Ausbildung
Büezer statt Bildung: Kleinbetriebe wollen keine Berufsmaturanden

Die Berufsmaturaquote stagniert. Ein Grund dafür ist, dass kleinere Betriebe keine Berufsmaturanden ausbilden wollen, der hohe Wert der beruflichen Reife zu wenig bekannt ist – und als zweitklassig angesehen wird.

Rita Torcasso
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Viele Betriebe wollen keine Berufsmaturanden ausbilden. Dabei gibt es viele Lehrlinge, die das Potenzial hätten.GAETAN BALLY/Keystone

Viele Betriebe wollen keine Berufsmaturanden ausbilden. Dabei gibt es viele Lehrlinge, die das Potenzial hätten.GAETAN BALLY/Keystone

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«Bei der Lehrvertragsunterzeichnung hiess es, dass ich die Berufsmatura nicht machen kann, weil ich zu oft fehle und die praktische Ausbildung dadurch gefährdet sei», erzählt Martin Brunner*.

Dabei hätte der Aargauer mit der Sek-Abschlussnote 5,6 beste Voraussetzungen gehabt. Nach dem kategorischen Nein entschied er sich, es im zweiten Lehrjahr nochmals zu versuchen. Ohne den Betrieb zu informieren, machte er im Frühjahr die Aufnahmeprüfung – und bestand sie knapp nicht. «Dass ich die Prüfung ohne Wissen des Betriebs machen musste, setzte mich unter Druck», bemerkt er und fügt an: «Wenn ich sie bestanden hätte, wäre ich gezwungen gewesen, einen neuen Lehrbetrieb zu suchen.» Die Arbeit im Lehrbetrieb gefällt ihm. «Ich lerne hier viel Handwerkliches, und genau dafür wollte ich eine Schreinerlehre machen.» Im letzten Herbst begann Martin Brunner das zweite Lehrjahr. Der 18-Jährige sagt: «Nach dem Abschluss will ich die Maturitätsschule für Erwachsene machen, um mir alle Möglichkeiten offen zu halten.» Danach möchte er Lehrer werden.

Die Berufsmatura galt lange als Erfolgsmodell. Doch jetzt stagniert sie in einigen Kantonen oder steigt wie im Aargau nur noch leicht an. Vor allem die Zahl der Lernenden, welche die lehrbegleitende Berufsmatura (BM1) absolvieren, geht zurück. Dafür holen jedes Jahr mehr die berufliche Reife nach dem Lehrabschluss nach (BM2). Seit 2004 sank der Anteil der BM1-Absolventen von 66 auf 54 Prozent.

Betriebe sind gegen Matura

Eine Bundesinitiative des Staatssekretariats für Bildung setzt sich die Förderung der BM1 zum Ziel. Laut Lehrstellenbarometer ermöglichen 60 Prozent der Betriebe den Lernenden, die Berufsmatura zu machen. Doch in der Untersuchung «Konzept zur Stärkung der BM1» vom Bund schätzt eine grosse Mehrheit der befragten Betriebsausbildner, dass nur etwa jeder fünfte Betrieb überhaupt Berufsmaturanden ausbildet. Warum so viele Betriebe ausscheren, begründen sie mit dem zusätzlichen Tag Abwesenheit der Lernenden, rund 40 Prozent finden, die Ausbildung bringe keinen Mehrwert, und je ein Drittel nennt die Abwanderung nach der Lehre und das mangelnde Interesse der Jugendlichen.

Der Schweizerische Verband der Schreinermeister VSSM versucht seit vier Jahren mit einem finanziellen Anreiz von 1000 Franken pro Lehrjahr mehr Betriebe für die Ausbildung von Berufsmaturanden zu gewinnen. Das Angebot wurde bisher wenig genutzt: im ersten Jahr von 20, 2014 von 47 und im letzten Jahr von rund 90 Betrieben – bei 2300 Mitgliedern. «Es ist ein nicht gerade populäres Thema, doch wir sind überzeugt, dass die Berufsmatura die Schreinerlehre aufwertet», betont Patrik Ettlin vom VSSM. Im letzten Herbst lancierte der Verband eine vierjährige Bildungskampagne. «Sie soll verständlich machen, warum und wie mit Aus- und Weiterbildung die Zukunft der Branche gesichert wird», so Ettlin. Mit einer Roadshow trägt der Verband das Thema in die Kantone, der Lastwagen-Trailer macht auch im Aargau Halt.

