Severin Dressen

Coronakrise, eine Tierpflegerin, die stirbt und das tote Elefantenbaby: Der neue Zürcher Zoodirektor im Gespräch

Der Mensch muss  für Tiere Verantwortung übernehmen. Nur er kann sie vor dem Aussterben retten. Das macht der Zoo, sagt der neue Zürcher Zoodirektor Severin Dressen.

Herr Dressen, mitten in der Coronakrise sind Sie Anfang Juli als neuer Zoodirektor gestartet. In dieser kurzen Zeit hatten Sie einschneidende Ereignisse zu bewältigen, insbesondere den Tod einer Tierpflegerin in der Tigeranlage. Wie lautet das erste Fazit?

Severin Dressen: Das waren zwei sehr bewegte Monate. Der tragische Todesfall Anfang Juli hat den Betrieb extrem geschockt. Und der Corona-Lockdown wirkt nach. Während der drei Monate, die wir geschlossen hatten, ergab sich ein Minus von zwölf Millionen Franken. Wir haben keine Entschädigung des Bundes erhalten, abgesehen von der Kurzarbeit. Die ist aber für Tierpfleger nicht anwendbar. Und wenn man wie vergangene Woche ein Elefantenbaby verliert, ist das mediale und gesellschaftliche Interesse gross.

Zoo Zürich: Elefanten-Baby nach Geburt zu Tode getrampelt

Zoo Zürich: Elefanten-Baby nach Geburt zu Tode getrampelt

Kein Happy End im Zoo Zürich: Das Elefanten-Baby von Kuh Omysha wurde am Mittwochabend nach seiner Geburt von der Herde zu Tode getrampelt. Wie der Zoo Zürich mitteilt, sei die Geburt normal verlaufen. Dann aber entstand innerhalb der Herde eine Dynamik, die dazu führte, dass das Neugeborene von der Gruppe zu Tode getreten wurde.

Schärft ein tödlicher Vorfall wie der im Tigergehege das Bewusstsein der Gefahr beim Umgang mit wilden Tieren?

Solche Vorfälle passieren leider immer wieder. Das zeigt ein Blick auf die europäische Chronik der Zoos. Das ist letztlich allen Mitarbeitern im Zoo bekannt. Natürlich versucht man, das zu verhindern. Eine 100-prozentige Sicherheit gibt es hier wie im Leben im Allgemeinen aber nicht.

Zoodirektor Severin Dressen in der Masoala-Regenwaldhalle.

Zoodirektor Severin Dressen in der Masoala-Regenwaldhalle.

Man versucht, die Tiere so wild wie möglich zu halten. Ist das Unfallrisiko für die Tierpfleger deshalb grösser geworden?

Nein, auf gar keinen Fall. Im Gegenteil. Die Sicherheit der Tierpfleger ist einer der Gründe, warum man zum Beispiel bei den Elefanten auf den geschützten Kontakt setzt. Wenn sich Mitarbeiter nicht mehr inmitten der Elefanten aufhalten müssen, ist das ungefährlicher. Die Tierhaltung heute ist deutlich sicherer als noch vor Jahrzehnten, auch in den anderen Gehegen. Zum zweiten ist diese kontaktlose Tierhaltung besser für das soziale System der Tiere.

Der neue Zoodirektor und seine Tiere

Der neue Zoodirektor und seine Tiere

Severin Dressen wird neuer Zoodirektor in Zürich. Am 1. Juli tritt er offiziell sein Amt an. Welche Tiere faszinieren ihn und mit welchem Tier würde er gerne mal einen Tag tauschen?

Wie die Geburten der Tiere gehört der Tod zum Zoo. Wie geht der Zoo Zürich damit um?

Im Zoo läuft es gerade andersherum als in der Gesellschaft. Dort wird der Tod wenig thematisiert. Dank der Humanmedizin ist die Sterberate bei Neugeborenen glücklicherweise sehr tief. Im Tierreich ist das anders. Im Zoo gehört deshalb das Sterben auch dazu. Ich halte es deshalb für sehr gut, dass der Zoo Zürich schon vor meiner Zeit gerade das Ableben von «Tierperönlichkeiten» immer kommuniziert hat.

Nach dem Tod eines Elefantenbabys kritisieren Zoogegner jeweils die Tierhaltung. Kennen Sie das aus Deutschland?

Da ist Deutschland wahrscheinlich schon konfrontativer. Ein Problem ist, dass viele Zoogegner seit Jahrzehnten nicht mehr in Zoos waren – in der Zwischenzeit hat sich viel getan. Ein anderer Aspekt ist, dass es gewisse Anhänger der Tierrechtsphilosophie Tieren Rechte als selbstbestimmendes Individuum zusprechen möchte, was in der Konsequenz zu einem Verfügungsverbot führt. Der Mensch dürfte dann nicht mehr über Tiere verfügen. Das sehen moderne Zoos als Zentren für Natur- und Tierschutz anders. Wir Menschen haben den Auftrag die Natur und die Tiere zu schützen.

Warum?

