Medizin
Autismus und tieferer IQ: Alte Väter sind schlecht für das Kinderhirn

Kinder von späten Vätern leiden häufiger an Autismus und bleiben in der Intelligenzentwicklung zurück. Zudem steigt im Alter das Risiko für Fehlgeburten. Grund dafür ist die ständige Teilung der Stammzellen.

Jörg Zittlau
Drucken
Teilen
Wahrscheinlich war noch kein Vater bei der Zeugung seines Kindes so alt wie der 96-jährige Ramjeet Raghav aus Indien.Sagar Kaul

Wahrscheinlich war noch kein Vater bei der Zeugung seines Kindes so alt wie der 96-jährige Ramjeet Raghav aus Indien.Sagar Kaul

Die Ärzte im Krankenhaus von Delhi lachen, als ihnen Ramjeet Raghav sein Alter berichtet: 96 Jahre – und seine Frau Shakuntala hat gerade seinen zweiten Sohn zur Welt gebracht.

Der Bauer aus dem nordindischen Dorf Kharkhoda ist damit der aktuell wohl älteste Mann, dessen Frau gerade ein Kind bekommen hat. Alle sind wohlauf, und Ramjeetist zuversichtlich, dass es so bleiben wird.

Doch auch in der Schweiz werden immer mehr Kinder von späten Vätern gezeugt. Letztes Jahr kamen hierzulande 1265 Babys mit einem Papi jenseits der 50 auf die Welt – so viele wie noch nie.

Die Ü50-Väter fühlen sich in der Regel fit – und gehen davon aus, dass ihr Nachwuchs gesundheitlich nichts zu befürchten hat. Doch in dieser Hinsicht sollte er womöglich nicht zu optimistisch sein.

Denn auch wenn Männer prinzipiell bis ins hohe Alter hinein zeugungsfähig sind, ist die späte Vaterschaft für den Nachwuchs durchaus ein Risiko.

«Die Gesellschaft hat sich auf das Alter der Mutter fokussiert», erklärt der isländische Genetiker Kari Stefansson, «doch wenn man vom Downsyndrom absieht, liegen die grossen Risiken für den Nachwuchs, etwa bei Erkrankungen wie Schizophrenie und Autismus, im Alter des Vaters».

Der Grund: Die Gesetze der Genetik gelten auch für Männer. Und dies bedeute, dass gerade sie Mutationen an den Nachwuchs weitergeben.

Jede Zellteilung birgt Risiken

Denn während die Eizellen einer Frau zusammen mit ihr altern, bilden sich die Keimzellen des Mannes immer wieder neu. Das erinnert zwar zunächst an die Fliessbandproduktion der Autoindustrie, an deren Ende stets neue Exemplare herauskommen, bedeutet jedoch für die Spermienproduktion, dass sich die dafür zuständigen Stammzellen immer wieder neu teilen müssen.

Bei einem 50-jährigen Mann haben sie fast 900 Teilungen hinter sich, und weil jede einzelne davon prinzipiell bedeutet, dass Erbgut fehlerhaft kopiert und aufgeteilt werden kann, heisst dies: Je älter der Mann, umso grösser das Risiko, dass er seinem Nachwuchs defektes Genmaterial mitgibt.

Ein 20-jähriger Vater überträgt ungefähr 25 neue Mutationen auf sein Kind. Beim 40-jährigen sind es schon 65. «Und wir glauben, dass sich die Rate jenseits des 40. Lebensjahres noch weiter erhöht», sagt Stefansson.

Meistens bliebe das ohne Folgen, es erhöhe sogar die genetische Vielfalt. Manchmal aber auch nicht. Stefansson und sein Team entschlüsselten das Erbgut von 78 Eltern-Kind-Paaren. Dabei konnten sie 97 Prozent der bei den Kindern auftretenden Mutationen über das Alter der Väter erklären.

Wie sich das konkret auf ein bestimmtes Krankheitsrisiko auswirken kann, zeigt das Beispiel des Autismus. «Seit 1970 hat die Zahl der älteren Väter in den Industrienationen rapide zugenommen», berichtet Stefansson, «und die Zahl autistischer Störungen hat sich fast parallel dazu entwickelt.»

