Das «Wunder» geschah am 21. September 1948. Vollzogen wurde es an einer Amerikanerin, die seit viereinhalb Jahren an einer chronischen Polyarthritis litt. Die 28-jährige Hausfrau, die sich wegen ihres massiven Gelenkrheumas vor Schmerzen nicht mehr bewegen kann, wird auf einer Trage in die berühmte Mayo-Klinik in Rochester (Minnesota) gebracht. Die Ärzte geben ihr drei Tage lang Spritzen mit einer geheimnisvollen Substanz.

Am Morgen des vierten Tages ereignet sich das Unfassbare: Die Rheumatikerin, die später als «Mrs. G.» berühmt werden sollte, kann sich zum ersten Mal wieder im Bett umdrehen. Am sechsten Tag unternimmt sie den ersten Spaziergang seit Jahren. Die Lahme läuft – dank Kortison!

Die geheimnisvolle Substanz heisst damals noch «Compound E» (= Verbindung E) und ist eines von fünf Hormonen der Nebennierenrinde, die vom Chemiker Edward Calvin Kendall zwölf Jahre zuvor isoliert worden waren.

Schon Kendall attestiert seiner Entdeckung 11-dehydro-17-hydroxycorticosteron eine physiologische Wirksamkeit. Sie zu nutzen, gelingt aber der Medizin erst viel später. Das kristalline Pulver ist zunächst teurer als Gold: Um ganze 50 Gramm davon zu gewinnen, müssen 120 Tonnen tierische Nebennieren extrahiert werden! Ein Gramm des Extrakts kostet 8500 Dollar.

Erst als «Compound E» mithilfe von Pilzkulturen synthetisch hergestellt werden kann, vollzieht Mayo-Rheumatologe Philip Showalter Hench sein berühmt gewordenes Experiment an «Mrs. G.»: Das Supermedikament Kortison hält danach einen triumphalen Einzug in Kliniken und Praxen. Die Kortison-Forscher Kendall, Hench und der Zürcher Mitentdecker Tadeusz Reichstein werden bereits 1950 für ihre Entdeckung mit dem Nobelpreis geehrt.

Siegeszug mit bitteren Folgen

Die anfänglich grenzenlose Begeisterung von Ärzten und Patienten erfuhr aber schon bald einen empfindlichen Dämpfer. Da die Ärzte ihre neue «Wunderwaffe» viel zu häufig und viel zu hoch dosiert verordneten, zeigten sich bereits ab 1950 bei vielen Patienten gravierende Nebenwirkungen.

Die geradezu wundersame entzündungs- und schmerzhemmende Wirkung des Kortisons verlor im Lichte von Knochenschwund, Immunschwäche, Augen- und Muskelschäden mehr und mehr an Glanz. Stattdessen wuchs zunehmend die Furcht vor unliebsamen Nebenwirkungen, von denen Vollmondgesicht, Stammfettsucht, Dehnungsstreifen und papierdünne Haut auch äusserlich sichtbar sind.

Christoph Henzen, Chefarzt Medizin am Luzerner Kantonsspital, führt in Zahlen aus, was Kortison bei hoch dosierter und längerfristiger Anwendung (über drei Monate) bewirken kann: 50 Prozent erleiden osteoporotische Frakturen, 10 Prozent leiden an Grauem Star, 30 Prozent an Diabetes und hohem Blutdruck, 50 bis 75 Prozent erkranken an einer Depression. Und Kinder, denen langfristig Kortison verabreicht wird, hören auf zu wachsen.

Inhaliertes Kortison wirkt anders

Christoph Henzen: «Wichtig zu wissen ist, dass das für geschlucktes (Tabletten) und injiziertes Kortison (Spritzen) gilt. Auch grossflächig aufgetragene Kortisonsalben verdünnen die Haut, sie können vom Körper aufgenommen werden und zu den beschriebenen Nebenwirkungen führen.

Anders verhält es sich bei inhaliertem Kortison, das etwa bei Krankheiten wie Asthma und COPD zur Anwendung kommt.» Beim inhalierten Kortison zeigen sich die erwähnten Nebenwirkungen nicht, da das Kortison nur lokal in den Bronchien wirkt und kaum in den Organismus aufgenommen wird. Asthma- und COPD-Kranke sollten also keinesfalls aus Angst vor Kortison die entsprechenden Medikamente eigenmächtig absetzen.

