Tierschutz
Aus der Ukraine nach Arosa: Zirkusbärin Jambolina startet in ein neues Leben

Einst musste sie in der Manege Motorrad fahren und wohnte in einem enge Käfig. Nun darf die Braunbärin ihre Instinkte neu entdecken - und muss lernen, ihre Angst vor anderen Bären zu überwinden.

Christian Bürge
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Im verschneiten Bärenland in Arosa hat Jambolina vorerst ein Gehege für sich alleine, da sie nicht an andere Bären gewöhnt ist.
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Für den Transport wurde sie betäubt...
...und in einen Transporter verladen.
Vorsicht erkundigt sie ihr neues Gehege im Bärenland Arosa.

Im verschneiten Bärenland in Arosa hat Jambolina vorerst ein Gehege für sich alleine, da sie nicht an andere Bären gewöhnt ist.

Stefan Bohrer (Arosa, 11. Dezember 2020

Grenzübergang St.Margrethen am Freitagmorgen, halb neun. Ein Transporter der Tierschutzorganisation Vier Pfoten rollt von der österreichischen Seite an. Ein Fahrer und ein Tierarzt sitzen vorne in der Kabine, hinten auf der Ladefläche steht die kostbare Fracht. Ein grüner Container mit der elfjährigen Braunbärin Jambolina.

2300 Kilometer weit sind die drei seit Dienstag gefahren. Von Krementschuk in der Ukrai­ne bis an den Bodensee. Noch hundert Kilometer und ein paar hundert Kurven bis zum Ziel, wo die Bärin den Rest ihres Lebens verbringen wird.

Sie ist weit gekommen. 2009 wird sie im Zoo von Jalta auf der Krim geboren, mit nur fünf Wochen der Mutter entrissen und an einen neuen Halter verkauft. Der zieht sie von Hand auf und beginnt früh, sie für Aufführungen zu trainieren. Über Jahre wird sie im Zirkus in der Ukraine und bis weit über die Landesgrenzen auftreten.

Kunststücke in Mädchenkleidern

Zur Gaudi des Publikums werden ihr Mädchenkleider angezogen, sie trägt einen Jupe. Dann muss sie Kunststückchen machen. Auf den Vorderpfoten gehen, mal auf einem kleinen Velo fahren, mal auf einem Mini-Motorrad im Kreis um die Manege. Die Kinder kreischen, die Eltern applaudieren. Sie schlägt einen Salto von einem kleinen Podest, balanciert auf einem Seil.

«Von daher ist sie ziemlich fähig», sagt Tierarzt Marc Gölkel, rollt mit den Augen und schüttelt den Kopf. «Es ist verrückt, was man so einem Tier alles beibringen kann.» Viele Kunststücke werden der Bärin mit Leckereien versüsst. Aus Langeweile beisst sie in die Gitterstäbe. Die Zähne gehen kaputt.

2020 ist ihr Glücksjahr. Der Besitzer trägt sich mit dem Gedanken, aufzuhören. Dass wegen der Coronakrise sämtliche Vorstellungen abgesagt werden, erleichtert seinen Entscheid. Denn er hat Gewissensbisse. Über Monate sitzt Jambolina in einem winzigen Käfig in seiner Garage. Wo sie nur sitzen, sich aber nicht auf ihren Hinterbeinen aufrichten kann.

Svetlana Dmitrenko

Er möchte die Bärin an die Vier Pfoten übergeben, doch deren Bärenschutzzentrum in der Ukraine ist schon voll. Schliesslich vermittelt die Tierschutzorganisation Jambolina nach Arosa.

Der Besitzer ging Gassi mit dem Bären an der Leine

«Auf dem linken Auge ist sie wohl nahezu blind», sagt Marc Gölkel. Das wird noch genauer untersucht. «Und die Zähne müssen gemacht werden. Ein paar sind vereitert und infiziert. Die müssen gezogen werden. Aber das stört die Bärin nicht. Sie muss sich hier nicht verteidigen und nicht jagen.»

Gölkel erzählt, wie schwer dem Besitzer der Abschied fiel. «Er war natürlich todtraurig. Seit sie 30 Zentimeter lang war, kümmerte er sich um sie, zog sie als Flaschenkind auf. Sie war fixiert auf ihn. Er konnte sie manipulieren wie einen Hund, ging auch Gassi mit ihr in den Wald. An der Leine. Ich unterstelle solchen Leuten keine Böswilligkeit, sie wissen es einfach nicht besser. Darum ist die Aufklärung so wichtig.» Der Besitzer liess ihn wissen, dass Jambolina panische Angst vor anderen Bären hat. «Sie kennt vor allem Menschen. Aber vielleicht bekommen sie das in Arosa hin.»