Denn wir Menschen sind die einzige Art auf der Welt, der für eine andere Tierart Verantwortung übernehmen kann. Und es wird immer dringlicher, dass wir das tun. Die rote Liste der bedrohten und aussterbenden Arten wird immer länger. Im Einzelfall kann man sich immer darüber unterhalten, ob die eine oder andere Anlage noch Naturgerecht ist. Aber nicht über das Grundkonzept. Wenn es Zoos nicht gäbe, müsste man sie erfinden. Artenverlust und Umweltzerstörung aufzuhalten ist zwar eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, aber Zoos können einen wichtigen Teil dazu beitragen. Wir sind in der einzigartigen Situation, sowohl zum Arten- und Naturschutz, zur Forschung und zur Bildung etwas beitragen zu können. Diese Vermischung macht das grosse Schutzpotenzial eines Zoos aus.

Fokussiert sich der Zoo Zürich weiterhin auf die acht grossen Naturschutz-Projekte, die jeweils mit der Eröffnung einer Grossanlage lanciert wurden?

Es war die richtige Entscheidung, auf eine überschaubare Zahl an Projekten zu setzen, an denen sich der regelmässige Gast orientieren kann. Ob noch das eine oder andere dazu kommt, wird man sehen. Der Zoo Zürich hat immer mit der Einweihung eines Grossprojekts, sei es die Masoala-Regenwaldhalle, die Elefantenanlage und die Lewa-Savanne, ein Gegenprojekt im ursprünglichen Gebiet der Tiere ins Leben gerufen. Als nächstes bauen wir oberhalb der Lewa-Savanne eine zentralafrikanische Regenwaldanlage aus dem Kongogebiet. Mit dieser neuen Anlage für die Gorillas bietet es sich an, einen Projektpartner vor Ort zu suchen.

Nashornbaby erkundet zum ersten Mal die Lewa Savanne

Nashornbaby erkundet zum ersten Mal die Lewa Savanne

Das Nashornbaby Ushindi ist am 7. Mai 2020 im Zoo Zürich auf die Welt gekommen. Heute darf es endlich auf die grosse Lewa Savanne.

Braucht es solche Naturschutzprojekte für die Legitimation eines Zoos?

Naturschutz geht auch ohne. Aber es ist einfacher, Spenden für ein gefährdetes Gebiet einzuwerben, wenn sich die Zoobesucher in der Lewa-Anlage für die in der realen Savanne lebenden Tiere begeistern. Am Wichtigsten sind Wissen und Bildung, die über diese Naturschutzprojekte vermittelt werden. Weil die westlichen Gesellschaften sich immer weiter von der Natur entfernen und sie immer weniger verstehen, ist der Bildungsauftrag bedeutender denn je. Dazu kommt der Artenschutz. Viele Zootiere sind bedroht und zudem biologisch gänzlich unverstanden. Man muss aber erst die Biologie des Tieres verstehen, um dann vor Ort geeignete Lebensräume schützen zu können.

Wie wichtig sind die internationalen Artenschutzprojekte der Zoos?

Die sind sehr wichtig, aber auch sehr komplex. Viele Tiere im Zoo werden in europäischen Haltungszuchtprogrammen koordiniert. Es gibt in einem der europäischen Zoos einen Koordinator, der für eine Tierart verantwortlich ist. Der sorgt dafür, dass es eine sich selbsterhaltende Population in europäischen Zoos gibt, die nicht auf Importe angewiesen ist, genetisch möglichst auf einer breiten Basis steht und im Idealfall auch für Wiederansiedlungen genutzt werden kann.

Wird das oft gemacht?

Oft wird kritisiert, dass nicht viele Tiere ausgewildert werden. Das lasse ich nicht gelten. Es gibt 85 Tierarten, die mit Hilfe von Zoos wieder ausgewildert werden. Natürlich geht immer mehr, aber 85 Arten sind besser als keine. Wir haben gleichzeitig 77 Tierarten, die nur noch in Zoos gehalten werden, weil sie schon ausgerottet worden sind. Da ist es von Vorteil, wenn wir die wenigstens noch im Zoo haben. Ein gutes Beispiel ist der Wildpark Langenberg, der aktiv in der Mongolei Przewalskipferde auswildert. Um das tun zu können, muss ein Lebensraum von Hunderten Hektaren geschützt werden. So schützt man im gleichen Moment auch einen grossen Lebensraum von Pflanzen und Insekten, die ansonsten überhaupt keine Lobby hätten. Leider hat dieses Denken an Orten grosser Umweltzerstörung noch nicht eingesetzt. In Borneo und Sumatra wird weiter massiv Wald abgeholzt, um Ölpalmen zur Palmölgewinnung anzupflanzen. Der Ausblick für die Orang-Utans ist deshalb mehr als mager. Da ist es besser hier noch eine Reservepopulation zu haben.

Wie stufen Sie den Zoo Zürich im internationalen Vergleich ein?

