Graubünden
Corona-Massentest: Ein Prozent der Getesteten ist positiv

Die Hälfte der aufgerufenen Bevölkerung hat am ersten Schweizer Massentest im Kanton Graubünden teilgenommen. 150 Infizierte ohne Symptome wurden entdeckt.

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Covid-19-Massentest in Zuoz. In drei Bündner Regionen wurde während drei Tagen getestet.

Covid-19-Massentest in Zuoz. In drei Bündner Regionen wurde während drei Tagen getestet.

Gian Ehrenzeller / EPA

Gespannt blickte die Schweiz auf den Kanton Graubünden. Dort wurde am Wochenende während drei Tagen der erste schweizerische Coronamassentest durchgeführt. In Südbünden haben sich 15000 Menschen testen lassen, am meisten im Alter zwischen 40 und 60. Aber auch die anderen Alterskategorien hätten teilgenommen, erklärte die zufriedene Bündner Regierung. Etwa die Hälfte der anvisierten gut 30000 Personen haben somit an diesem logistischen Kraftakt an 23 Test-Standorten teilgenommen.

150 Personen in Isolation gesetzt

Zutage brachte der Massentest 150 Infizierte, die keine Symptome zeigten, also ein Prozent der Getesteten. Als Hotspot wurde die Region Bernina geortet. Über mögliche Nachtests wird noch nachgedacht. Die asymptomatisch Infizierten konnten in Isolation geschickt werden. Der Massentest gebe ein genaueres Bild über die Situation in Südbünden ab und entspreche etwa dem Erwarteten, erklärte der Gesamtverantwortliche Martin Bühler.

Zudem habe man wichtige Erfahrungen gewonnen, die man für allfällige weitere Massentests oder auch für Impfkampagnen nutzen könne. Der Aufwand für einen Massentest ist riesig, für die 15000 Tests standen 1000 freiwillige Helfer im Einsatz. Würde man den ganzen Kanton testen, kostete das rund fünf Millionen Franken.

Viele fallen durch den Raster

Doch geben Massentests ein genaues Bild ab? Die Schnelltests haben eine gute Zuverlässigkeit, trotzdem werden etwa 10 Prozent falsch negativ getestet. Doch das sei nicht die entscheidende Zahl, sagt der Epidemiologe Marcel Tanner von der Covid-19-Taskforce. Unter diesen 15000 Getesteten hat es mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht nur asymptomatisch Infizierte, die gar nie Symptome bekommen, sondern vor allem auch solche, die kurz vor dem Massentest angesteckt worden sind. Deshalb werden bei diesen Personen keine Viren nachgewiesen und keine Symptome angezeigt.

Um diese Fälle auch zu erwischen, müsste man in fünf Tagen nochmals einen Massentest mit den gleichen Personen durchführen. Diese Infizierten im präsymptomatischen Zustand können somit unerkannt während der zwei Tage bis Symptombeginn und auch danach andere anstecken. «Die Übertragungen gehen somit im getesteten Gebiet trotzdem weiter», sagt Tanner. Solche Massentests könnten deshalb auch zu einer falschen Sicherheit in der Bevölkerung führen und womöglich dazu, dass sich die Leute nicht mehr rigoros an die Schutzmassnahmen halten.

Viele Infizierte bleiben unentdeckt

Marcel Tanner ist somit skeptisch, was den Nutzen solcher Massentests für ganze Länder oder Landstriche betrifft. Auch weil selbst bei einer Beteiligung der Hälfte der Bevölkerung die andere Hälfte ungetestet bleibt, unter denen sich fraglos wie in der getesteten Hälfte Infizierte ohne Symptome befinden.

Einen Nutzen von Massentests sieht der Epidemiologe dagegen in kleinräumigen Strukturen. Massentests in Kirchgemeinden, Sportklubs, grossen Firmen, bei Angestellten von Gastrobetrieben oder Altersheimen seien denkbar, wenn dort Ansteckungen aufträten. In Basel war ein Pilotprojekt in einem Alters- und Pflegeheim erfolgreich, weil asymptomatische Infizierte unter dem Personal entdeckt wurden, die ansonsten ohne ihr Wissen betagte Menschen hätten anstecken können. Der Epidemiolopge Marcel Tanner sagt:

Massentests machen Sinn, wenn man gezielt auf mögliche Infektionsherde losgeht.

Das habe einen konkreten Nutzen und sei bedeutend weniger aufwendig als riesige Massentests mit zweifelhaftem Effekt.

Noch weniger entdeckte Fälle in Österreich

In Österreich wurden mit den landesweiten, zur Enttäuschung der Regierung zu wenig genutzten Massentests unter zwei Millionen Getesteten 4200 positive Fälle gefunden. Der Ertrag dieser riesigen und teuren Aktion war somit überschaubar. Der Einsatz eines Massentests sei eine Abwägung, vor allem auch mit der Frage nach einem möglichen finanziellen Benefit, sagt Tanner. Im Bündnerland spiele dabei sicher eine Rolle, dass man hoffe, mit Massentests die Region für den eminent wichtigen Skitourismus sicherer und attraktiver zu machen.