Interview
Baumwollpflücken in Kirgistan: Was bringen Helvetas-Projektreisen den Menschen vor Ort?

Helvetas lässt Touristen in Kirgistan bei der Baumwollernte mitanpacken. Stefan Stolle von der Entwicklungsorganisation sagt, kein Tourist nehme einem Einheimischen die Arbeit weg.

Ciril Kammermann
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Warum macht eine Hilfsorganisation wie Helvetas auf einmal Tourismus?

Stefan Stolle*: Verantwortungsvoller Tourismus ist für die lokale Bevölkerung eine Entwicklungschance. Er schafft Arbeitsplätze. Wir verstehen unser Angebot als Begegnungsreisen; im Zentrum steht der kulturelle Austausch. Davon profitieren Reisende sowie Gastgeber. Solche Begegnungen fördern die Solidarität mit der Bevölkerung im Destinationsland.

Hierzulande ist «Voluntourismus» wenig verbreitet. Wo ist das anders?

Unter «Voluntourismus» versteht man Arbeitseinsätze in anderen Ländern; das ist nicht gleichzusetzen mit unseren Begegnungsreisen: Helvetas-Reisende können bei Arbeiten mithelfen, dies steht aber nicht im Zentrum. In England, Deutschland und den USA ist «Voluntourismus» schon länger beliebt.

Stefan Stolle.

Stefan Stolle.

zvg

Können Begegnungsreisen in der Schweiz zum Trend werden?

Gemäss Schätzungen leisten weltweit jährlich 1,5 Millionen Frauen und Männer Hilfseinsätze während ihrer Reisen. Das Interesse an Auslandreisen, die man nicht nur in der Hängematte verbringt, steigt auch in der Schweiz. Es entspricht einem wachsenden Bedürfnis, sich sinnvoll zu engagieren; das verlangt aber auch nach Angeboten, die sorgfältig durchdacht und für alle Beteiligten konzipiert sind.

Was bringen Helvetas-Projektreisen den Menschen vor Ort?

Das Zusammensein mit den Reisenden öffnet der lokalen Bevölkerung ein Fenster in unsere Kultur. Aus Erfahrung und Rückmeldungen wissen wir, dass viele Gastgeberfamilien stolz darauf sind, ihren Alltag zu teilen. Die Bauern werden für Unterkunft und Verpflegung fair bezahlt. Darüber hinaus profitiert das Destinationsland wirtschaftlich von der Förderung eines nachhaltigen Tourismus. Das Reiseangebot dient nicht der Generierung von Einkommen für Helvetas.

Besteht nicht die Gefahr, dass einheimischen Kräften Arbeit weggenommen wird?

Nein. Wir achteten von Beginn an darauf, dass genau dies nicht geschieht. Die Reisenden erhalten Einblick in Entwicklungsprojekte und erleben, wie Hilfe zur Selbsthilfe funktioniert. Wenn sie bei der Baumwollernte mit anpacken, geht es eher um die Erfahrung, wie sich die Arbeit anfühlt.

Kann der Einsatz unbequem werden?

Die Unterkünfte und sanitären Anlagen bei den Bauernfamilien sind nicht wie hierzulande. Es ist uns wichtig, dass die Teilnehmer nicht mit falschen Erwartungen aufbrechen. Deshalb findet vor jeder Reise ein ausführliches Informationstreffen statt.

* Stefan Stolle (52) ist Geschäftsleitungsmitglied von Helvetas.

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