«Überhaupt ist zu betonen, dass Kortison für einige Krankheiten – insbesondere bei akuten Entzündungsprozessen – absolut lebensrettend und deshalb unverzichtbar ist», sagt Henzen.

Meldungen über unliebsame und teils gefährliche Nebenwirkungen haben in breiten Bevölkerungskreisen aber mittlerweile zu einer Kortison-Phobie geführt. Viele fürchten das Medikament wie der Teufel das Weihwasser. Eine gesunde Skepsis ist angebracht, eine komplette Ablehnung allerdings nicht, gibt es für Kortison doch nach wie vor eine Reihe sinnvoller Einsatzmöglichkeiten: eine unvollständige Liste:

  • Kortison kann bei schwerem Asthma das Leben retten.
  • Es kann bei Gelenkrheuma die Zerstörung der Gelenke bremsen.
  • Es bekämpft lebensgefährliche allergische Schockzustände.
  • Es lindert den unerträglichen Juckreiz bei schweren Hauterkrankungen.
  • Es macht das Leben des Patienten bei der unheilbaren Autoimmunkrankheit Lupus erythematodes erträglich.
  • Es kann bei Empfängern fremder Organe die Abwehr gegen den transplantierten Ersatz unterdrücken.
  • Es kann die Chemotherapie bei krebskranken Menschen erleichtern.
  • Es minimiert das Risiko von bedrohlichen Hirnschwellungen nach schweren Kopfverletzungen.
  • Es beschleunigt die Lungenreifung des ungeborenen Kindes, wenn eine Frühgeburt bevorsteht, und kann so das Leben des Babys retten.

Oft nützt Kortison gar nichts

Kortison einfach nur zu verdammen, ist falsch. Alles hänge von der richtigen Indikation ab. Henzen: «Ich sage den jungen Ärzten immer wieder, dass sie Kortison nur dann einsetzen sollen, wenn eine Wirkung hieb- und stichfest gesichert ist.»

Dass Kortison überhaupt einen sinnvollen Nutzen hat, ist nämlich längst nicht immer der Fall. Im Gegenteil, in den letzten 30, 40 Jahren hat sich gezeigt, dass Kortison bei vielen Krankheiten, gegen die es eingesetzt wird, gar nicht wirkt. Übrigens auch nicht bei der chronischen Polyarthritis: «Mrs. G.», die erste Kortisonpatientin, wurde von akuten Schmerzschüben befreit, nicht aber von ihrer Krankheit.

«Das Einzige, was bei Kortison immer garantiert ist, sind Nebenwirkungen», bringt es Henzen auf den Punkt. Deshalb sei der Kortisoneinsatz immer gut abzuwägen und vor allem auch richtig zu dosieren.

Gleich tönt es zum Beispiel von der Rheumaliga Schweiz. Sie hält fest, dass Glukokortikoide «bei kritischem Gebrauch und in möglichst niedriger Dosierung» für die Behandlung vieler rheumatischer Erkrankungen nach wie vor unumgänglich seien.

Nicht für alle, aber doch für viele Krankheiten, die mit Kortison behandelt wurden, stehen heute neue Medikamente zur Verfügung, sogenannte Biologicals. Ihr Vorteil: Sie können weit gezielter und dadurch auch effektiver eingesetzt werden als Kortison, das einer Ladung Schrot gleich in den Körper gelangt und dort oft mehr Schaden als Nutzen anrichtet.

Trotz möglichen Alternativen: Viele Ärzte verabreichen allzu oft immer noch Kortison, sei es aus Unwissen, sei es aus purer Gewohnheit. Aber spätestens jetzt, im siebzigsten Jahr seiner Praxisanwendung, ist es höchste Zeit, den Kortisoneinsatz zu überdenken und in vernünftige Bahnen zu lenken.

Das heisst: Bei wissenschaftlich erwiesenem Nutzen so kurz und so knapp dosiert wie möglich. Dann und nur dann ist Kortison auch heute noch das, was man sich einst im grossen Stil von ihm versprochen hat: ein Wundermittel.