Als er in einem Hotel in Bangkok im 42. Stock in den Lift steigen will, vibriert die Uhr an seinem Handgelenk. Du bist erschöpft, sagt sie ihm. Peter Gloor, Forscher am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston, hält inne und geht zurück in sein Hotelzimmer.

Erst jetzt realisiert er den stechenden Schmerz in der linken Schläfe. Der Langstreckenflug war anstrengend. Ein bisschen Erholung würde ihm tatsächlich guttun, denkt er und beschliesst, sich zwei Stunden hinzulegen, ehe er Thailands Metropole erkundet.

Die App, die ihm die Ruhepause verordnet hat, heisst Happimeter. Sie misst, wie fit man sich nach einem Langstreckenflug fühlt, und kann noch viel mehr. «Es ist eine Art Algorithmus zum Glücklichwerden», sagt Peter Gloor. Der Schweizer nutzt die App nicht nur, sondern hat sie mit seinem Team an der amerikanischen Eliteuniversität auch entwickelt. «Der Algorithmus misst, wie glücklich jemand ist, und kann ziemlich genau voraussagen, wie sich das Glücksempfinden kurzfristig verändert», erklärt der Informatiker und Verhaltensforscher.

Seit Jahrhunderten suchen die Menschen nach dem Weg zum persönlichen Glück: Sie hören dafür auf ihr Inneres, auf die Ratschläge der Psychologen, die Gedanken der Philosophen, die Weisheiten der Religionsstifter. Und bald auf die Anweisungen einer App?

Die Uhr registriert Aufregung

Um das Glücksempfinden zu messen, nutzt die Uhr – derzeit läuft die App auf einer Pebble-Smartwatch und einigen Android-Versionen – eine Vielzahl von integrierten Sensoren, die Daten aufzeichnen: Sie zählt die Schritte, die man macht, erkennt aufgrund der GPS-Daten, ob man sich mehrheitlich zu Hause aufhält oder viel unterwegs ist.

Der Beschleunigungssensor registriert, wie aufgeregt man ist, der Pulsmesser, wie schnell das Herz schlägt. Das Mikrofon ermittelt, wie oft jemand redet , mit welcher Energie er das tut – und ob er mehr spricht oder mehr zuhört. Das Display erkennt aufgrund der Lichteinstrahlung, wie stark die Sonne gerade scheint. All diese Daten sagen etwas darüber aus, wie glücklich man sich gerade fühlt.

In die Messung integriert die App aber auch das Feedback des Trägers. Viermal am Tag fragt ihn die Uhr, wie glücklich er gerade ist. Um seinen Zustand zu beschreiben, wählt er eines von neuen Smileys auf dem Display aus. Aufgrund dieser Einschätzung passt sich der Algorithmus selber an. Das geschieht mittels maschinellen Lernens respektive der derzeit hochgepriesenen künstlichen Intelligenz (KI): Sie erkennt, welche Faktoren sich wie auf das Glücksempfinden des Nutzers auswirken.

Nach ein paar Tagen ermittelt der Happimeter den Glückszustand mit einer Genauigkeit von 90 Prozent. Zu diesem Ergebnis gelangte eine erste Studie mit 60 Studenten. Nun läuft eine zweite, grössere Studie mit zufällig ausgewählten Teilnehmern. Sie soll Aufschluss darüber geben, wie akkurat sich Glück wirklich messen lässt.

Doch der Happimeter soll nicht nur das Glück messen, sondern auch das Glück vergrössern. «Wer weiss, was ihn glücklich macht, ändert sein Verhalten entsprechend», ist Gloor überzeugt. Dahinter verbirgt sich die Vorstellung, dass der Mensch selber nicht so genau weiss, was ihn glücklich macht. Dazu brauche es gemäss Gloor ein äusseres Feedback.

Um sich zu erkennen, muss er sich in Daten widergespiegelt finden. Einen direkten Zugang zum Inneren scheint es nicht zu geben. Oder er ist zumindest nicht so leicht sichtbar. «Wäre ich der Dalai Lama», sagt Gloor, «bräuchte ich wohl keinen Happimeter.» Doch der sei er nun mal nicht, sondern bloss ein Informatikprofessor.

Dass wir uns auf der Suche nach dem Glück besser von objektiven Daten als von unseren subjektiven Empfindungen leiten lassen, passt in eine Welt, die stärker von Rationalität als von Spiritualität geprägt ist. Der Schweizer Bestseller-Autor Rolf Dobelli rät in seinem neuesten Buch «Die Kunst des guten Lebens»: «Machen Sie Ihre Gefühle nicht zu Ihrem Kompass. Das gute Leben ist nicht durch Selbsterforschung zu finden.»

Ein gangbarer Weg ist für ihn vielmehr die Vermeidung von Unglück: chronischen Schlafmangel und Stress nicht zulassen, lamentierenden Menschen aus dem Weg gehen und sich nicht ständig mit anderen vergleichen. Er rät deshalb dazu, die «Downsides» im Leben systematisch zu vermeiden, um eine «reelle Chance zu haben, ein gutes Leben hinzubekommen».

Klingt ernüchternd: Im 21. Jahrhundert scheint das Streben nach Glück keine Abenteuerreise mehr zu sein, sondern eine Disziplinierungskur. Dazu passt ein Algorithmus, dessen Handlungsanweisungen zu befolgen sind, ganz gut.

Digitale Avatare geben Tipps

Mögen in der Evolutionsgeschichte Gefühle – man denke etwa an Angst, Leidenschaft und Liebe – ganz gute Leitplanken für ein glückliches Leben gewesen sein, so werden sie nun durch etwas Besseres ersetzt: überlegene Algorithmen. So sieht das zumindest der israelische Historiker Yuval Noah Harari, der in seinem viel beachteten Buch «Homo Deus» schreibt: «Folglich sollten Sie nicht mehr auf Ihre Gefühle hören, sondern auf diese externen Algorithmen.»

