Reisen

Aufblühen in der Sonnenstube der Schweiz

Malerische Blütenpracht: In Brissago ist die Natur bereits erwacht und trumpft mit ihren Farben auf.

Malerische Blütenpracht: In Brissago ist die Natur bereits erwacht und trumpft mit ihren Farben auf.

Schneller in das Tessin reist es sich, seit der Gotthard-Basistunnel eröffnet ist. Das ist besonders willkommen, wenn nördlich der Alpen der Frühling auf sich warten lässt. Hier kommen rund um Ascona Blumenfreunde auf ihre Rechnung – aber nicht nur sie.

Am liebsten würde man in die Rolle von Gilbert Gress und Christa Rigozzi schlüpfen: Sich ein Pedalo schnappen und über den See gleiten, wie es der Fussballexperte und die Ex-Miss- Schweiz im neuesten Werbespot für die Region Ascona-Locarno tun. Aber das Wetter ist eine Spur zu frisch und die Pedalos sind noch in der Garage verstaut.

Immerhin: Die Sonne strahlt, ein Hauch von Frühling liegt in der Luft. «Wie es sich für die Sonnenstube gehört», sagt Natalie Lupatini. «Es ist eben mehr als ein Klischee, das man vom Tessin hat», ergänzt die Marketing-Verantwortliche von Ascona-Locarno Tourismus. Schliesslich lockt die Gegend um Locarno mit 2300 Sonnenstunden pro Jahr.

Das ist Balsam für die Touristen aus dem Norden, die genug vom langen Winter haben. Nur etwas mehr als zwei Stunden zuvor waren sie noch in eisiger Kälte, nun flanieren sie beglückt an der Promenade von Ascona und rücken ihre Gesichter hingebungsvoll gegen die Sonne. Noch herrscht kein Rummel in der pittoresken Altstadt und an der See-Promenade. Für die Einheimischen Zeit, die letzten Arbeiten zu tätigen: Terrassen werden gefegt, Boutiquen neu eingerichtet und Strassenpflästerungen fertiggestellt.

Völlige Ruhe empfängt uns auf dem Monte Verità, diesem magischen Ort oberhalb von Ascona. Nur ein paar Seelen streifen durch die grosszügige Parkanlage mit Palmen, Bambushainen. Etwa der ältere Herr mit weissem Bart, der uns an die einstigen Bewohner erinnert. Im Jahr 1900 lockte die von der Pianistin Ida Hofmann und dem belgischen Industriellen Henry Oedenkoven gegründete Kooperative Künstler, Visionäre und Schriftsteller an.

Ihr Sanatorium Monte Verità stand allen offen, die Erholung und nach dem Sinn des Lebens suchten. Auch als der Baron Eduard von der Heydt 1926 den ganzen Hügel kaufte und ein Hotel im Bauhausstil errichtete, war der Ort Anlaufstelle für Künstler und Politiker. Nach seinem Tod 1964 geriet der Monte Verità etwas in Vergessenheit und wurde erst wieder durch den Ausstellungsmacher Harald Szeemann aus dem Dornröschenschlaf geweckt.

Grüntee aus Ascona

Von den «Balabiott» («Nackttänzer»), wie die ersten Bewohner des Monte Verità von den Einheimischen genannt wurden, gibt es nur noch wenige Spuren. Zwei der Licht-Luft-Hütten wurden restauriert sowie die Casa Selma in ein kleines Museum umgewandelt. Eine Skulptur aus Stahlstangen – ein Ikosaeder mit 20 Flächen – erinnert an Rudolf von Laban, den Begründer des modernen Tanzes, der hier wirkte.

«Es ist ein Kraftort», sagt unser Guide Mark Graf, der Geografie studiert hat. «Weil der Ort genau auf der Spalte liegt, die Europa geologisch von Afrika trennt.» Er zeigt den Punkt, wo die Kraft am stärksten sein soll. Stellt man sich darauf, hat man tatsächlich das Gefühl, als würde man von Energie durchflutet. Alles nur Einbildung? Jedenfalls muss es etwas auf sich haben mit diesem Fleckchen Erde, das so verwöhnt wird von seiner einzigartigen Lage.

Sonst könnte hier wohl kaum Tee in einer Plantage wachsen. Über 1000 Pflanzen der immergrünen Camellia sinensis hat hier der ehemalige Drogist und Teeliebhaber Peter Oppliger 2005 angepflanzt – ganz nach japanischem Vorbild in schwungvoll verlaufenden Reihen. Daraus lässt sich Grüntee herstellen.

