Die Schmorbraten-Cappelletti werden in einer rustikalen Tonschale serviert und sind schnell weg, ebenso die gerösteten Blumenkohlröschen. Quer über den Tisch bedienen sich alle aus den Tellern in der Mitte – Vorspeisen, Hauptgericht und Beilagen.

Jeder greift zu und nimmt, wonach er gerade Lust hat, ohne dass er sich dafür erklären muss. Manches wird mit blosser Hand genommen, wie das Brot mit der Tunke – so wie zu Hause eben. Es wird diskutiert und schnabuliert, bis sich alle zufrieden zurücklehnen. Ein zufriedenes Mmmh geht durch die Runde. Wir befinden uns in der «Bauernschänke» im Zürcher Niederdorf und geniessen mit Freunden ein Sharing Dinner.

Nicht nur in der Limmatstadt – aber vor allem dort – scheint dieses Gastrokonzept derzeit im Trend zu liegen. Von Arosa bis Winterthur, von Freiburg bis Biel – quer durchs Land setzen bewährte Restaurants und Neueröffnungen auf Food-Sharing. Darunter Restaurants der gehobenen Gastronomie, etwa das «Igniv» in Bad Ragaz oder das «Oliv» in Basel.

Das heisst, es wird nicht mehr jeder Gast wie üblich mit einem eigenen Tellergericht bedient, sondern man stellt die Teller in die Mitte, und jeder bedient sich nach Lust und Laune selber. Natürlich klingt der angelsächsische Begriff cooler als «darf ich mal von deinem Gericht probieren?».

Mehr menschliche Nähe

Eine gastronomische Innovation sind diese Sharing Plates freilich nicht: In Spanien kennt man die Tapas, in Italien die Tavolata und im Nahen Osten die Mezze. Und eigentlich kennen wir das ja auch in der Schweiz: Beim Fondue halten alle ihre Gabeln in denselben Topf, und beim Raclette bedient sich jeder mit Kartoffeln und Käse von der gleichen Platte.

Wieso gerade jetzt das Food-Sharing so populär wird, erklärt sich Susan Shaw, Trendforscherin und Geschäftsführerin des Marktforschungsunternehmens GIM Suisse AG, wie folgt: «In Zeiten der Globalisierung und Digitalisierung beobachten wir einen Trend zurück, eine Sehnsucht zu menschlicher Nähe, der Geborgenheit im vertrauten, familiären oder freundschaftlichen Rahmen. Da möchten wir bei einem so sozialen Event wie dem Essen wieder mehr menschlichen Austausch, Sinnlichkeit und Genuss spüren.»

Zudem möchte der Gast immer mal wieder etwas Neues erleben. Tatsächlich ist es so, dass die von der GIM Suisse AG durchgeführte Studie «Darum isst die Schweiz!» aufzeigt, dass das Thema des gemeinsamen Essens hoch im Kurs liegt. So stehen der gemeinsame Genuss mit gutem Essen (15 Prozent) sowie das gemeinsame Alltagsessen in gemütlicher Gemeinsamkeit (12 Prozent) ganz vorne auf der Rangliste bei der Frage nach der Motivation der Mahlzeit.

Für die Studie wurden in einer repräsentativen Online-Befragung über 1000 Personen ab 18 Jahren aus der Deutsch- und Westschweiz befragt. Shaw bezeichnet das gemeinsame Essen auch als sozialen Akt, «den wir vielleicht sonst in anderen Bereichen immer mehr vermissen». Man reicht sich die Speisen, empfiehlt etwas, nimmt Rücksicht auf andere, schöpft sich nicht alles, fragt nach, ob jemand noch etwas will.