Auf die Uhr von Peter Gloor etwa, die einem sagt, wenn man sich ausruhen soll, weil Schlafmangel unglücklich macht. Die weiss, wenn man eine Runde Joggen soll, weil Aktivität glücklich macht. Und die ihre Nutzer, in einer verbesserten Version 2.0 vielleicht, auch darauf hinweist, mit welchen Menschen sie mehr Zeit verbringen sollen – das Mikrofon könnte dafür anonymisierte Stimmprofile aufzeichnen.

Doch wollen wir das überhaupt, uns von einem Algorithmus zum Glück leiten lassen? «Ich bin überzeugt, dass es einen Markt für solche Apps gibt», sagt Karin Frick, Chef-Forscherin am Gottlieb-Duttweiler-Institut und Co-Autorin der Studie «Die neuen Techniken des Glücks». Als erste würden sich die Technik-Freaks auf Glücks-Apps einlassen und so den Weg für die Masse ebnen.

Ähnlich wie das bei der Quantified-Self-Bewegung war: Vor ein paar Jahren wurde noch schräg angeschaut, wer ein Fitnessarmband mit Schrittzähler trug oder die Qualität seines Schlafs mit einer App aufzeichnen liess, heute promoten bereits Krankenkassen solche Anwendungen.

Entscheidend für den Massenmarkt sei, dass das Feedback dieser Apps nicht zu technisch ausfalle, meint Frick. Während Nerds sich mit den abstrakten Werten zu ihrem Glücksempfinden zufriedengeben, dürften die meisten an personalisierten Einschätzungen interessiert sein.

So wie heute menschliche Coaches, könnten schon bald digitale Avatare zu uns sprechen und uns Tipps geben. «Ein Avatar, der einem ein ehrliches Feedback gibt und es gleichzeitig gut mit einem meint, wird im Alltag eine grosse Hilfe sein», ist Frick überzeugt.

Die Lösung? Noch mehr Daten

Je mehr wir uns in Zukunft einem Glücks-Algorithmus anvertrauen, wie ihn Peter Gloor heute schon entwickelt, desto dringlicher wird allerdings die Frage, ob wir da nicht ein Stück unserer Autonomie aufgeben: Statt selber zu entscheiden, wie wir unser Glück schmieden, folgen wir einfach den Anweisungen des Algorithmus.

Der Erfinder selber sieht das gelassen: «Es ist ja keine Droge, die einen in einen Rausch versetzt und das Bewusstsein verändert. Man kann jederzeit frei entscheiden, ob man einen Rat annimmt oder nicht», sagt Gloor.

Doch selbst wenn der Algorithmus von Peter Gloor einmal zuverlässig den Weg zum Glück weisen soll, so heisst das nicht, dass bald nur noch zufrieden strahlende Menschen auf dem Planeten herummarschieren.

Schon heute wissen ja die meisten von uns, was ihnen langfristig guttun würde – und entscheiden sich so oft für ein schnell verpuffendes Glücks-High: für das Stück Schokoladenkuchen, obwohl man eigentlich Schlanker sein möchte, für einen weiteren Drink an der Bar, obwohl man morgen früh rausmuss. Letztlich könnten die technisch raffinierten Glücksalgorithmen an den Schwächen des menschlichen Willens scheitern.

Und überhaupt: So mag uns eine solche App vielleicht sagen, wie wir uns zu disziplinieren haben, um ein ausgeglichenes und zufriedenes Leben zu führen, auf unsere grossen Fragen weiss sie aber keine Antwort: Sollen wir den Job wechseln? Nach Südfrankreich auswandern? Uns von unserem Partner trennen? Von den Entscheidungen solcher grosser Fragen hängt doch das alltägliche Glück auch ab. Und wie sollen da ein paar Sensoren am Handgelenk eine Hilfe bieten?

Vielleicht bedarf es dazu einfach noch weiterer Daten: Unsere Posts und Likes auf den sozialen Medien und unser Suchverlauf auf Google etwa, um mehr über unsere Vorlieben, Wünsche und Ängste in unserem Leben zu erfahren. Vielleicht lässt sich mit diesen zusätzlichen Daten der perfekte Glücks-Algorithmus schaffen, da er nicht nur auf äusserliche Anzeichen reagiert, sondern sich in unsere Psyche vortastet.

Gaben wir unsere Autonomie auf?

Für den Historiker Yuval Noah Harari ist das ein realistisches Szenario: Die Technologien des 21. Jahrhunderts könnten dafür sorgen, «dass externe Algorithmen die Menschheit ‹hacken› und besser über mich Bescheid wissen als ich selbst».

Dabei sei es nicht nötig, dass der Algorithmus einen durch und durch kenne und nie Fehler mache: «Es reicht, wenn er mich besser kennt als ich mich selbst und weniger Fehler begeht als ich.» Dann wird es nach Harari tatsächlich sinnvoll, immer mehr unserer Bedürfnisse und Lebensentscheidungen einem solchen Glücksalgorithmus zu übertragen.

Vielleicht wird dann, an einem Tag in der Zukunft, die Uhr statt vor dem Aufzug im 42. Stock in einem Pub vibrieren, während man am Tisch mit einem Date sitzt. Just in dem Moment, in dem man sich schon ein bisschen verliebt hat und denkt, da bahnt sich was Schönes an, sagt sie: «Geh nach Hause, die Frau wird dich nur unglücklich machen.» Werden wir dann auch, wie der übermüdete Peter Gloor in Bangkok, kurz innehalten und – und dann gehen?