Inmitten des subtropischen Mikroklimas gedeiht dieser tatsächlich und wird jeweils im Mai geerntet (Tee-Erntefest vom 11.–13. Mai 2018). «Diese Arbeit wird von zwei Japanern ausgeführt, die extra für eine Woche hierherkommen», erzählt Yvonne Dellamora, die uns in der Casa del Tè namens Loreley empfängt. Leider gibt es daraus nur gerade drei Kilogramm Tee, der jeweils sogleich ausverkauft ist.

Dafür kann man im Teehaus, das seit vergangenem Jahr vom Teefachgeschäft Länggass-Tee in Bern betrieben wird, eine riesige Auswahl an ausgesuchten Tees kaufen oder an japanischen Tee-Zeremonien teilnehmen.

Auch wenn die Grüntee-Pflanzen zur Familie der Kamelien gehören, wird man zum jetzigen Zeitpunkt keine Blüten sehen. Sie blühen von Oktober bis Januar. Anders in Locarno, der eigentlichen Heimat der Kamelien-Pflanzen. Neben den Palmen, die an jeder Ecke wachsen, sind die Kamelien das zweite Markenzeichen der Stadt am Lago Maggiore. Sie signalisieren das Frühlingserwachen.

Dieses Jahr ist zwar alles ein bisschen verzögert. «Sie werden dafür bis Ende April blühen», betont Natalie Lupatini von Ascona-Locarno Tourismus. Einen ersten Eindruck über die Vielfalt dieser majestätischen Pflanzen holen wir uns auf der Piazza Grande, die für einmal nicht im Zeichen des Films oder der Musik steht. Im Palazzo della Sopracenerina werden rund 200 Sorten in einer Ausstellung gezeigt. Hunderte von Handys und Fotokameras halten die vergängliche Pracht fest: Ein kräftiger Regenguss, und die zarten Blütenblätter werden braun.

1700 Pflanzen aus aller Welt

Regen ist zum Glück nicht in Sicht. Wir spazieren von der Piazza Grande Richtung Seeufer und erreichen den Parco delle Camelie in weniger als einer halben Stunde. Garten- und Parkliebhaber kommen schon auf dem Weg in denGiardini Jean Arp mit den Bronze-Skulpturen sowie im Parco della Pace mit den gigantischen Trauerweiden am Seeufer auf ihre Rechnung.

Der Shuttle-Bus hat soeben eine Ladung Kamelien-Liebhaber abgesetzt. Trotzdem kann man im Park die Blüten problemlos aus nächster Nähe betrachten. 2005 wurde der Parco delle Camelie eröffnet. Gegen 1000 verschiedene Sorten der Camellia japonica, wie sie botanisch heisst, sind hier in den Blumenbeeten mit Amphitheater, Wasserlauf und Teich hübsch arrangiert. Andächtig stehen die Besucherinnen und Besucher vor den immergrünen Sträuchern mit ihren Tausenden von Knospen.

Eine unglaubliche Vielfalt hat diese Pflanzengattung zu bieten. Strahlend leuchten die Blütenblätter in allen Farben zwischen Rot und Weiss. Manche haben feine farbige Streifen in verschiedenen Schattierungen, andere wiederum betören mit dicken gelben Staubgefässen oder der Symmetrie der Blütenblätter. Wie die Mrs. Tingley, die sage und schreibe 60 solche Blättchen hat.

Unser Guide Mark Graf hat ein Büchlein in der Hand und erklärt uns Details über die einzelnen Sorten. «Die Camellia Hagoromo mit ihren zarten weissen Blütenblättern gehört zu den schönsten der Welt», sagt er. Wir erfahren auch, dass gewisse der kapriziösen Kameliensorten dank ihrer öligen Samen auch für die Kosmetik genutzt werden.

Die Region um Ascona und Locarno bietet für Pflanzenliebhaber noch weitere Highlights. Sie sind mit dem Ticino Ticket bequem zu erreichen. Gäste, die mindestens eine Nacht im Hotel, auf dem Campingplatz oder in der Jugendherberge übernachten, erhalten diese Karte gratis. Ein Ausflug auf die schwimmenden Gärten zu den Brissago-Inseln gehört zweifellos zu den Attraktionen.

Die grössere der beiden Inseln ist der Botanische Garten des Kantons und mit 1700 Pflanzenarten aus allen Kontinenten ein wahres Paradies. Ebenfalls ein kleines Paradies hat sich Otto Eisenhut auf der anderen Seeseite in Gambarogno geschaffen.

Auf über 20 000 Quadratmetern hat der Baumschulist im Parco Botanico Tausende von Pflanzen gezogen, darunter an die 1000 Kameliensorten und 550 verschiedene Magnolien. Auch sie sind gerade in voller Blüte und mögen darüber hinwegtrösten, dass es nördlich der Alpen noch ein Weilchen dauert, bis der Frühling endlich Einzug hält.