Der Zoo Zürich gehört sicher zu einem der führenden Zoos - und zwar aus drei Aspekten: Die vorhin erwähnte konsequente Ausrichtung auf den Naturschutz sowie die Anstrengungen in der Bildung. Zum dritten hat es mein Vorgänger Alex Rübel geschafft, in der Tierhaltung wirklich visionäre Anlagen zu bauen. Die Masoala-Halle feiert 2023 ihr 20-jähriges Jubiläum und sie sucht immer noch ihresgleichen. Die Brillenbärenanlage ist eines der ersten Projekte Rübels und diese ist 25 Jahre nach ihrer Einweihung immer noch eine Referenzanlage für neue Brillenbärengehege weltweit.

Rübel ist wie sie jung angetreten und hat einen Masterplan präsentiert. Damals war der Zoo viel kleiner. Jetzt ist er zugebaut. Was bleibt Ihnen?

Es ist richtig, dass wir uns flächenmässig nicht mehr erweitern werden. Aber das braucht es auch gar nicht mehr. Wir sind an einem Entwicklungsplan 2050 dran, der nächstes Jahr fertig sein wird. Darin sind auch Bauprojekte ein Thema. Einige Freiflächen gibt es noch, zum Beispiel für den angesprochenen Zentralafrikanischen Regenwald. Zudem ist die Halbwertszeit einer Zooanlage begrenzt. Zwar gibt es Anlagen wie die Masoala-Regenwaldhalle, die auch noch nach 50 Jahren funktioniert, andere sind aber nach 30, 40 Jahren veraltet. Wenn man an einem Ende des Zoos mit Bauen angekommen ist, kann man am anderen wieder anfangen. Die Ideen gehen uns auch sonst nicht aus. Zum Beispiel bei der Vogelhaltung, die sich sehr geändert hat. Man möchte die Tiere nicht mehr flugunfähig halten, deshalb wird man mehr und höhere Volieren bauen, um grosse Flugräume zu bieten.

Wie steht es um die Digitalisierung?

Auf das werde ich als junger Zoodirektor immer wieder angesprochen. Wenn es darum geht, Arbeitsabläufe effizienter zu machen, den Informationsfluss zu verbessern, die Datenerhebung bei Tieren zu automatisieren, macht die Digitalisierung Sinn. Wenn damit die Tierhaltung verbessert und auch zur Forschung beigetragen wird. Bei der Edukation und Information hat Digitales auch Potenzial. Aber müssen wir genau überlegen, ob das tatsächlich die Wirkung bringt, die wir möchten. Wir wollen, dass die Menschen in der Masoala-Halle von der Wahrhaftigkeit der Natur überwältigt sind und die Welt nicht schon wieder über ihr Handy wahrnehmen.

Welches ist die schwierigste Tierart?

Man kann jedes Tier im Zoo halten. Aber man muss die richtigen Rahmenbedingungen bieten. Es geht darum die Bedürfnisse des Tieres zu befriedigen. Die Tiere brauchen unterschiedliche externe Stimulation. Ein Wiederkäuer verbringt den grossen Teil des Tages mit Fressen, das lässt sich einfach nachahmen. Bei einem Raubtier hat man das Element der Jagd, das ersetzt werden muss. Diese Herausforderung löst man zum Beispiel mit automatisierten Futteranlagen. Will das Tier zu Futter kommen, muss es immer auf Achse sein. Bei sozial komplexeren Strukturen muss man zudem auf die Dynamik und Gruppenzusammensetzung beachten.

Diskutiert wird immer wieder darüber, ob Eisbären in Zoos gehalten werden können?

Gesagt wird, der Eisbär nutze grosse Flächen und habe einen zu starken Bewegungsdrang. Da muss man sich die Biologie des Tieres anschauen. Der Eisbär liegt stundenlang vor dem Loch und wartet darauf bis der Seehund rauskommt. Der Eisbar hat kein intrinsisches Bedürfnis jeden Tag einen Marathon zu laufen. Der Eisbär muss ein riesiges Gebiet abdecken, aber nur, um genügend Nahrung zu erhalten. Aber die Stimulation bei einem Eisbären zu schaffen, ist eine grosse Herausforderung. Das gelingt häufig auch nicht.

Dann gibt es keinen Eisbären in Zürich.

Nein, das kann man sagen.

Funktioniert der Tieraustausch zwischen den europäischen Zoos gut?

Tiere haben keinen monetären Wert mehr und werden nicht mehr zwischen den Zoos verkauft. Die Empfehlungen der Koordinatoren der Zuchterhaltungsprogramme sind bindend und geschehen rein populationstechnisch. Auch Tiere, die nicht in solchen Zucht-Programmen organisiert sind, werden ausgetauscht. Die Kooperation in der Schweiz und auch in Europa ist sehr gut.

Haben Sie ein Wunschtier für den Zoo?

Ich habe kein einzelnes Lieblingstier. Ich würde mich freuen, wenn es uns gelingen würde, Insekten mehr und besser zu zeigen. Das Insektensterben ist ein grosses, präsentes Thema in Europa und Insekten sind auch ein Thema für die zukünftige Ernährung. Da gibt es viele unterschiedliche Facetten.

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