Wein

Auf der Spur von Viognier und Malakoffs

..

Während des «Bourru» an der Waadtländer Côte wandert man von Cave zu Cave und degustiert die lokalen Weine

Wer am ersten Wochenende im November einen Spaziergang durch die Rebberge um Luins, Vinzel, Begnins und Bursins geniessen will, wird verwundert sein, hier so vielen Leuten zu begegnen. Meist sind sie in Gruppen zielstrebig unterwegs, alle mit einer kleinen Stofftasche um den Hals, aus dem bei genauerem Hinschauen ein verstecktes Glas hervorlugt – wie ein kleines Känguru aus der Bauchtasche seiner Mutter.

«Bourru» nennt sich diese Tradition, die in den genannten vier Dörfern seit 1997 gepflegt wird. Mit «bourru» bezeichnet man den Jungwein, dessen Fermentation noch nicht ganz beendet ist. Er weist eine violette Färbung auf und ist noch weit vom Trinkgenuss entfernt. Nur wirkliche Kenner der Weinherstellung können aus ihm sein Entwicklungspotenzial ablesen.

Junger Wein

Dieser «vin bourru» ist nun am ersten Novemberwochenende zum Verköstigen bereit. Man kauft sich im erstbesten Weinkeller ein Glas für 15 Franken und fakultativ die erwähnte kleine Stofftasche für 3 Franken. So ist man gerüstet und wandelt durch die Weinberge von Cave zu Cave, von Dorf zu Dorf, und lässt sich sein Glas mit den verschiedensten Weinen füllen – zum Nulltarif.

Dieser noch junge Wein mag nun vielleicht Weinkenner abschrecken. Denn ein Hochgenuss ist der saure, noch unfertige Wein vom Fass nicht wirklich. Kein Problem, von den Hunderten von Gästen mit Glas wird sich nur ein verschwindend kleiner Teil auf das Abenteuer des halb vergorenen Traubensaftes einlassen. «Und wenn, dann vor allem, um zu einem schönen Schnappschuss von sich und einem riesigen Fass im Hintergrund zu kommen», meint Winzer Martial Besson vom Cave des Rossillonnes in Vinzel schmunzelnd. Nein, man tritt in einen Weinkeller ein, ortet schnell die Ausschankstelle, nämlich dort, wo bereits eine kleine Menschentraube mit gezücktem Glas ansteht, und schon gilt es zu entscheiden, welchen der bis zu zwanzig angebotenen Weine man degustieren möchte.

Wenig bekannte Rebsorten

Die Vielfalt ist gross. Nebst den bekannten Rebsorten wie Pinot Noir, Merlot, Chasselas, Chardonnay, Pinot Gris werden auch Weine aus schweizweit nicht so bekannten Rebsorten ausgebaut. So zum Beispiel der Viognier. Kleine Erträge und die Anfälligkeit auf Mehltau führten dazu, dass immer weniger Winzer die seit Jahrhunderten bekannte Traube zu Wein ausbauten.

Diese Weissweintraube wurde und wird vor allem im Rhonetal und in der Region des Genfersees angebaut und ist zu Unrecht wenig bekannt. Zum Glück verhelfen innovative Winzer dieser Traubensorte zu einer kleinen Renaissance. Der Wein besticht durch seine gelbe Färbung und einem betörenden Geruch nach Aprikosen und Pfirsichen – ein echter Frauenwein. Jedenfalls ergreift der Winzer im Château de Vinzel reflexartig die Flasche mit Viognier, wenn eine Frauengruppe zum Ausschank vorrückt.

Zwei Dinge fallen auf: Erstens sind die Qualitätsunterschiede von Cave zu Cave beträchtlich, zweitens ist der Ausbau ein und derselben Traubensorte sehr unterschiedlich. Ist in einem Weinkeller der Pinot Noir mit vielen Tanninen kräftig ausgebaut, besticht er im anderen desselben Jahrgangs mit süsslichen Beerenaromen.

Schaut man sich das Publikum des «Bourru» genauer an, wird bald klar weshalb. Die Altersstruktur ist zwar gut durchmischt, mit etwas mehr Leuten unter 40 als darüber – vor allem aber auffällig viele Frauen. Dieser Kundschaft wird in dieser Region bestens Rechnung getragen. Und sie dankt es.

Nicht nur die Breite des Angebots an verschiedenen Weinen beeindruckt, auch die Tiefe. Meist kann man die Weine von vier Jahrgängen und mehr verköstigen. Der Liebhaber kann so nicht nur seinen Lieblingswein degustieren und kaufen, er kann sich auch noch den Jahrgang aussuchen, der ihm am besten zusagt. Wie zum Beispiel im Château de Vinzel, wo wir die schon mehrmals prämierten Chasselas-Weine von Winzer Thierry Ciampi und André Hotz probieren.

Kulinarische Spezialitäten

Wandern, Degustieren, Diskutieren – das gibt Hunger. Viele Caves bieten auch ein regionales kulinarisches Angebot zu günstigen Preisen an, das von Raclette über Würste bis zur Königin der örtlichen Gastronomie reicht: den Malakoffs.

Es werden fast so viele Legenden über die Malakoffs kolportiert, wie Rebstöcke in den Weinbergen der Romandie stehen. Am wahrscheinlichsten erscheint diese Erklärung: Waadtländer Soldaten, die während des Krimkrieges in der französischen Armee unter Napoleon III. dienten und 1855 bei der Eroberung von Sebastopol dabei waren, das vom Fort Malakoff aus verteidigt wurde, sollen diese im heissen Öl ausgebackenen Käsekugeln erfunden haben. Zur Erinnerung an die siegreiche Schlacht gaben sie nach ihrer Rückkehr dieser Zubereitungsart den Namen Malakoff. Es ist anzunehmen, dass die heute servierte Köstlichkeit eine verfeinerte Variante des ursprünglichen Rezepts darstellt. Jedenfalls findet sie in den Restaurants unterwegs reissenden Absatz – à toute heure.

Mitarbeit: Silvia Schaub

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1