Neustart-Kongress
Berliner Autorin spricht in der Basler Markthalle: «Scheitern ist im Leben notwenig»

Natalie Knapp* referiert am Neustart-Kongress über Krisenzeiten als Voraussetzung für eine bessere Zukunft. Die Berliner Philosophin und Erfolgsautorin im Gespräch mit Tara Hill über Shitstorms, Yogakurse und den «Zeitlupeneffekt» im eigenen Leben.

Tara Hill
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Die Berliner Autorin Natalie Knapp referiert heute in der Markthalle in Basel.

Die Berliner Autorin Natalie Knapp referiert heute in der Markthalle in Basel.

zvg

Frau Knapp, Sie sprechen am «Neustart»-Kongress zum Thema «Mit der Unsicherheit Freundschaft schliessen». Was verunsichert Sie selbst zurzeit am meisten?

Kurz gesagt eine Verrohung der Sitten. Zwischenmenschliche Standards werden mehr und mehr in Frage gestellt, Höflichkeit und Respekt im Zeitalter des Internet zunehmend prekär oder umgedeutet.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Wenn Menschen etwa an Unfallstellen mit dem Handy filmen statt zu helfen und diese Filme dann ohne nachzudenken ins Netz laden.

Spüren Sie zurzeit also eine Rückkehr zum «Jeder gegen Jeden», zur Barbarei?

Eher eine Regression. Es geht um eine unausgesprochene gesellschaftliche Übereinkunft, die ins Wanken gerät. Der Vertrauensvorschuss, die Grundlage des sozialen Lebens bildet, bröckelt. Nochmals das Beispiel Internet: Seit ungefähr einem Jahrzehnt ist es für eine Mehrheit der Gesellschaft möglich geworden, ständig zu kommunizieren, ohne den Gegenüber menschlich wahrzunehmen. Also eine Art Kommunikation ohne Angesicht zu Angesicht. Das heisst, was das eigene Tun oder Sagen bewirkt, wird dem Einzelnen nicht mehr klar – er kann dies völlig ausblenden.

Sprechen Sie da Phänomene wie Trolling oder Shitstorms an?

Genau. Hierbei entladen sich bei vielen niedere Instinkte, weil man sich dem Gegenüber im virtuellen Raum des Netzes nicht mehr persönlich zu rechtfertigen muss. Das begünstigt regressive und reaktionäre Verhaltensmuster.

Führt dies auch zu einer gesamtgesellschaftlichen Verunsicherung?

Allerdings! Mit «Verunsicherung» meine ich allerdings weniger die analytische Ebene. Es handelt sich vielmehr um ein subjektives Lebensgefühl. Denn angesichts globaler Probleme wie Klimawandel, Ressourcenkriege oder Terror fühlt sich der einzelne oft hilflos. Gleichzeitig führen Ängste bezüglich des sozialen Abstiegs – etwa durch Rentenkürzungen, prekäre Arbeitsstellen oder Armut – zu einem reaktiven Verhalten. Bisherige intellektuelle Gewohnheiten werden obsolet, was Ressentiments und simple Parolen bestärkt.

Sie sprechen den Rechtspopulismus einer AFD an?

Zum Beispiel. Bei der Angst vor Zuwanderung handelt sich aber um ein europaweites Problem. Hierbei dominieren starke Bedrohungsgefühle beim Einzelnen: Es geht scheinbar quasi ans Eingemachte.

Dominiert eine «Früher war alles besser»-Haltung?

Zum Teil. Es herrscht der Wunsch nach einer starken Familie, einem starken Staat, oder scharfen Regelungen und Gesetzen. EIne klassisch konservative Reaktion also.

Haben Sie dafür Verständnis?

