Tourismus bringt Feminismus
Auf Tour mit der ersten ägyptischen Beduinin, die im Sinai als Wanderführerin arbeitet

Umm Yasser wuchs mit traditionellen Rollenbildern auf, es war nie vorgesehen, dass sie einer Erwerbsarbeit nachkommt. Seitdem sich Touristen für ihre Heimat interessieren, kann die 45-jährige Ägypterin aber als Wanderführerin arbeiten.

Susanna Petrin aus dem Sinai
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Umm Yasser vor der Höhle ihrer Kindheit. «Es war ruhig, viel zu ruhig», findet die Beduinin.

Umm Yasser vor der Höhle ihrer Kindheit. «Es war ruhig, viel zu ruhig», findet die Beduinin.

Bilder: Susanna Petrin

Wir sind zwei Stunden durch das Wüstental Wadi Zehluga auf dem Sinai ­hinaufgewandert, wir sind keinem Menschen begegnet und auch keinem Tier. Jetzt stehen wir vor einer Felsgrotte. Das ist sie, die Behausung ihrer Kindheit. Zwei Höhleneinbuchtungen, je etwa drei Quadratmeter gross. Eine für die Schafe und Ziegen, eine für sie und ihre Mutter – der Rest der Familie pflege weiter unten in einer Hütte zu überwintern.

Aufrecht stehen ist darin nirgends möglich. War es hier nicht kalt in den Winternächten? «Giddan», sehr, sagt Umm Yasser auf Arabisch, aber sie hätten ein Feuer gemacht. War es nicht langweilig, «mumil»? «Giddan», sagt Umm Yasser, und diesmal entfährt es ihr wie ein Stossseufzer: «mumil giddan».

Die Beduinin Umm Yasser hatte das, was man getrost eine entbehrungsreiche Kindheit nennen kann. Die 48-Jährige ist eine Frau der Hamada, des ältesten Stamms auf der Halbinsel Sinai in Ägypten, aber auch der kleinste und vielleicht der ärmste. Geschätzte 1500 bis 2000 Angehörige der Hamada leben viele holprige Jeepstunden nördlich des Katharinenklosters in den Wadis, den Trockentälern, einer kargen, gebirgigen Wüstengegend. Google Maps hat sie noch nicht gefunden; für die gelegentliche Telefonverbindung muss man auf den höchsten Gipfel steigen. Das hier ist wirklich das Ende der Welt.

Umso mehr erstaunt, wie offen diese Frau ist, wie fortschrittlich sie denkt. Umm Yasser ist die erste Beduinin Ägyptens, die begonnen hat, als Wanderführerin im Tourismus zu arbeiten. Sie hatte es sich in ihren Kopf gesetzt – und durchgezogen. Sie sprengt damit die tradierte Rolle einer Beduinin, die sich um Haus, Kinder und Tiere zu kümmern hat. Drei weitere Frauen aus ihrem Stamm möchten ihrem Beispiel nun folgen.

Viele Beduinen, auch ihres eigenen Stammes, halten es für anrüchig, wenn eine Frau einer Erwerbsarbeit nachgeht und dazu noch mit Fremden zu tun hat. Es wird getuschelt, es gibt einen Ruf zu verlieren. Doch Umm Yasser foutiert sich um das Gerede:

Was die Leute darüber denken, ist mir genauso egal, wie was die Mücken denken.

Ihr Mann, Ibrahim, wird ihr später daheim bei einem Tee beipflichten: Alles, was seine Frau tue, sei, einer ehrlichen Arbeit nachzugehen. Er stand von Anfang an hundert Prozent hinter Umm Yasser. Überhaupt: Vom Hüten von Ziegen zum Wandern mit Touristen sei es ein kleiner Schritt. Aber die Touristen zahlen besser.

Zur Beruhigung des Stammes führt sie nur Frauengruppen

Im April 2019 führte Umm Yasser die erste Gruppe Touristen. Vielmehr: Touristinnen. Es hatte viele Diskussionen mit ihren Stammesleuten gebraucht, und auf diesen Konsens konnte man sich einigen: Umm Yasser würde nur Frauen führen, und sie würde zur Nacht jedes Mal zurück nach Hause kommen.

Die neue Aufgabe erfüllte Umm Yasser mit Stolz und Glück. Während andere Frauen ihres Stammes sich den Schleier ganz übers Gesicht ziehen, sobald sie fotografiert werden, lässt Umm Yasser einen Schlitz für die mit Kohle umrandeten Augen offen. Seit sie auf zwei Beinen stehen kann, wanderte sie mit ihren Tieren durch dieses Gebirge; tagelang, jahrelang. Sie kennt jeden Stein, jeden Grashalm, jede Wasser­stelle, jeden Schatten. Endlich würde sie dieses Wissen in bares Geld ausmünzen können. Sie die Expertin, die Ausländer ihrem Schritt folgend.

Auch jetzt, da wir nur zu zweit wandern, schreitet sie aufrecht voran in ihrem dunkelroten knöchellangen Gewand, eine Plastiktasche auf dem Rücken, den Henkel um die Stirn. Man muss fit sein, um ihrem Tempo zu folgen. Immer wieder fragt sie, ob es einem gut gehe, ob es einem gefalle hier. Es folgt eine gegenseitige Versicherung des Wohlergehens, mit lobenden Worten über die Landschaft – und diese Ruhe!