Da eignen sich natürlich Formen wie die Sharing Plates bestens. Und sie sind nicht beschränkt auf die mediterrane oder levantinische Küche, sondern funktionieren bestens auch mit regionalen Spezialitäten. Neben der gesellschaftlichen Komponente hat diese Art des Essens noch einen Aspekt, der unserer Multiple-Choice-Gesellschaft entgegenkommt: Sich aus der Fülle von Speisen für ein einziges Gericht zu entscheiden, ist manchmal schwierig. Und vielleicht ist man auch gerade nicht so besonders hungrig. Viel verlockender ist es da, verschiedene Häppchen probieren zu können – und sich dann darüber zu unterhalten.

Das war für Nenad Mlinarevic, der zusammen mit Valentin Diem und Patrick Schindler im vergangenen Jahr die «Bauernschänke» eröffnete, ausschlaggebend. «Teilen finde ich cool, weil dadurch ein Austausch unter den Essenden stattfindet und man gleich mehrere Gerichte ausprobieren kann – auch solche, die man sonst vielleicht nicht bestellt hätte», erklärt der Gault-Millau-Koch des Jahres 2016.

In der Tat ist es so, dass die Gäste ihr Essen besser dosieren können – und auch mal etwas Neues wagen. «Die Hemmschwelle ist definitiv kleiner, etwas auszuprobieren, ohne dass man grad einen ganzen Teller davon essen muss», meint Susan Shaw. Wenn man es nicht mag, freut sich ja vielleicht der Tischnachbar. Klar, dass so auch ein Teil des Foodwaste verhindert werden kann. Eine Win-win-Situation also.

Nicht ganz. Denn – und da wären wir gleich beim grössten Nachteil von Food-Sharing – manchmal möchte man ja nicht unbedingt ein Gericht teilen, weil man eben lieber die Portion Osso Bucco allein vertilgen will. Da muss man dann den Mut aufbringen, einfach auf seinem eigenen Teller zu bestehen. Mlinarevic meint dazu: «Letztlich hat der Gast immer die Wahl. Er kann alles teilen, muss aber nicht.»

Auswirkungen auf den Alltag

Auf den ersten Blick erscheint das Konzept des Teilens auch für das Restaurant-Personal einfacher. Es muss nicht so viele Einzelteller servieren, sondern kann die Gerichte einfach in die Mitte des Tisches stellen. In der Realität aber sei es sehr viel komplexer, betont Gregory Holzmann, Inhaber des «Oliv» in Basel.

Sein Restaurant bietet Food-Sharing schon seit fünf Jahren an und war damit einer der Vorreiter. «Das Personal muss bei diesem Konzept aufmerksamer sein, muss mehr abräumen, die Teller wechseln – und vor allem mehr erklären, weil das Teilen des Essens nicht so stark in unserer Kultur verankert ist, sonst funktioniert das Konzept nicht», betont Holzmann. Der Aufwand ist es dem Team vom «Oliv» jedoch wert: «Teilen bringt die Menschen näher zusammen, sie lernen sich noch besser kennen.»

Nicht nur dies: Essen zu teilen, soll uns sogar zu besseren Mitmenschen machen. Zu dem Schluss jedenfalls kommt eine Studie der Universität Antwerpen. Personen, die schon in ihrer Kindheit die Mahlzeiten öfter in der Familie geteilt haben, zeigen eine deutlich grössere Bereitschaft zu altruistischen Handlungen. Das heisst, sie waren schneller bereit, Fremden Hilfe anzubieten, wie etwa im öffentlichen Verkehr ihren Sitzplatz freizugeben oder Freunden beim Umzug zu helfen.

Laut Studienleiterin Charlotte De Backer wurden sie durch das Teilen von Essen dazu gebracht, über Fairness (bekomme ich so viel wie alle anderen am Tisch?) oder Gier (manchmal kann ich nicht so viel nehmen, wie ich persönlich möchte) nachzudenken. Die Forscherin ist deshalb überzeugt, wie sie in einem Interview gegenüber dem Magazin «Time» betont, «dass unsere westlich individualisierten Gesellschaften mehr denn je davon profitieren, wenn sie Lebensmittel teilen».