Sicher! Doch es darf nicht zu einer Erstarkung der reaktionären Haltungen führen, welche den Boden der NS-Zeit bildeten. Hier sehe ich eine reelle Gefahr der rechten Strömungen in ganz Europa. Aber gleichzeitig zeigt uns die Gegenwart auch ein anderes, hoffnungsvolleres Gesamtbild: Die Globalisierung führt weltweit zu neuen Realitäten, im «Global Village» wächst alles zusammen. Diese Entwicklung benötigt mehr Weltoffenheit, mehr Feingefühl, ein neues Verständnis unseres Zusammenlebens und der Glaube an eine bessere Zukunft.

2015 erschien zum Thema Verunsicherung Ihr Werk «Der unendliche Augenblick. Warum Zeiten der Unsicherheit so wertvoll sind.» Kann man das zu «Krise als Chance» verdichten?

Das scheint etwas zu kurz gegriffen. Ich würde sagen: Nicht Krise, sondern gutes Leben als Chance.

Was genau ist wertvoll an unsicheren Zeiten?

Jede Krise öffnet auch die Augen für die Ungeheuerlichkeit der Normalität, für das Wunder des Lebens und der Schöpfung. Erst wenn unser Alltag brüchig wird, wird man sich dessen unendlicher Komplexität bewusst: Es hätte alles auch ganz anders kommen können.

Eröffnet sich einem darin also eine Art «tieferer Sinn»?

Hm, das weiss ich nicht, das kann ich nicht wissen. Ich halte mich hier mehr an die philosophische denn an die spirituelle Tradition. Ich würde sagen: Das Leben ist ein Mysterium, das sich nur über das «Nicht-Wissen» eröffnet.

Es braucht also ein gewisses Mass an Unsicherheit im Leben.

Nicht nur da. Auch im sozialen Bereich: Wenn wir die Unsicherheit abschaffen wollen, führt dies zu einer Erstarrung des gesellschaftlichen Lebens. Zu viel Sicherheit ist der Tod jeder Entwicklung. Verunsicherung bedeutet hier eben auch ein kreatives Potential: Es eröffnet sich ein neuer Weg. Wie in der Natur. Denn die Natur kennt bekanntlich kein Scheitern.

Sollten wir uns die Natur zum Vorbild nehmen?

Richtig. Denn jede Freiheit hängt vom Scheitern ab. Was wir ändern sollten ist die Bewertung des Scheiterns. Das Leben beinhält nämlich eine gewisse Notwendigkeit des Scheiterns: Die Prüfung, die man nicht geschafft hat, der Job, den man nicht erhalten hat oder eine unglückliche Liebe: Alles sind wertvolle Erfahrungen, die – zum guten gewendet – dazu führen, dass man den tieferen Wert des Lebens versteht. Man könnte dies auch schlicht «Evolution» durch «Trial and Error» nennen.

Was würden Sie also jemandem raten, der gerade gescheitert ist?

Ich gebe nicht gerne Ratschläge! Ich würde Ihnen aber vielleicht raten, dieses Scheitern als Samenkorn für etwas Neues zu sehen. Einen neuen Lebenspfad, eine komplette Neuorientierung, die längerfritiges Glück bringen kann. Grundsätzlich möchte ich mit meiner Arbeit ­Menschen Mut machen, sich gerade in diesen instabilen Zeiten mit der kreativen Kraft des Lebens zu verbünden. Mutig sein heisst dabei nicht kühn, sondern wirklich zu erleben, was in jedem Augenblick passiert.

Können Sie das konkreter fassen?

Wer mit Menschen in einer Krise arbeitet, weiss, dass kleine Bewältigungsstrategien das A und O sind. Das sind Mini-Handlungen wie Innehalten und in sich reinhören, warmes Wasser über die Hände laufen lassen, oder Momente, an denen es einem ein klein wenig besser geht, bewusst geniessen – und danach im Gedächtnis oder schriftlich festhalten.

Therapeuten raten einem ja oft zu einem Dankbarkeits-Tagebuch.