Die Reise wurde unterstützt von Ascona- Locarno Tourismus.

Top 5 Bike-Touren

Wer mit dem Velo ins Maggiatal fährt, kommt an den typischen Steinhäusern vorbei.

Wer mit dem Velo ins Maggiatal fährt, kommt an den typischen Steinhäusern vorbei.

Vallemaggia Die ausgeschilderte Radroute (35,5 km Länge) führt von Locarno ins Maggiatal bis nach Cavergno am Eingang des Bavona-Tals. Im Frühjahr 2016 eingeweiht, können Velofahrer seither auf diesem Radweg abseits vom übrigen Verkehr ihre Fahrt geniessen.

Alta Verzasca Bike Die relativ ebene Mountainbike-Strecke von 8,3 km Länge befindet sich im oberen Teil des Verzasca-Tals mit Start in Brione Verzasca und Ziel in Sonogno – zwei typische Bergdörfer inmitten der Natur.

Locarno–Arcegno–Locarno Die 22,3 km lange Tour führt von Locarno über die neue Maggiabrücke und der Seepromenade entlang zum Monte Verità oberhalb Ascona. Dort gilt es, Richtung Ronco abbiegen und nach Arcegno hinauffahren, wo es durch den Dorfkern nach Golino geht und schliesslich via Losone zurück nach Locarno.

Tenero–Mergoscia Für diese Route muss man im Kreisel in Tenero die Bergstrasse nach Contra und Mergoscia einschlagen. Auf der wenig befahrenen Strasse lässt sich nach etwa 8,5 km das malerische kleine Dorf Mergoscia erreichen.

Riazzino–Monti Motti In Riazzino schlängelt sich nahe des Schulgebäudes die Strasse nach Monti Motti hoch. Die teils steile, teils ebene Strasse endet nach etwa 15 km und bietet eine schöne Aussicht auf den Lago Maggiore.

Top 5 Wanderungen

Beim Wandern liegt einem der Lago Maggiore zu Füssen.

Beim Wandern liegt einem der Lago Maggiore zu Füssen.

Collina Alta Dieser Ausflug bietet einen fantastischen Blick auf den Lago Maggiore und ist gut für Familien geeignet. Der Weg führt oberhalb von Orselina (Locarno) nach Brione und Contra. Dauer: 3 Stunden.

Seepromenade Tenero–Ascona Der schöne, ebene Panoramaweg führt am Ufer des Lago Maggiore entlang. Dabei passiert man das schlossartige Cà di ferro, die Jean-Arp-Gärten und den Parco delle Camelie. Dauer: 3 Stunden.

Sentiero dello Yoga Der Yogaweg beginnt in Vairano und führt zum kleinen Hotel Sass da Grüm. Entlang der Strecke durchquert man einen Kastanienhain und passiert Tafeln, die zu einfachen Yoga-Übungen anleiten. Dauer: 2 Stunden.

Sentieri di Pietra im Vallemaggia Die Sentieri die Pietra hält Wanderungen in verschiedenen Schwierigkeitsgraden bereit. Es geht vorbei an bäuerlichen Siedlungen, alten Kirchen, Naturreservaten oder Weinbergen. Jede Strecke bietet eine Entdeckungsreise für sich. Die Materie Stein prägt sowohl die natürliche wie die von Menschen geschaffene Landschaft.

Sentiero Revöira, Valle Verzasca Der Rundgang zeigt auf, wie in früheren Zeiten in diesem trockenen Tal Wasser gewonnen wurde. Der einfache Weg beginnt bei der Pfarrkirche von Lavertezzo, dem Ort mit der berühmten Steinbogenbrücke, und folgt streckenweise den Alpaufzugspfaden nach Revöira und Ca d Dént. Dauer: 3 Stunden.

Top 5 Traditionen

Der Markt in Ascona mit regionalen Spezialitäten.

Der Markt in Ascona mit regionalen Spezialitäten.

