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Aufgedrehtes Beirut: Wo früher Krieg wütete, ist heute Party angesagt

Bürgerkrieg und Blingbling, Flüchtlingslager und Schönheits-OPs – im Libanon vermischt sich Exzess mit der Bedrohung von aussen.

Rebecca Wyss
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Bilder aus dem Libanon
4 Bilder
Die römischen Tempelanlagen in Baalbek gehören zu den grössten in der arabischen Welt.
Byblos ist wegen der Trutzburg und des pittoresken Städtchens einen Abstecher wert.
Auch das ist Libanon: Fast zwei Millionen syrische Flüchtlinge leben in Zelten.

Bilder aus dem Libanon

Jens Schwarz/laif

Frauen in Miniröcken stöckeln über die palmengesäumte Meerespromenade – mit weit aufgerissenen Augen sitze ich auf der Autorückbank. «Ihr Westler habt oft eine ganz falsche Vorstellung von uns», sagt Walid A El Temsah, der den Wagen lenkt. Uralte Souks, bis auf die Zähne verschleierte Frauen und ein Alkoholverbot hatte ich erwartet, und genau das gibts hier nicht. Hier ist Beirut. Beirut ist Libanon.

Und Walid ist Reiseveranstalter, er schaut, dass wir gut versorgt sind. Also gehts als Erstes zum «besten Fruchtsaftstand der Stadt», kündigt er an. Tatsächlich sauge ich einige Minuten später den grandiosesten Granatapfelsaft meines Lebens in einem Zug leer, während Walid klarstellt: «Wir leben wie ihr, vielleicht sogar besser.» Ich werde stutzig: Fast ein Drittel der Bevölkerung Libanons lebt mit weniger als zwei Dollar im Monat, das soll besser sein? «Nicht finanziell.» Er lächelt. «Wir leben mehr, geniessen mehr.»

Ich denke an den syrischen Krieg, der nur Kilometer von der libanesischen Grenze entfernt wütet. Daran, dass der Libanon selbst immer wieder zum Schauplatz von Gräueltaten wird. Zuletzt 2006, als Israel auf libanesischem Grund gegen die Hisbollah kämpfte. Bis in die Neunzigerjahre litten die Libanesen 15 Jahre unter dem Bürgerkrieg zwischen Christen und Muslimen. Ein Krieg, der 100'000 Todesopfer forderte. Gebäuderuinen voller Schusslöcher – man findet solche Zeugnisse überall in der Stadt.

Gut zu wissen

- Anreise Germania fliegt zweimal pro Woche direkt nach Beirut. Hin- und Rückflug kosten rund 450 Franken (www.flygermania.com).

- Unterkunft Hauptsache zentral, da es kein gutes öV-Netz gibt. Das Mövenpick Hotel & Resort Beirut ist gut gelegen (Général de Gaulle Avenue, (www.movenpick.com).

- Highlights Die Bekaa-Ebene mit Weingütern und der Tempelanlage Baalbek. Die Trutzburg in Byblos. Empfehlenswert: Reiseführer William El-Ghajar (williamelghajar@hotmail.com).

- Essen Unbedingt traditionell: Mezze als Vorspeise, mit gebratenem Fleisch oder Fisch als Hauptspeise.

Tanzen auf dem Vulkan

Walid winkt ab: «Das ist nur ein Teil von Beirut, es hat sich vieles verändert.» Er schickt uns ins Ausgehviertel Hamra. Dort schlagen wir uns zuerst einmal die Bäuche voll mit unzähligen libanesischen Vorspeisen, den Mezze. Dann gehts in die Samstagnacht hinaus. Es ist März, 15 Grad warm und vor den auf die Strasse hin offenen Bars versammelt sich die Beiruter Jugend. Die Jungs und Mädchen plaudern, lachen, trinken und flirten. Oder springen von ihren Hockern auf, wenn wieder mal ein Techno-Hit, gemischt mit der wunderbar klaren Stimme der weltberühmten libanesischen Sängerin Feruz, gespielt wird. Dann werfen die Frauen ihre Köpfe mit den blondierten Haaren hin und her und die Männer tasten sich an sie heran. Als wären wir in Barcelona oder Mailand.

Im Juli steigt die Party des Jahres: Das internationale Elektromusikfestival Tomorrowland schlägt in Beirut seine Zelte auf. «Alle wollen da hin, aber leider hat es keine Tickets mehr», sagt Dana. Sie ist 24 Jahre alt und eine von Walids drei Töchtern. Die Muslimin – Sunnitin – mit schwarz gelockter Mähne, hüfthohen Jeans und Stiefeln, die bis über ihre Knie ragen, ist schon ziemlich herumgekommen. Sie hat schon Städtetrips in Spanien und in Frankreich gemacht. Sie hat auch viele christliche Freunde. Vor zwanzig Jahren wäre das undenkbar gewesen. «Wenn ich einen Christen heiraten will, stehen mir meine Eltern nicht im Weg», sagt sie. In den letzten Jahren habe sich die Einstellung der Libanesen verändert. «Die Gesellschaft ist toleranter geworden.»

Maps4news.com

Bloss kein Krieg mehr

Das sind neuere Töne. Die jüngere Geschichte Libanons ist geprägt von Konflikten zwischen den Volksgruppen. Im kleinen Küstenstreifen am Mittelmeer leben vier Millionen Menschen, die 18 Religionsgemeinschaften angehören. Die grössten sind die maronitischen Christen, die muslimischen Sunniten und die muslimischen Schiiten. Sie leben in einem fragilen Gleichgewicht zusammen. Dieses will niemand vorsätzlich gefährden. Deshalb gibt es auch seit 1932 keine Volkszählung mehr.