Genau. Dankbarkeit hilft, die eigene Wahrnehmung positiv zu wenden: Hin vom Gefühl «Alles ist entsetzlich» zu «Ich kann etwas positiv verändern». Dabei kehrt die Elastizität der Psyche, die Lebendigkeit des Gefühlslebens Schritt für Schritt zurück.

Also ein Plädoyer für mehr Achtsamkeit.

Ja. Denn letzteres ist im Alltag – ohne entsprechende Schulung – für die meisten heute kaum noch möglich. Aber alle Instrumente, die einen verlangsamenden Effekt aufs Zeitgefühl haben, sind ein Gewinn. Es entspricht einem urmenschlichen Bedürfnis: Deshalb sind ja die Yoga-Kurse überall überfüllt. (lacht)

Sind Strategien wie diese Bedingung für einen Neuanfang?

Sie sind sehr heilsam. Es sind simple Minimalismen: MIkroprozesse, wie jeden Tag kurz in der Sonne spazieren zu gehen, und sich über eine Blume zu freuen. Es gilt, nicht Vergangenem oder Gescheitertem nachzuweinen – gleichzeitig sich selber aber auch nicht zu sehr unter Druck zu setzen. Der Körper weiss in einer Krise gemeinhin, wa er braucht. Menschen in einem Trauerprozess – sei dies nun aufgrund eines Todesfalls oder einem persönlichen Scheitern – brauchen vor allem Zeit, um Abschied zu nehmen und viel, viel Erholung.

Votieren Sie für eine neue Form von Trauerarbeit?

Ja! Früher gab es ein sogenanntes «Trauerjahr» für Menschen, die nahe Angehörige verloren haben. Diese Tradition ging leider verloren, wäre aber auf einer breiteren Basis heute wieder sinnvoll. Allerdings gibt es zum Glück immer mehr niederschwellige Hilfsangebote oder Therapien für Krisenzeiten. Wichtig ist oft, dass einem schlicht jemand zuhört. Dass Mitgefühl gezeigt wird. Und Verständnis. Auch wenn jemand 17 Mal dieselbe Geschichte wiedererzählt. Und dann braucht man Hilfe, um Schritt für Schritt aus der Selbstreflektion, die sich oft im Kreis dreht. sowie aus dem Schmerz und der Scham, nicht alles alleine bewältigen zu können, herauszufinden.

Ein Neustart braucht also vor allem Zeit.

Es geht darum, dass sich ein Fenster öffnet. Dass neue Impulse eine Situation befruchten können. Etwa eine Frau, die ich kürzlich kennengelernt habe, deren Geschichte mich sehr berührt hat. Sie hatte bei einem Unfall Mann und Kind verloren – und musste im Anschluss zuerst aus der Schockstarre jenes traumatischen Schicksalsschlags herausfindet. Menschen besitzen allerdings diese ungeheuerliche Gabe, nicht für immer «Was wäre wenn», sondern «So Isses» zu sagen – und damit «Ja» zu einem neuen Leben zu sagen. So hat sie es zusammengefasst, und ihre Biographie erfolgreich zu einem Selbsthilferatgeber verarbeitet. Solche Einsichten bewahren natürlich nicht vor Schmerz und Verzweiflung, aber eröffnet einem die Quelle zu einer neuen Zukunft, wo die eigenen Kräfte wieder zu sprudeln beginnen. Viele Menschen entdecken in solch einschneidenden Wendepunkten ganz neue Fähigkeiten oder Talente, die bisher in ihnen geschlummert haben.

Sie zitieren in Ihrem Titel den «unendlichen Augenblick» – eine Art Zeitlupeneffekt.