Nach Schätzung von Alexandra Mandoki, der Länderchefin Schweiz von Vier Pfoten, werden in der Ukraine um die achtzig Bären so gehalten. «Zwar gibt es jetzt ein Gesetz, das die Haltung von Bären reguliert. Die Vorgaben sind aber unzureichend. Als Folge leben viele Bären unter nicht artgemässen Bedingungen.»

Ein Bier für den Bären

An vielen Orten in Europa werden Bären noch als Attraktion vor Restaurants und Tankstellen gehalten. In Albanien – und auch in der Ukraine – war es lange weit verbreitet, dass Restaurantgäste den Bären gegen einen Aufpreis Bier verabreichen dürfen. Die Tiere werden so schnell alkoholabhängig.

In der Ukraine können Bären nach wie vor als Haustier angemeldet werden. Einzige Bedingung ist ein Gehege von 30 Quadratmetern Fläche und 3 Metern Höhe. Mit natürlichen Bedürfnissen hat das nichts zu tun.

Das Bild vom rückständigen Osteuropa ist aber nur die halbe Wahrheit. Selbst in Frankreich gibt es noch Bären, die auf Festivals und Jahrmärkten auftreten. Und in Asien werden nach Schätzung der Organisation World Animal Protection noch immer 20000 Bären gehalten, um ihnen in einer qualvollen Prozedur Gallensaft abzuzapfen, der in traditioneller asiatischer Medizin verwendet wird.

Die Angst vor Artgenossen

Kurz vor Mittag. Vor der Luftseilbahn Arosa-Weisshorn wird Jambolina ausgeladen. Ein paar Dutzend Menschen sind da. Patinnen der Bärin, Schaulustige, Medienvertreter. Jambolina schwenkt hinter den Gitterstäben den Kopf hin und her. Sie wird nervös. Der Schnee blendet grell, die Gerüche sind ungewohnt. Sie wird in die Gondel verfrachtet und auf über 2000 Meter gebracht.

Stefan Bohrer

Von dort bringt ein Pistenbully den Container bis zu den Stallungen. Nach knapp zwanzig Minuten darf sie in die Innenanlage, inspiziert vorsichtig die Holzschnitzel, schnuppert an den Äpfeln, richtet sich auf den Hinterbeinen auf.

Hans Schmid, der wissenschaftliche Leiter des Bärenlandes, ist auch da. Die ehemalige Eishockey-Ikone ist gespannt, wie sich Jambolina einlebt. «Bären sind in der Natur Einzelgänger», sagt er. «Wir würden sie nie sofort in die gleiche Anlage mit den anderen zwei Bären lassen. Für das Tier ist das eine riesige Veränderung und mit Angst verbunden. Sie ist unsicher, hat menschliches Verhalten gelernt. Sie hat sich den Menschen eingeprägt, in der Prägungsphase vom Halter gelernt. Der Dompteur war ihre verhaltensbiologische Mutter.» Nur mit Bären hat sie sich nie auseinandergesetzt. Sie muss eine neue Sprache lernen.

Eine Winterruhe kennt Jambolina noch nicht

Schmid hofft, dass sie in eine Winterruhe geht. «Das ist angeboren. Auch wenn sie es noch nie gemacht hat.» Das Nahrungsangebot wird in den nächsten Tagen stark reduziert. Wenn es nichts mehr zu essen gibt, ist es wahrscheinlich, dass sie sich ein Nest baut.

Meimo und Amelia, die anderen beiden Bären, sind nach zwei Wintern erstmals nicht mehr in der Holzhöhle im Stall, sondern draussen. Sie inspizierten die Felsblöcke auf dem Gelände, gruben rund um den Höhleneingang, nahmen jede Menge Alpenrose­sträucher als Polsterung hinein. «Und jetzt sind sie zugeschneit und halten dort Winterruhe.»

Im Frühling wird Jambolina die Aussenanlage erkunden können. «Wenn sie mit der Anlage vertraut ist, kann sie die anderen beschnuppern. Die Chance ist gross, dass sie sich bärentypisch verstehen.»

In der ersten Nacht baut sich Jambolina erstmals ein Nest. Sie scharrt sich Langstroh zusammen und legt sich hin. Die Instinkte funktionieren. Wenn alles gut läuft, hat sie noch zwanzig Jahre eines zweiten Lebens vor sich.