Covid-19
Die Wunderpille lässt noch auf sich warten

Die Forschung arbeitet an Medikamenten, welche eine schwere Covid-Erkrankung verhindern können. Therapien mit künstlich hergestellten Antikörpern scheinen recht gut zu funktionieren. Allerdings müssen die intravenös verabreicht werden. Und in einem so frühen Ansteckungsstadium, dass oft nicht klar ist, ob sich wirklich ein schwerer Verlauf entwickelt.

Christoph Bopp
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So funktioniert Regen-Cov von der US-Firma Regeneron Pharmaceuticals. Die Antikörper Imdevimab (orange) und Casimirivab (blau) binden ans Spike-Protein von Sars-CoV-2. Sie verhindern so, dass das Virus an Körperzellen andocken kann.

So funktioniert Regen-Cov von der US-Firma Regeneron Pharmaceuticals. Die Antikörper Imdevimab (orange) und Casimirivab (blau) binden ans Spike-Protein von Sars-CoV-2. Sie verhindern so, dass das Virus an Körperzellen andocken kann.

Wikipedia

Der Impfdrang erlahmt, die Durchimpfungsrate müsste höher sein, um die Pandemie zu bremsen. Dazu kommen Befürchtungen, neue Virusmutationen könnten den Impfschutz unterlaufen. Oder – wie es gegenwärtig den Anschein macht – dass die B.1.617.2-Variante (Delta) auch Geimpfte infizieren kann. Geimpfte Personen entwickeln eine vergleichbare Virenlast wie ungeimpfte, können also das Virus weiter verbreiten, wenn auch die Virenlast schneller wieder absinkt als bei ungeimpften. Deshalb wäre es gut, wenn man endlich auch Therapien und Medikamente hätte, welche schwere Krankheitsverläufe verhindern können, wenn man die Krankheit bereits hat.

Die Forschung ist nicht untätig. Mehr als 600 Wirkstoffe sind in Erprobung, die Zahl der klinischen Studien (in den USA auf clinicaltrials.gov verfolgbar) steigen. Von diesen 600 seien über 200 Präparate antiviral wirkende Medikamente. Generell kann man unterscheiden in (1) antivirale Medikamente (welche das Eindringen und das Vermehren des Virus im Körper verhindern oder hemmen sollen); (2) Präparate, welche das Immunsystem dämpfen (für die spätere Phase der Krankheit) und (3) Präparate für die Lunge oder für das Herz-Kreislauf-System (die den Körper im Kampf gegen die Infektion unter­stützen oder unerwünschte Folgen verhindern sollen).

Ein Virus zu bekämpfen, welches keinen eigenen Stoffwechsel hat, ist etwas anderes als ein Bakterium oder einen Parasiten. Gegen Viren wirken Antibio­tika nicht. Viren brauchen Wirtszellen, um sich zu vermehren. Sie interagieren mit den Zellen auf einer sehr grundsätzlichen Ebene und machen molekularbiologisch mehr oder weniger dasselbe wie der Körper auch. Man muss deshalb sehr genau definieren, welche Wirkung man wo erzielen will, um dem Körper nicht noch zusätzlichen Schaden zuzufügen.

Was wirkt in der ersten Phase, ist falsch in der zweiten

Die erste Abwehrfront ist in den Schleimhäuten von Nase und Rachen. Hier prüft man, ob Sprays wirksam sein könnten. Viele Präparate, die zur Vorbeugung von Erkältungskrankheiten gebraucht werden, sind auch für Sars-CoV-2 interessant. Die Wirksamkeit zu belegen ist nicht ganz einfach, weil die Präparate angewendet werden müssen, bevor absehbar ist, ob die Infektion einen schweren Verlauf nimmt.

Antivirale Medikamente müssen bei einer Infektion mit Sars-CoV-2 in einem möglichst frühen Stadium eingenommen werden. Hier machen die Medikamente eigentlich dasselbe wie die Impfungen. Sie unterstützen das Immunsystem mit massgeschneiderten Antikörpern (monoklonale Antikörper), welche aus dem Serum von genesenen Patienten gewonnen und optimiert wurden. Die müssen in Zelllinien aufwendig vermehrt werden.

Häufig angewendet (unter anderem auch im KS Aarau) ist die Kombination von Imdevimab und Casirivimab. Sie scheint gut anzuschlagen, eine Therapie kostet allerdings 2000 Euro (2100 $). Von Sotrovimab hat die EU 220000 Dosen bestellt. Einen guten Eindruck macht auch Ronapreve. Davon hat die Schweiz bestellt (insgesamt über 10000 Dosen, aber auch andere Präparate). Das Problem ist hier, dass die Molekülstruktur kompliziert ist, dass man das Präparat intravenös verabreichen muss. Das heisst: Man muss – bevor richtig klar ist, ob es einen schweren Verlauf geben wird oder nicht – die Therapie in der Klinik anwenden und kann nicht einfach nur zu Hause eine Pille schlucken.

An einer oralen Therapie wird gearbeitet, aber da ist es schwieriger, damit den Wirkstoff an den richtigen Ort im Körper zu bringen. Präparate, welche das Immun­system dämpfen, sind erst dann sinnvoll, wenn die Krankheit schon fortgeschritten ist. Sie werden eingesetzt, um überschiessende Entzündungsreaktionen zu bekämpfen, und tun so eigentlich genau das Gegenteil dessen, was das Immunsystem in Phase I getan hat.

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