EIn Schicksalsschlag führt zu einem völlig veränderten Zeiterleben. Von einer Sekunde auf die andere ist nichts mehr wie vorher. Denn «Zeit» hat bekanntlich nichts mit der Uhr zu tun – es ist der subjektive Takt, der die Wahrnehmung sortiert. Davor waren vielleicht Jahre, wo man in Routine lebte, täglich die «To-Do-Liste» von Kinder, Küche, Karriere abarbeitete – ohne Bewusstsein für die potentielle Einzigartigkeit eines jeden Moments. Also ist nicht Leid der eigentliche Gegenspieler des Glücks, sondern die Banalität des Alltags. Krisen zwingen uns, in der Gegenwart anzukommen, präsent zu sein. Plötzlich fallen die Scheuklappen weg, bekommt das Leben eine schillernde Intensität – voller Schmerz, aber auch voller Schönheit und Tiefe.

Sollen wir das Leben möglichst wieder mit Kindesaugen sehen?

Eine schöne Vorstellung. Kinder haben die Chance, jeden Augenblick als das zu erfahren, was er ist: der Ort, an dem das Leben stattfindet. Im Erwachsenen-Alltag gilt das Fussball-Motto «Ein Spiel dauert 90 Minuten.» Für ein Kind, das sich am Ereignis orientiert, ist dies völlig nebensächlich. Kein Spiel ist wie das Andere. Und Sommerferien dauern bekanntlich unendlich – bis sie plötzlich zuende sind! (lacht) Dann beginnt das neue Schuljahr.

Was können wir uns von Kindern abschauen?

Wir können Ereignis-Inseln schaffen. Sei dies ein Urlaub, eine Reise oder einfach eine Auszeit des bewussten Nichts-Tuns. Oder aber ein grosses Fest, eine Feier, ein Spiel, in der das eigene Leben zelebriert wird. Jeder Moment, der bewusst gelebt wird, ist ein gewonnener Moment.

Aufs «Prinzip Hoffnung» zu setzen gilt gemeinhin als unvernünftige Einstellung. Sie schreiben demgegenüber «Es ist vernünftig, Hoffnung zu haben.» Warum?

Hoffnung meine ich nicht im Sinne von: Rumsitzen und auf das erwünschte Ergebnis zu warten. In dem Sinne ist es mehr als Zweckoptimismus. Hoffnung im Sinne eines Fensters, das sich im Moment des Scheiterns und der Unsicherheit Richtung Zukunft öffnet. Also: Trotz Weltuntergangsstimmung ein Apfelbäumchen pflanzen.

John Lennon wird das Zitat «Everything will be okay in the end. If it's not okay, it's not the end» zugeschrieben. Würden Sie das unterschreiben?

Kommt drauf an. In Bezug aufs einzelne Individuum natürlich nicht – sonst gäbe es keine menschlichen Tragödien. Aber im Sinne eines überindividuellen Erbes schon: Aktuelle Krisen zwingen einen, Verantwortung im Sinne einer gesamtgesellschaftlichen Transformation hin zu einer besseren Welt zu übernehmen.

Also hilft schlussendlich auch eine Vogelperspektive aufs Geschehen?

Ja. Mag das Einzelereignis auch jenseits unserer Kontrolle liegen, produziert das Leben gerade aus diesem Kontrollverlust laufend Überraschungen. Und diese bilden am Ende doch das eigentliche Salz in der Suppe.

*Natalie Knapp hat mit «Kompass neues Denken» (2013) und «Der Quantensprung des Denkens» (2011) zwei philosophische Bestseller gelandet. Die Berliner Autorin arbeitete zuvor ein Jahrzehnt als SWR3-Redakteurin und promovierte in Freiburg im Breisgau über Heidegger, Derrida und Rilke. Als philosophische Lebensberaterin referiert sie am Dienstag zum Thema «Verunsicherung» gemeinsam mit weiteren illustren Gästen wie Richard David Precht, Emil Steinberger und Bernhard Heusler am «Neustart»-Kongress in der Basler Markthalle.

Heute, 9-17.30 Uhr. Basel, Markthalle. «Neustart» Jahresstartkongress des Ausbildungsinstitut Perspectiva. Weitere Infos unter: www.perspectiva.ch

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