Berühmt wurde das T-Shirt durch eine Ungerechtigkeit. Oder eine Fehlinterpretation eines Theaterstücks. Es ist ja anzunehmen, dass wir nicht wissen, was uns der Autor Tennessee Williams mit seinem Stück «A Streetcar Named Desire» («Endstation Sehnsucht») wirklich sagen wollte.

Wäre das, was uns Autoren sagen wollen, das, was wir in ihren Büchern lesen, gäbe es wohl keine Literatur. Und umgekehrt gilt der Satz natürlich auch. Wäre das, was wir lesen, das, was uns der Autor wirklich sagen wollte, würden Horden von Deutschlehrern arbeitslos.

Worum geht es in diesem Stück? Es geht nicht ums T-Shirt, das wird erst berühmt durch den Film. Aber ohne das T-Shirt wäre der Film nicht das geworden, was er wurde. Das Stück von Tennessee Williams funktioniert auch ohne T-Shirt. Aber nachdem Regisseur Elia Kazan seine eigene Broadway-Produktion verfilmt hatte, redete man nur noch vom Mann und seinem Shirt.

Der Titel mit dem «Tram des Verlangens», mit dem die Hauptfigur am Anfang des Stücks in die Stadt fährt, zeigt klar, dass eigentlich Blanche DuBois die Hauptfigur gewesen wäre. Ihre Idylle der Südstaaten-Lady wird vom Mann ihrer Schwester in der Stadt gründlich demontiert.

Dieser Stanley Kowalski ist polnischer Einwanderer, arbeitet mit den Händen und spielt den Rüpel, um ihr pseudoaristokratisches Image zu zerdeppern. Im Film spielt Vivien Leigh, die man aus dem Südstaaten-Epos «Vom Winde verweht» kennt, die Blanche. Stanley Kowalski ist Marlon Brando.

T-Shirt, nicht Blaumann

Die Ungerechtigkeit ist nun die, dass der Mann, die Figur, die dramaturgisch als «Abrissbirne» fungieren sollte, die gute Blanche völlig ins Offside spielt. Brando machte diesen Film zu seinem, und das T-Shirt spielt eine wichtige Rolle: Brando im Anzug mit Schlips und Kragen – das hätte nie funktioniert. Wahrscheinlich auch nicht im Blaumann, obwohl diese Aufmachung die Idee von Tennessee Williams vielleicht besser wiedergegeben hätte.

Aber Brando, meist verschwitzt, in diesem engen Leibchen mit den zu kurzen Ärmeln, sodass man den Bizeps sah, raubte nicht nur Frauen den Atem. Das Leibchen war so nicht zu kaufen. Die Fama will, dass es unzählige Male zu heiss gewaschen werden musste, andere wollen sogar wissen, dass man am Rücken einen Streifen rausschneiden und den Rest wieder zusammennähen musste. Vielleicht ist Letzteres übertrieben, aber manipuliert wurde allemal.

Dabei hatte Brando solche Tricks eigentlich nicht nötig. Er besass ohnehin eine beeindruckende Bühnen- und Leinwandpräsenz. Meterweise Bücher wurden vollphilosophiert über das «Method Acting», eine damalige Mode der Schauspielkunst. Mit der Psychoanalyse gemeinsam hat sie, dass eigene Erfahrungen und Erlebnisse «wiederholt» werden. Man kann nur das spielen, was man auch persönlich erlebt hat.

Die Psychoanalyse holt verdrängte Erlebnisse aus der Kindheit wieder an die Bewusstseins-Oberfläche. «Method Acting» bringt die Persönlichkeit des Schauspielers ins Spiel. Brando wird nachgesagt, dass er seine ursprüngliche Unsicherheit durch Grobschlächtigkeit überspielen musste. Insofern ist er in «Endstation Sehnsucht» mit sich selbst konfrontiert.

Das enge T-Shirt ist dann die letzte dünne Haut, die das Innen vom Aussen trennt. Das Unterhemd bedeutet Ausgezogenheit, Ausgesetztheit. Durch Brandos Spiel wurde das T-Shirt aber unvermittelt zum Macho-Marker.