Mehr Autismus wegen alter Väter

Dass dies kein Zufall ist, bestätigt eine Studie aus Israel, die an über 400 000 Jugendlichen durchgeführt wurde. Demnach wächst das Risiko eines Mannes, ein autistisches Kind zu bekommen, bis zum 50. Lebensjahr von 6 zu 10 000 auf 5 zu 1000. Von den Kindern der Senior-Väter erkrankt also im Durchschnitt eines von 200 an Autismus.

Ähnliche Zusammenhänge werden mittlerweile auch für Schizophrenie und Depressionen vermutet. Das ist für den Evolutionsbiologen Alexej Kondrahov von der University of Michigan nicht erstaunlich: «Denn im Gehirn werden mehr Gene abgelesen als in jedem anderen Organ.»

Wenn also bei der männlichen Keimzellenentwicklung ein genetischer Defekt passiert, dürfte er sich vor allem im Gehirn und damit auch im Verhalten bemerkbar machen.

Australische Forscher fanden sogar Hinweise darauf, dass der von älteren Vätern gezeugte Nachwuchs in der Intelligenzentwicklung zurückbleibt.

In gängigen IQ-Messungen schnitt er bis zum Alter von sieben Jahren im Durchschnitt schlechter ab als die Kinder von 20-jährigen Männern. Bei einem der Tests lag der Unterschied bei fast sechs Punkten – das ist eine sehr deutliche Differenz.

Das familiäre Erziehungs- und Bildungsmilieu kann man als Ursache für diese Differenz ausschliessen. Denn ältere Väter sind meistens finanziell und bildungsmässig gut ausgestattet, und man bescheinigt ihnen in der Regel auch, dass sie sich besonders intensiv und konstruktiv mit ihren Kindern auseinandersetzen.

Dass diese trotzdem einen geringeren IQ entwickeln, muss also mit dem geschädigten Erbgut im altväterlichen Keimzellenbestand zu tun haben.

Risiko für Fehlgeburten steigt

Möglich, dass die Kinder nach dem siebten Lebensjahr im IQ wieder zu den anderen aufschliessen. Sicher ist das aber nicht. Dafür bestehen kaum noch Zweifel daran, dass mit dem Alter des Vaters auch das Risiko für Früh- und Fehlgeburten ansteigt – vor allem dann, wenn die Mutter ebenfalls über 30 Jahre alt ist.

Ausserdem gibt es Indizien dafür, dass die Kinder alter Väter später eher unter Multipler Sklerose, Epilepsie sowie Lungen- und Prostatakrebs leiden. «Hierbei muss allerdings hervorgehoben werden», betont der Androloge Eberhard Nieschlag von der Wilhelms-Universität in Münster, «dass es sich um statistisch wahrscheinliche, aber doch sehr geringe Risikosteigerungen handelt.»

Zusammengenommen ist eine späte Vaterschaft für das Kind aber dennoch keinesfalls unproblematisch. Evolutionsbiologe Kondrahov rät daher Männern, ihr Sperma gegebenenfalls bereits in frühen Jahren für seinen späteren Einsatz einzufrieren.

Die Samenzellen verlieren zwar während ihres Kälteschlafs etwas an Beweglichkeit, doch ansonsten behalten sie ihre Fruchtbarkeit.

Und auch ältere Väter behalten ihre körperliche Agilität – zumindest verglichen mit den gleichaltrigen kinderlosen Männern. Laut einer aktuellen Studie der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit leiden sie nämlich nur halb so oft unter Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie andere Männer ihres Alters.

Der Grund: Späte Väter achten mehr auf ihre Gesundheit, gehen öfter zu Vorsorgeuntersuchungen, rauchen seltener und treiben mehr Sport. Denn sie wollen ja ihrem Nachwuchs so lange wie möglich Beistand geben.

Der 96-jährige Ramjeet glaubt fest daran, dass er noch erleben wird, wie sein jüngster Sohn ins Berufsleben einsteigt. Aber weiteren Nachwuchs plant er nicht. Denn Kinder, so sein Fazit, seien zwar ein Segen, aber auch ganz schön teuer.

Aktuelle Nachrichten