Der Berufsbildungsexperte Rudolf Strahm ist überzeugt, dass sich die BM1-Quote nicht mehr wesentlich erhöhen lässt. Zunehmen werde vor allem noch die BM2 (Berufsmatur für Erwachsene). Für ihn ist der wichtigste Grund dafür, dass die Grundbildung für die Jugendlichen anspruchsvoller geworden sei. «Und in den traditionellen Branchen mit vielen KMU wird das Interesse kaum steigen, denn diese Betriebe sind gegen eine Akademisierung, sie wollen in erster Linie Berufsfachleute fördern.» Dem widerspricht Simone Strub vom Aargauer Departement für Bildung: «Weil verschiedene Branchen heute Mühe haben, gute Lernende zu finden, werden sie dem Wunsch nach der lehrbegleitenden BM wieder eher entsprechen.»

Der Berufsbereich Informatik und Kommunikation (ICT) leidet besonders stark unter Fachkräftemangel. Ein Drittel der Lernenden macht die lehrbegleitende Berufsmatura, allerdings 38 Prozent von ihnen in einer Vollzeitschule. «Die Schulen springen in die Bresche, weil es nicht genügend Ausbildungsplätze in Betrieben gibt, obwohl die Lehrstellen in den letzten acht Jahren um einen Drittel zugenommen haben», erklärt Jörg Aebischer vom ICT-Verband. Aebischer findet, dass nicht die Berufsmaturaquote an sich ansteigen muss, sondern gezielt jene Branchen mit vielen Hochschulabgängern gefördert werden sollen. «Eine BM-Quote von 50 Prozent bei den Informatikern für Applikationsentwicklung macht Sinn, für Coiffeusen aber wohl eher nicht», bemerkt er.

Potenzial wäre vorhanden

Eine grosse Mehrheit der Betriebsausbildner, die für die Bundesstudie befragt wurden, schätzt, dass es in den Betrieben bis zu 10 Prozent Lernende gibt, welche die Berufsmatura absolvieren könnten, ein Drittel der Betriebsausbildner spricht gar von einem unausgeschöpften Potenzial von bis zu 20 Prozent. Eine Motion von 39 Nationalräten verlangte vom Bundesrat, dass er das Recht der Lernenden auf die lehrbegleitende Berufsmatura wieder einführen soll. Dieses Recht wurde 2004 abgeschafft. Im Februar 2016 wurde sie vom Rat abgelehnt.

Die Verlagerung der BM1 zur BM2 bedeutet nicht zuletzt auch einen Abbau an Chancengleichheit. Denn die lehrbegleitende Berufsmatura ist kostenlos. Für den Erwerb der BM2 muss man während ein bis eineinhalb Jahren voll oder zum Teil auf Berufstätigkeit verzichten.

Obwohl es die Berufsmatura seit mehr als 20 Jahren gibt, ist sie noch zu wenig bekannt. «Sie wird im Vergleich zur Gymnasialmatura immer noch als zweitklassig wahrgenommen», so Rudolf Strahm. «Dabei liegt die Stärke der Berufsmatura gerade darin, dass sie Allgemeinbildung, Fachunterricht und Betriebspraxis kombiniert», betont er. Recht gibt ihm der Erfolg der «Wissenspraktiker» im Arbeitsmarkt: nach der Fachhochschule verdienen sie etwa gleich viel wie Uniabgänger. Mit der schwindenden Unterstützung durch einen Teil der Wirtschaft wird nun die berufliche Reife abgewertet, was auch, wie das Beispiel von Martin Brunner zeigt, zum Berufsausstieg führen kann.

*Name geändert

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