.

Mit grünen Smoothies zu ewiger Jugend und Schönheit

Was immer sie sich ins Gesicht cremt, in ihren Mixer wirft oder über ihre langen Beine zieht, kaufen die einen sofort nach, und die anderen finden es einen Skandal. Ein Skandal, dass sich ein Hollywoodstar erdreistet, ein Wellness-Imperium aufzubauen, ein Skandal, dass die Frau mit 47 Jahren gut aussieht und behauptet, das liege an den grünen Smoothies, die sie trinke.

Gwyneth Paltrows Wandel von der Schauspielerin zur Lifestyle-Göttin begann mit einem Blog, auf dem sie Rezepte und Restauranttipps für ihre Fans zusammenstellte. Heute ist Goop «a modern lifestyle brand» mit über 80 Angestellten. Die gleichnamige Webseite ist aufgebaut wie ein Frauenmagazin, mit dem Unterschied, dass zu jedem Artikel die passenden Produkte im Webshop parat stehen. Ein Verkaufsschlager ist etwa die Linie Glow für einen «von innen glühenden Teint». Kein Zufall, dass GP schon als Schauspielerin nachgesagt wurde, sie habe den speziellen Glow. Nun kann sich jeder und jede ihr Strahlen ins Gesicht schmieren.

Dazu gibt es Rezeptbücher, Kleiderlinien, Küchengeräte, Vitaminbooster, Reisetipps, Podcasts und Kochvideos, und dreimal jährlich kann man GP für 1000 Dollar persönlich auf einer der Goop-Health-Summit-Wellnesskonferenzen treffen.

Elektroschocks gegen Erektionsstörungen

Das alles ist äusserst geschäftstüchtig und zeitgeistig. Das Problem dabei: Paltrow und ihr Team übertreiben es mit ihren Gesundheitsratschlägen. In der Goop-Welt schert man sich wenig um die Erkenntnisse der Schulmedizin, sondern erforscht unkonventionelle Methoden, die den Alltag des stressgeplagten modernen Menschen etwas erträglicher machen sollen. Das löst immer wieder heftige Reaktionen und viel Kritik aus.

Da werden Elektroschocks gegen Erektionsstörungen empfohlen, Bienenstichtherapien als Heilmittel propagiert und vor Auberginen wegen ihres Lektingehalts gewarnt. Ein Dossier über die multiple Sklerose steht neben einem Artikel darüber, wie Astronomie zu einem besseren Sexleben führen kann. Dabei überschreitet die Goop-Redaktion lässig die Grenze von Wohlfühltipps hin zur Propagierung esoterischer Quatschbehandlungen und zu problematischen Gesundheitsphilosophien. Dampfbäder für die ­Vagina oder Einläufe mit Kaffee sind noch harmlos gegenüber Berichten, die Impfungen als potenziell gefährlich einstufen.

Solche Nachrichten haben dem Unternehmen zahlreiche Beschwerden und sogar eine Klage wegen irreführender Werbung eingebracht. Gwyneth Paltrow zeigte sich reumütig. Gesundheitsartikel werden nun in Kategorien eingeteilt, von «spekulativ, aber viel versprechend» bis «wissenschaftlich unterstützt», und in der Fusszeile wird erwähnt, dass Goop-Artikel keinen ärztlichen Rat ersetzen.

Nützen wird das nicht viel. Auf Goop suchen stressgeplagte und Burn-out-gefährdete Selbstoptimierer keine wissenschaftlichen Studien, sondern schicke Lifestyleprodukte mit esoterischem Plus. Auch in der Netflix-Serie, die am 24. Januar startet, wird es genau darum gehen. Eine Gruppe ­Frauen, angeführt von Gwyneth Paltrow, macht sich auf die Suche nach ihrem besseren Selbst. Und dies mit Methoden, die speziell, aber pub­likums­wirk­sam sind. Etwa Heilbehandlungen mit bewusstseinsverändernden Drogen, Exorzismen, Sitzungen bei Medien mit übersinnlichen Fähigkeiten oder Orgasmuskurse.

Kaum war der Trailer dazu erschienen, hagelte es Kritik. Netflix lasse sich als Sprachrohr für Paltrows esoterische Mission missbrauchen. Nun, GP mag viel Einfluss haben, Schuld am esoterischen Trend, der von Kalifornien aus die Welt überrollt, ist sie nicht. Noch hat sie sich je als Medium oder Heilsbringerin bezeichnet. Sie steht einfach nur perfekt für alles, was heute ein gutes Leben ausmachen soll. Es ist einfacher sie zu hassen als sich selbst, weil man wieder zu faul fürs Yoga war.

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