Pagliarte, Berzona Strohhandwerk hat im Locarnese und insbesondere im Onsernonetal eine lange Tradition. Der junge Verein Pagliarte lässt dieses alte Kunsthandwerk in zeitgemässer Art und Weise wieder aufleben. Er führt in Berzona im Onsernonetal ein kleines Verkaufslokal und bietet Kurse an. www.pagliarte.ch

Scuola di Scultura, Peccia Die Bildhauerschule im oberen Teil des Maggiatals stellt ein Stück ursprüngliches Tessin dar und bietet verschiedene Kurse an. Dabei wird vor allem mit Cristallina-Marmor gearbeitet, dem einzigen weissen Marmor in der Schweiz. www.marmo.ch

Artis negozio dell’Artigiano, Cevio Das Projekt Artis wurde von Frauen aus dem Maggiatal lanciert. Im Ladengeschäft in Cevio verkaufen sie regionale Käse, Büscion (Frischkäse), Joghurt, Salametti oder Weine. www.artisvallemaggia.ch

Pro Verzasca, Sonogno Die Pro Verzasca, 1933 gegründet, unterstützt die handwerkliche Verarbeitung von Wolle. In der «Casa della Lana» (Haus der Wolle) in Sonogno kämmen, spinnen und färben Frauen von Hand Schafwolle und verarbeiten sie zu Pullovern, Jacken oder Hausschuhen. www.proverzasca.ch

Märkte in Ascona und Locarno Wer regionale Produkte einkaufen möchte, darf die Märkte in Ascona (dienstags am Seeufer) und Locarno (donnerstags auf der Piazza Grande) nicht verpassen.

Top 5 Ausstellungen

Zeigt zeitgenössische Kunst: die Ghisla Art Collection in Locarno.

Zeigt zeitgenössische Kunst: die Ghisla Art Collection in Locarno.

Ghisla Art Collection, Locarno Ein Highlight für Liebhaber von zeitgenössischer Kunst ist die Ghisla Art Collection. Das Sammler-Ehepaar Martine und Pierino Ghisla zeigt unter anderem Werke von Lichtenstein, Picasso, Haring oder Twombly. www.ghisla-art.ch

Pinacoteca Comunale Casa Rusca, Locarno Die Galerie in der Casa Rusca verwaltet die Kunstsammlungen der Stadt mit der Schenkung von Jean und Marguerite Arp. Bis Mitte August ist dem Tessiner Architekten Mario Botta eine Ausstellung gewidmet. www.museocasarusca.ch

Museo Comunale d’Arte Moderna, Ascona Im Museo werden Werke von Avantgarde-Künstlern gezeigt, die während des Ersten Weltkrieges in der Region Asyl fanden. Das Museum bleibt bis Sommer 2018 wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. In dieser Zeit sind einige Werke im Castello San Materno ausgestellt. www.museoascona.ch

Komikmuseum Dimitri, Verscio Das Museum befindet sich im Teatro Dimitri. Es enthält über 600 Ausstellungsstücke, die der berühmte Clown im Laufe seiner Karriere zusammengetragen hat. www.teatrodimitri.ch/teatro/museo

Museum Monte Verità, Ascona Drei Gebäude bilden den Museumsparcours des Monte Verità: die Casa Anatta, das Wohnhaus der Gründer; die Casa Selma, eine typische Luft-und-Licht-Hütte; und der Pavillon «Klarwelt der Seligen». www.monteverita.org

Top 5 Übernachtungstipps

Das Hotel Belvedere liegt hoch über Locarno.

Das Hotel Belvedere liegt hoch über Locarno.

Hotel Belvedere, Locarno Hoch über Locarno thront das Hotel Belvedere. Schlichte Eleganz, ausgezeichnete Küche und eine herrliche Aussicht zeichnen das traditionsreiche Vier-Sterne-Superior-Hotel aus. www.belvedere-locarno.com

Casa Martinelli, Maggia Das schmucke Boutiquehotel Casa Martinelli in Maggia bietet Erholung in unberührter Natur. Das über 350 Jahre alte Haus mit einem neuen Zimmertrakt des bekannten Architekten Luigi Snozzi liegt in einer grossen, flachen und geschützten Grünzone. www.casa-martinelli.ch

Barca Blu, Orselina Das freundliche, unkomplizierte Drei-Sterne-Hotel liegt oberhalb von Locarno, nur 1½ km von der Piazza Grande entfernt. Die 21 stilvollen Zimmer und zwei Wohnungen bieten eine wunderschöne Aussicht über den Lago Maggiore. www.barcablu.ch

Castello del Sole, Ascona Das Fünf-Sterne-Hotel trumpft mit einem riesigen Hotelpark inklusive Privatstrand auf, einem Wellness-Bereich und einem eigenen Gutsbetrieb, der mit Gemüse, Wein oder Whisky aus eigener Produktion verwöhnt. www.castellodelsole.com

Albergo Losone, Losone Das Albergo Losone ist besonders beliebt bei Familien und hat den grössten Hotel-Palmenpark der Schweiz. Es gibt Kinderbetreuung bis 22 Uhr, gratis Veloverleih, Schwimmbad, Streichzoo und eine Golfanlage. www.albergolosone.ch

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