Helden im Zivilleben

In den 1950er-Jahren war man nicht nur in Amerika auf der Suche nach einer männlichen Identität. Der Krieg war vorbei, die Helden wieder im Zivilleben. Die jüngere Generation, der die Schlachtfelder erspart worden waren, wurde rebellisch. Brando, geboren 1924, war bereits Mitte zwanzig (der Film entstand 1951), ein Teenieschwarm war nicht unbedingt das, was er zu sein erstrebte.

Sein Kollege James Dean (1931–1955) wurde es. Im Jugend-Rebellen-Drama «Rebel without a Cause» («Denn sie wissen nicht, was sie tun») unter der Regie von Nicholas Ray spielt auch er im T-Shirt. Es war schon eine Art Uniform. Der Film blieb auch in Erinnerung wegen des «chicken run», dieses blödsinnigen Mutspiels mit dem Auto.

Jimmy Dean soll den älteren Brando verehrt haben (zwei Autoren haben den beiden in einer Dean-Biografie gar eine Affäre zugeschrieben), und wenn man ihn spielen sieht, kann man schon auf den Gedanken kommen, hier möchte einer Brando sein. Dass Dean mehr konnte als Halbstarke spielen – in reality war er vermutlich wilder als in fiction –, hatte er in «East of Eden» («Jenseits von Eden», 1955, ebenfalls von Elia Kazan) gezeigt.

Die Leute tragen natürlich das, was Mode ist. Oder ist es Mode, was die Leute tragen? Auf jeden Fall scheint das T-Shirt mehr auszudrücken als nur einen Trend. Wie alle praktischen Dinge ist sein Ursprung nicht ganz klar. Seeleute sollen es unter ihren Jacken getragen haben.

An Land trug niemand etwas unter dem Hemd. Das eigentliche Oberkörperbekleidungsstück war der Rock. Die Schweizer Armee schuf in den 1970er-Jahren die «Antwort» auf das T-Shirt: das sogenannte «Gnägi-Liibli». In Zivil trug der Schweizer allenfalls das ärmellose «Turnerliibli».

Beim «Turnerliibli» wäre einem jungen Menschen nie in den Sinn gekommen, dass man es auch ohne etwas drüber tragen könnte. Beim T-Shirt aber schon. In den USA trugen es auch die «Büezer» während der Depression. Da hatte es bereits Signalcharakter. «Army style T-Shirts» wurden in den USA ab 1941 als Freizeitkleidung verkauft.

Dass das Duo Brando/Dean es zum Rebellen-Outfit machen sollte, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Aber dass es die GIs trugen, vermittelte schon Männlichkeit und Heldentum. Mit dem Kaugummi wurde es zum Symbol des «American Way of Life». Und mit den Jeans, die auch eine «Kontext-Überschreitung» erfuhren von strapazierbaren Arbeitshosen zum Freizeitlook.

Auch Kleidung kennt eine Logik. Der Rock schützt gegen aussen. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden Kittel und Rock obsolet. Man spricht von einer «Wende», das Innere kehrte sich nach aussen. Man trug jetzt Unterwäsche. Das ging nicht ganz ohne Lärm. Aber der Skandal ist eher darauf zurückzuführen, ob man im T-Shirt noch die Unterwäsche sah und nicht bereits das coole Allzweck-Kleidungsstück für die Jungen.

Auch die Unterhose

Unterwäsche hat sowieso eine spannende Geschichte. Das Unternehmen JSA Sallmann AG aus Amriswil machte nach dem Krieg mit der Unterhose die Schweiz verrückt. Körperhygiene, Tragkomfort und Waschbarkeit wurden gebündelt und mit der Kollektion JSA-Everyman zu einer Marke, die auch in Sachen Werbung und Marketing neue Wege beschritt.

Ansprechperson war der «sozial-flexible Allerweltsmann ohne Oberschichtsallüren». Die Reklame erregte die Gemüter. In Zeichnungen sah man gutgebaute, munter hüpfende Männer. «Können Sie Ihre JSA-Reklame nicht etwas anständiger halten? Ist es notwendig, dass die Geschlechtspartie so hervorsteht? Sie sollten wissen, dass junge Leute auch Zeitung lesen.» Die «NZZ» lehnte das Weihnachtsinserat ab. Das war 1950.

Aber das Wichtigste war: JSA macht die T-Shirts farbig. Weisse T-Shirts trugen dann fast nur noch die Schwinger.