Manchmal zeigt sie auf ein Kraut, nennt Namen und Nutzen: Da ist ein stachliges Gestrüpp für die Ziegen, da ein bitteres Gras, das man sich als Paste auf schmerzende Knie streichen kann. Dort ein Gewächs gegen Bauchweh, da eins für zahnende Kinder. Wo Europäer nichts als Kargheit sehen, erkennt sie eine ganze Pharmazie. Die unscheinbarste Pflanze ist für etwas gut, und Umm Yasser kennt sie.

«Die Frauen haben eine andere Beziehung zu dem Land als die Männer», sagt Ben Hoffler. Der Engländer hat mit den Beduinen den preisgekrönten Sinai Hiking Trail aufgebaut, einen 550 Kilometer umfassenden Wanderweg, der erstmals sämtliche Stämme der Halbinsel zur Kooperation brachte.

Hoffler war für die Erkundigung der geeignetsten Pfade über Jahre hinweg mit Beduinen unterwegs gewesen. Stets mit Männern. Dann schlug Umm Yassers Ehemann, Ibrahim, ihm vor, das Gebiet auch mit seiner Frau zu erkunden. 2015, kurz vor der Eröffnung des Sinai Trail, sah Ben Hoffler das Land das erste Mal durch die Augen einer Frau: «Die Wanderungen mit Umm Yasser zeigten die mir fehlenden fünfzig Prozent des Sinai.»

Corona stoppte ihre kühnen Pläne vorerst

In ihrem Sack transportiert Umm Yasser eine Kanne, zwei Tassen und etwas Holz. Bei jeder Pause macht sie im Nu ein Feuer und kocht Tee. Beim Abstieg raucht sie eine selbstgedrehte Zigarette. Ich dürfe sie bei ihrem Vornamen Rabia nennen, sagt sie. Umm Yasser bedeutet «Mutter von Yasser»; der erste Sohn gibt vielen Ägypterinnen einen neuen Namen. «Rabia » heisst auf Arabisch «Frühling». Es ist, als ob sich die Frau auf sich selbst besänne. Es ist, als ob wir uns nun duzten.

Sohn Yasser macht Tee. Beduinen trinken ständig Tee, das ist ihr Benzin.

Sohn Yasser macht Tee. Beduinen trinken ständig Tee, das ist ihr Benzin.

Bilder: Susanna Petrin

Wie viele der Hamada hatte sie die Hoffnung, der Tourismus würde Geld einbringen. Für Kühlschränke, für Waschmaschinen oder wenigstens für Schulbücher. Ibrahim plante ein Gästehaus, eine Gästetoilette. Die Grundsteine für den Tourismus waren gerade gelegt, da kam Corona. Ibrahim repariert nun Autos und arbeitet in einer Magnesit- und einer Türkis-Mine.

Was nicht mehr fährt, taugt zumindest als Seitenwand: Ibrahim vor einem Unterstand im Wadi Zehluga.

Was nicht mehr fährt, taugt zumindest als Seitenwand: Ibrahim vor einem Unterstand im Wadi Zehluga.

Bilder: Susanna Petrin

Umm Yasser kümmert sich wieder um die Ziegen. Sie wäscht die Wäsche von Hand, sie knetet Teig, sie scheuert, sie füttert, sie kocht, sie putzt.

Ihr Sohn Yasser ist erwachsen, ihre Tochter Yusra ist ein scheuer Teenager, der viel im Haushalt hilft. Die Grossmutter lebt bei ihnen im Haus, das sogar aus zwei Gebäuden besteht – eines für die Männer, eines für die Frauen. Beide Häuser hat Ibrahim aus Ziegeln und Lehm gebaut; Pneus und Steine festigen das Wellblechdach. Innen ein paar Teppiche, kaum Möbel. Die Toilette ist ein Plumpsklo, die Dusche ein Kübel Wasser.

Im langen Sommer wird draussen vor dem Haus geschlafen. Die Frauen liegen dicht an dicht, die Grossmutter schnarcht. Ich dazwischen. Ob ich noch eine Decke brauche? So anstrengend es für verwöhnte westliche Reisende wie mich ist, in das Leben der Beduinen einzutauchen, so ungleich erfüllender ist es als Hotelferien.

Am Morgen reisst mich eine Ziege, die blökend um uns herum rennt, aus dem Schlaf. Normalerweise übernimmt die Sonne die Weckfunktion. Umm Yasser trägt keine Uhr. Nur ein Fernseher im Wohnzimmer bringt die Welt durch ein kleines Viereck herein. Und auch das nur, wenn ein Generator Strom erzeugt. Eine neue Errungenschaft im Wadi Sahu.

Rabias Schwester kommt zu Besuch. Wir trinken wieder Tee. Es ist so schön ruhig hier. Jetzt bricht es aus den Frauen heraus: «Genug dieser Ruhe!» Umm Yasser hofft auf mehr Unruhe, auf Touristinnen. Und Touristen. Denn als Nächstes möchte sie auch gemischte Gruppen führen. In Wadi Sahu, am Ende der Welt, wartet eine Frau darauf, dass sie ihrer Berufung als Wanderführerin folgen kann.