Zu Hause bei

Bettina Spoerri: Viel Raum für Gedanken

«Krimskrams ertrage ich nicht, nur Bücher, Filme und CDs dürfen sich bei mir ausbreiten», sagt Literaturvermittlerin Bettina Spoerri. annika bütschi

«Krimskrams ertrage ich nicht, nur Bücher, Filme und CDs dürfen sich bei mir ausbreiten», sagt Literaturvermittlerin Bettina Spoerri. annika bütschi

Seit Anfang Oktober leitet Bettina Spoerri (45) das Aargauer Literaturhaus, vor kurzem ist ihr Romandebüt erschienen. Die Kultur ist auch in ihrem Daheim in Zürich allgegenwärtig, wosie sich mit ihrem Ehemann, dem Filmregisseur Matthias von Gunten, zwei Wohnungen teilt.

Zwischen jüdischem Gebetshaus und Moschee, tibetischem Restaurant und persischem Imbiss: Bettina Spoerri lebt seit 15 Jahren im Zürcher Kreis 3, wo sich orthodoxe Juden, Künstler und Studenten zu einem bunten Kosmos mischen. «Ich bin hier im Bermudadreieck von all dem umgeben, was mich glücklich macht», sagt die Autorin augenzwinkernd bei einem Tee in der Küche ihrer Dreizimmerwohnung. «Die Durchmischung und Lebendigkeit des Quartiers gefallen mir. Ich kann mich hier in ganz unterschiedlichen Biotopen bewegen.»

Die Literaturwissenschafterin ist selbst eine Kosmopolitin: Sie hat in London, Paris, Berlin, Jerusalem und Tel Aviv gelebt und ist von den jüdischen Wurzeln ihres Vaters geprägt. «Für meine Identifikation ist das Judentum zentral. Ich hab mich schon früh damit beschäftigt.» Im Kreis 3 bewege sie sich oft in jüdischen Kreisen, auch wenn ihr das Fromm-Orthodoxe fremd sei. Auch ihr Roman «Konzert für die Unerschrockenen» thematisiert diese Zugehörigkeitsfrage: Ihre Protagonistin beschäftigt sich nach dem Tod ihrer jüdischen Grosstante mit der Vergangenheit und den Auswirkungen auf ihr eigenes Leben. Die Grundkonstellation des Romans entspreche ihrer eigenen Familiengeschichte, sagt Spoerri. «Dieses Gefühl zwischen Tür und Angel kenne ich selbst.»

Symbole zweier Kulturen

Beim Gespräch fällteine Ecke in der Küche auf, welche die beiden Kulturen symbolisiert, mit denen sie aufgewachsen ist. Zwei Erbstücke stehen da einträchtig nebeneinander: ein Samowar ihrer ukrainisch-jüdischen Urgrosseltern neben einem Kasten mit kleinen Schubladen, die mit «Mehl» und «Zucker» angeschrieben sind. Dieser erinnert sie an lange Backnachmittage mit ihrer Basler Grossmutter.

Ansonsten ist in der Altbau-Wohnung von Spoerris vielen Auslandaufenthalten nicht viel zu sehen. Die Autorin mag es schlicht: Das Schlafzimmer und das Visionierungszimmer, in dem sie sich für ihre Filmrezensionen vorbereitet, sind fast leer. Im Wohn- und Filmzimmer finden sich lediglich ein Fernsehbildschirm, ein Beamer, ein Büchergestell und ein einzelner Sessel aus der limitierten Moser-Edition. Hier herrscht viel Raum für Gedanken. «Ich kann nicht klar denken, wenn es ringsum überquillt. Krimskrams ertrage ich nicht», sagt sie. «Nur Bücher, Filme und CDs dürfen sich ausbreiten.» So ist denn auch das Schreibzimmer der lebendigste Raum, der von ihrer vielfältigen kulturellen Tätigkeit zeugt: Auf dem eleganten Eiermann-Schreibtisch und den Regalen stapeln sich die Bücher, am Boden liegen Kisten mit ihrem druckfrischen Roman und an der Wand sind ihre fotografischen Arbeiten mit dazu passenden Gedichten zu sehen.

Jeder hat seine Wohnung

Die Leere in den andern Räumen mag auch daran liegen, dass gleich gegenüber ihr frischgebackener Ehemann lebt, mit dem sie sich die beiden Wohnungen teilt. Seit knapp sechs Jahren ist sie mit dem Filmregisseur Matthias von Gunten zusammen, seit Juni sind sie verheiratet. Als die Wohnung nebenan frei wurde, habe sie sofort zugepackt. Seither switchen die beiden zwischen den Wohnungen, besuchen sich gegenseitig zum Filmeschauen oder kochen. Ein Strahlen huscht über ihr Gesicht, wenn sie vom künstlerischen Austausch mit ihrem Mann erzählt. «Wir brauchen beide unseren Raum zum Arbeiten, daher ist es so ideal.»

Ihr Heim nutzt sie vor allem als Arbeitsort. In Planung ist ein neuer Roman, in dem sie aus Kindersicht von einer Mutter mit bipolarer Störung erzählt. Wie für ihr erstes Werk ist sie bereits wieder in ausgiebige Recherchearbeiten vertieft.

Die restliche Arbeitszeit verbringt sie im Aargauer Literaturhaus, dem sie zu nationaler Ausstrahlung verhelfen will. Sie schwärmt vom guten Geist, der im Haus herrscht, und vom intensiven Austausch mit Autorinnen und Autoren. Nach dem aufreibenden Jahr als Leiterin bei den Solothurner Literaturtagen kann sie nun sagen: «Dieses Literaturhaus leiten zu dürfen, ist für mich wie das Gefühl, endlich am richtigen Ort angekommen zu sein.»

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