Damals einigte man sich auf eine politische Zauberformel, die die Grösse der jeweiligen Gruppen abbildet. Der Posten des Präsidenten ist seitdem einem maronitischen Christen vorbehalten, der des Ministerpräsidenten einem Sunniten. Parlamentspräsident ist stets ein Schiit. Walid sagt: «Daran will derzeit niemand rütteln. Wir sind kriegsmüde.»

Der Libanon hat den Krieg hinter sich gelassen. Längst ist das Land wieder im Tourismusmodus. Und erinnert an das «Paris des Ostens», das es wegen seiner Lebensfreude, der Offenheit und der Vergnügungsangebote früher einmal war. Seit einigen Jahren eröffnen wieder Trend-Restaurants, werden Hotels gebaut und die historischen Stätten herausgeputzt. Wie Byblos zum Beispiel. Nur eine Autostunde von Beirut entfernt, stösst man auf die Küstenstadt, die zum Unesco-Weltkulturerbe gehört. In den pittoresken Altstadtgassen steht heute ein Souvenirladen neben dem anderen. Nur noch die Gemäuer erinnern an die Glanzzeiten des Ortes. Als sich hier alles niederliess, was in der Weltgeschichte Rang und Namen hat: die Phönizier, die Griechen, die Römer.

Hoch oben über dem Hafen thront die Trutzburg. Im 11. Jahrhundert hatten die Kreuzfahrer diese erbaut. Sie haben offenbar auch sonst Spuren hinterlassen: Allein in Byblos entdecken wir zwei rothaarige Libanesen.

Gut von Beirut aus erreichbar ist auch Baalbek – ein kulturhistorisches Schwergewicht. Neben Palmyra in Syrien gehört die römische Tempelanlage zur grössten im Nahen Osten. Dafür muss man zwei bis drei Stunden ins Landesinnere fahren, zur Bekaa-Ebene. Hier findet man unzählige Felder voller Weinreben. Das Winzerhandwerk hat Tradition, zumal hier die ältesten Weinanbaugebiete der Welt liegen. Hier leben viele Schiiten, die meisten unterstützen die radikale Hisbollah-Partei. Kaum sind wir aus dem Auto gestiegen, kommt auch schon ein Strassenverkäufer angerannt. Er streckt uns lächelnd ein grünes T-Shirt mit arabischer Schrift entgegen, aus der ein Gewehr ragt – typisch Hisbollah.

Hier also, 1150 Meter hoch am Nordrand der Ebene gelegen, treffen wir auf die Überreste des Venus-Tempels, die 42 Säulen des Jupiter-Tempels und den fast vollständig erhaltenen Bacchus-Tempel. Der Eindruck: monumental. Die Frage: Wie haben die Römer die tonnenschweren Brocken bloss hierhergeschafft? Man weiss es nicht. Fast überblendet die historische Bedeutung des Orts die Tatsache, dass auf dem Weg zur Anlage unzählige weisse Zeltdörfer die Strassen säumen. Aber nur fast. An Wäscheleinen hängen farbige Pullover, schwarze Foulards und Hosen, auf den Dächern liegen riesige Pneus. Sie sorgen dafür, dass der Wind die Planen nicht fortbläst. Das ist auch Teil des Libanons: die Flüchtlingskrise. 1,8 Millionen syrische Flüchtlinge leben in Zelten, das ist fast ein Drittel der gesamten Bevölkerung. Der Staat lässt sie offiziell weder arbeiten, noch stellt er Unterkünfte bereit.

Gefragte Schönheitschirurgen

Das Flüchtlingshilfswerk UNHCR versorgt sie medizinisch, verteilt Lebensmittelgutscheine und sorgt dafür, dass die Kinder in die Schule gehen. Das sehen die Einheimischen nicht gern. «Ihnen gehts besser als manchen Libanesen», sagt ein Anwohner ungefragt. Ein Busfahrer klagt: «Die haben mehr Kinder als wir, irgendwann sind sie in der Überzahl.» Eine junge Libanesin bringt den Unmut auf den Punkt: «Wir wollen nicht, dass das gesellschaftliche Gleichgewicht ins Wanken gerät, wir wollen keinen Krieg mehr.»

Zurück in Beirut ist das alles weit weg. Dort schlendern Frauen mit Gucci-Taschen durch neu gebaute Konsumtempel rund um den Place d’Étoile, kurven Männer mit Porsches durch die Strassen oder starten ihre Luxusjacht, von denen es im Hafen nur so wimmelt. Angeberei gehört in der arabischen Welt zum guten Ton. Dafür legen sich die Libanesen auch unters Messer. Michael-Jackson-Nase, aufgeblasene Brüste, Schlauchboot-Lippen – es vergeht kaum eine Stunde, in der nicht eine «aufgehübschte» Frau vorbeistöckelt. Längst haben sich Beiruts Schönheitschirurgen in der ganzen Region einen Namen gemacht. Was halten die Männer vom Körperkult? Die machen mit. «Sie lassen sich den Kiefer operieren, um ihm mehr Kontur zu verleihen», sagt ein 28-Jähriger, der uns begleitet. Freunde von ihm hätten es bereits gemacht. Für ihn ist ein Eingriff noch kein Thema. «Vielleicht wenn ich älter werde, warum nicht.»

Die Reise wurde ermöglicht durch die Fluggesellschaft Germania und Mövenpick Hotels.